Verwunschen

8. August, 201612:08 von

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DSCF9237DrĂŒckende, schwer lastende Sommerhitze, wie es sie nur an einem Julinachmittag kurz vor einem Gewitter gibt. Eine wildwachsende Moorwiese, gesprenkelt mit lilanen, gelben und weissen BlĂŒtentupfern und trĂ€ge umschwirrt von dicken Insekten. Schwalben, die tief ĂŒber die Wiese und den See flattern. Und vor uns ein seltsam schiefes Ensemble von offensichtlich immer neu dazugebauten hohen Anbauten – es könnte ein Schloss sein, wenn es etwas einheitlicher wĂ€re und die einzelnen GebĂ€udeabschnitte nicht in verschiedenen Farben gestrichen wĂ€ren. Links ist ein einzelnes Torhaus in einer breiten, behĂ€bigen Architektur, das man ĂŒber eine BrĂŒcke erreicht. Dann kommt die Kirche mit Turm, und gleich daran anschliessend die scheinbar nicht zusammenpassenden GebĂ€udeteile, die sich im Viertelkreis auf die kleine Insel im See schmiegen. An den steilen HĂ€ngen weiden KĂŒhe, ĂŒber die HĂŒgel versprenkelt liegen ein paar malerische alte BauernhĂ€user. Aber das ist schon alles, was von einem zusammenhĂ€ngenden Ortskern zu sehen wĂ€re.

DSCF9241Die Hitze wabert in Schwaden um uns. Eigentlich ist es zu warm, um hier in der Sonne auf einer Bank zu sitzen. Aber auch zu schön, um wegzugehen. Je lĂ€nger ich leicht dösend auf das wunderhĂŒbsche GebĂ€udeensemble schaue, desto mehr verschwimmen Wirklichkeit und Phantasie. Dieses Torhaus kenne ich doch irgendwie – war es vielleicht in einem meiner Kinder- MĂ€rchenbĂŒcher? Und kommt da nicht GĂ€nseliesel mit ihrem Stab aus dem schattigen Tor und fĂŒhrt die schnatternden GĂ€nse ĂŒber die BrĂŒcke zum See? Und da oben, in dem ersten Turm, sitzt da nicht Rapunzel? Und da drĂŒben könnte Dornröschen schlafen… Will ich lieber eine Nixe zwischen den dunkelgrĂŒnen BlĂ€ttern der Seerosen sein oder ein Prinz auf einem weissen Pferd? Es ist so unglaublich ruhig und beschaulich und eingeschlafen hier, dass man denken könnte, man sei durch eine LĂŒcke in Zeit und Raum plötzlich vierhundert Jahre frĂŒher wieder aufgewacht. (Vielleicht eine Wirkung des Untersbergs in der NĂ€he, auf dem so was hĂ€ufiger vorkommen soll?).

DSCF9256Dabei tost eine der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands nur ein paar Kilometer entfernt vorbei. Dank der HĂŒgel um uns herum und der Senke, in der der See liegt, hören wir ĂŒberhaupt nichts davon. Und eigentlich verdanken wir die Entdeckung dieses verzauberten MĂ€rchenorts nur meiner Verfressenheit: wir wollten spontan nach Salzburg, hatten nicht gefrĂŒhstĂŒckt und keine Lust, gleich als ersten Programmpunkt in ein Restaurant einzufallen. Also kaufte ich beim BĂ€cker belegte Semmeln mit Tomate und Mozzarella – die sich bei nĂ€herer Inspektion als nicht im Auto-essbar herausstellten, weder fĂŒr Fahrer noch fĂŒr Beifahrer. Also sagte ich, genau so spontan wie der ganze Ausflug entstanden war, auf der Landstrasse zwischen Traunstein und Salzburg: „fahr mal da oben auf dem Berg rechts raus, wo wir eine Aussicht haben, und dann essen wir die Dinger da.“ Es gab eine Abzweigung oben rechts, aber dummerweise fĂŒhrte die Strasse  nur bergab und es gab keine Parkmöglichkeit. Wir waren so auf den Bergblick fixiert, dass wir das Kloster am See unten völlig ĂŒbersahen. Hatten sogar so dicke Scheuklappen, dass wir sagten: wie gut, ein grosser Parkplatz, da können wir wenden. Und dabei erst sahen wir das hĂŒbsche alte Torhaus… und den Kirchturm… und ĂŒberhaupt. Ein Hoch auf spontane PlanĂ€nderungen! Wir hĂ€tten diesen magisch schönen MĂ€rchenort sonst nie entdeckt und wĂ€ren am Ende noch jahrelang auf dieser wenig befahrenen, angenehmen Strasse gefahren, ohne zu wissen, was sich da fĂŒr ein Kleinod versteckt.

DSCF9261Im Lauf des Besuchs kriegen wir raus, dass wir uns in Höglwörth befinden, einem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift, das ab 1125 von Salzburg aus besiedelt wurde. Aus der Zeit stammt auch die erste Klosteranlage, die dann im Barock umgebaut wurde – alles auf „unregelmĂ€ssigem Grundriss“. (Ich freue mich immer, wenn der Dehio auf diese Phrase zurĂŒckgreifen muss, wo er doch sonst die spinnenartig – geometrisch – perfekten Grundrisszeichnungen so liebt. „UnregelmĂ€ssig“ heisst: hier wird’s richtig interessant!) Der schiefe und krumme Innenhof ist so was von charmant – ungefĂ€hr zwei trapezförmige Innenhöfe, die L-förmig aneinanderstossen, aber alles ĂŒberhaupt nicht ausgezirkelt und ganz offensichtlich so gut wie möglich angepasst an die Halbinsellage. Und das Pflaster! Ich konnte nicht genug davon kriegen. Noch individueller und unregelmĂ€ssiger als die ganze Anlage zusammen, denn es besteht ausschliesslich aus riesengrossen runden Katzenkopfsteinen. Ich kann mir kaum vorstellen, was das fĂŒr eine Arbeit war. Nicht nur das Verlegen, sondern erst mal das Sammeln von Hunderten ungefĂ€hr gleichgrosser Steine. Obwohl der Hof wie verzaubert im Sommermittagsschlaf liegt und der kleine Nepomuk-Brunnen in der Ecke einschlĂ€fernd plĂ€tschert, lasse ich mich nicht einlullen, sondern sprinte zum Auto zurĂŒck, um die Kamera zu holen. Ich möchte und muss es festhalten, wie man mit dem, was man hat, und mit RĂŒcksicht auf die örtlichen Gegebenheiten so viel Schönheit erschaffen kann. Es gibt berĂŒhmtere, geradere, abgezirkeltere Bauwerke, die uns durch ihre symmetrische Schönheit und Ausgewogenheit in ihren Bann ziehen. Höglwörth wird da wohl nie dazugehören. Aber der besondere  Bann von hier ist mindestens ebenso stark und nachhaltig.

(Weil es erst 1816 zu Bayern kam und Salzburg nur 20 km entfernt ist, wird dieser Ort in die „Salzburger Land“- Kategorie geschmuggelt…)