Neue Kamera – alte Statuen

20. August, 201611:18 von

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P1080683Letztes Jahr im August war ich in der faszinierenden Etruskerausstellung in der Antikensammlung und war so begeistert und erf├╝llt, dass ich beim Rausgehen dachte: und n├Ąchste Woche geh ich endlich mal in die Glyptothek gegen├╝ber. Ein Jahr sp├Ąter, immer noch keine Glyptothek… (Die Etruskerausstellung ist ├╝brigens immer noch, falls jemand Lust hat.) Aber jetzt hab ich’s endlich geschafft! Ausl├Âser war meine neue, langersehnte Kamera. Ich bin immer noch dabei, mich reinzufinden, und die Glyptothek sollte kein Vergn├╝gungs-, sondern ein ├ťbeausflug werden. Musste aber feststellen, dass ich ziemlich schlecht darin bin, wirklich viele Fotos zu machen. Es ist nicht nat├╝rlich f├╝r mich, durch die Linse zu gucken. Ich schaue wahnsinnig gern und bin eher in Gefahr, in manche Anblicke zu versinken und dann weiterzugehen, ohne ans Foto zu denken. Von daher war es kameram├Ąssig nur halb erfolgreich – aber ansonsten ein wunderbarer ruhiger Ferientag.

Das Sch├Ânste an der Glyptothek vorweg: dass ich gleich beim Reingehen eine ehemalige Sch├╝lerin traf, die jetzt Latein studiert und mit ihrem Kurs dort war. Sie war wie immer, als w├Ąren nicht ein paar Jahre vergangen, und sie erz├Ąhlte, dass sie sich einen hundert Jahre alten Fl├╝gel gekauft hat, der in ihrer Studentenwohnung steht, und dass sie fast jeden Tag spielt. Mission erf├╝llt, das M├Ądel ist auf dem richtigen Weg!

P1080688Verglichen mit englischen Museen ist die Glyptothek nur m├Ąssig instruktiv – man erf├Ąhrt aus den kostenlos zur Verf├╝gung stehenden Informationen zum Beispiel gar nichts dar├╝ber, woher die Statuen kamen oder wer sie wann wo gefunden hat. Die ganzen spannenden Drumherumgeschichten haben mir gefehlt, denn die sind bei manchen Kunstwerken mindestens so interessant wie das, worum es bei der Darstellung eigentlich geht. Aber es sind sensationell sch├Âne St├╝cke da versammelt. Hier, vor der Haust├╝r. Muss man gar nicht nach Rom fahren… Ich bin immer wieder fasziniert und auch seltsam ber├╝hrt von der Tatsache, was f├╝r eine Berg- und Talfahrt die Weltgeschichte und Kunstgeschichte so durchmacht. Dass es schon mal atemberaubend sch├Âne und perfekte freistehende Statuen gegeben hat, dieses ganze Wissen dann Jahrhunderte (Jahrtausende…) versch├╝ttet war und dann ein paar Florentiner Bildhauer m├╝hsam diese Art, Kunst zu erschaffen, wieder ausgegraben haben. F├╝r mich hat sich da ein wichtiges Puzzleteilchen in mein Halbwissen eingef├╝gt. Man sagt immer so: „Wiederentdeckung der Antike“ – ohne wirklich zu wissen, was Antike bedeutet. Aber – siehe oben, ich habe nie den Drang gesp├╝rt, vielleicht einfach mal in M├╝nchen nach der Antike Ausschau zu halten.

P1080657Dabei h├Ątte es uns wirklich gutgetan, auch mal als Lateinabiturienten einen Abstecher ins Museum zu machen. Die Sammlung ist chronologisch angeordnet, und ziemlich gegen Ende, schon etwas voll von Eindr├╝cken und m├╝de vom Rumlaufen, fand ich mich ein einem Raum wieder mit Dutzenden K├Âpfen auf Stelen: die r├Âmischen Kaiser nach Christus starrten mich mit ihren leeren Marmoraugen an, alle dem Fenster und dem Licht zugewendet. Ein ganzes Rudel an eindrucksvollen Mienen. Ich liess mich auf die Bank in der Mitte fallen, alle im Blick, und dachte nur: „ach ne, ihr. Ausgerechnet. Was habt ihr mich Nerven gekostet und wie ├╝berfl├╝ssig war es, sich kurz vor dem Abi die Regierungsdaten von euch allen reinzupauken? Wo manche von euch so kurz regierten! Mann, das war klassisches ├╝berfl├╝ssiges Wissen, nur f├╝r die Pr├╝fung gelernt und im Leben zu nichts zu gebrauchen. “ Ich f├╝hlte mich tats├Ąchlich besser nach dieser kleinen Abrechnung. Blieb noch ein bisschen sitzen, um die Gesichter anzuschauen, und merkte langsam: das sind ja alles einzelne Menschen. Individuen. Wahnsinnig ausdrucksvolle, edle, entschlossene, nachdenkliche Gesichter. Und dann will man von einem zum anderen gehen und fragen: was hast du richtig gemacht? Was hast du falsch entschieden? Warum hast du nur so kurz gelebt? Jeder einzelne dieser ollen Kaiser wird auf einmal unglaublich spannend, und es ist besonders ber├╝hrend, ihnen so auf Augenh├Âhe gegen├╝ber stehen zu k├Ânnen. Diese Verbindung h├Ątte ich gebraucht damals in der Schule. Und es erinnert mich daran: ich brauch mehr Bildmaterial f├╝r meine Sch├╝ler. Wenn man mal gesehen hat, wie ein Kaiser, ein Komponist oder ein Pianist ausgesehen hat, stellt man andere Verkn├╝pfungen her und verbindet wirklich etwas mit dem Namen. Und egal ob man Zuneigung oder Ablehnung empfindet – ist das Bild mal mit eigenen Emotionen in Ber├╝hrung gekommen, gr├Ąbt es sich anders ins Ged├Ąchtnis ein.