Sehns├╝chte

2. Februar, 201408:34 von

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(Quelle) Die erstaunlich hohe Zahl an Erwachsenen, die um den Jahreswechsel herum wegen Klavierstunden angerufen haben, zeigt mit wieder, dass es mehr im Leben geben sollte als „nur“ materielle Sicherheit, ein Dach ├╝ber dem Kopf und keinen Hunger. Ist man in der privilegierten Lage, dass all diese Bed├╝rfnisse mehr als zufriedenstellend gestillt sind, wie das bei uns allen ja der Fall ist, macht sich der Hunger nach geistiger und seelischer Nahrung bemerkbar. Diese Gewissheit: es muss doch mehr geben im Leben als seinen Alltag in allen Facetten ordentlich zu leben. Es muss doch noch was Dauerhafteres dahinter geben, etwas, das ├╝ber uns und unser kleines Leben hinausgeht.

Und bei allen Interessenten hatte ich das Gef├╝hl, dass der Wunsch nach Klavierunterricht nicht nur dem Bed├╝rfnis nach Ausgleich oder geistiger Anregung entspringt, sondern direkt eine Sehnsucht nach etwas Sch├Ânerem, Besserem ist. In manchen┬á F├Ąllen eine diffuse, aber dennoch starke Sehnsucht, in anderen F├Ąllen die Sehnsucht, das, was man in fr├╝heren Klavierstunden schon erlebt hat, wieder aufzugreifen und darauf aufzubauen. Auf jeden Fall schien mir der Wunsch, wieder Klavier zu spielen, viel emotionaler gef├Ąrbt als das bei Kindern der Fall ist.

Und ich denke mir: man kommt irgendwann in der Lebensmitte an diesen Punkt, an dem man feststellt, dass das, wof├╝r man fr├╝her gebrannt hat, versch├╝ttet ist und aus Zeitmangel nicht mehr beachtet wird. Im Idealfall kann man sich w├Ąhrend des Studiums voll und ganz in das werfen, was einem wichtig ist. In den zehn, f├╝nfzehn Jahren, nachdem man diese Insel der Seligen verlassen hat, versucht man, sein Leben in den Griff zu bekommen. Wohnen, Rente, Steuern, Autoreparaturen und ├Ąhnlich Aufregendes halten einen auf Trab. Und irgendwann, wenn man einiges erreicht hat und eigentlich zufrieden sein k├Ânnte, merkt man: es kostet unglaublich viel Energie, f├╝r das alles aufzukommen, man ist ersch├Âpft und fragt sich, ob das alles im Leben sein kann. Fr├╝her, da wollte man doch mal… Und┬áman┬á├╝berlegt,┬áwarum man seine Sehns├╝chte nicht besser gepflegt hat. Warum man manche so weit hinten im Unterbewusstsein abgelegt hat, dass man sich nicht mal mehr daran erinnert.

Passend dazu fand ich die obige Abbildung, die mich sofort angesprochen hat. Mir gef├Ąllt auch das englische „to attend“: sich um etwas k├╝mmern, etwas pflegen – so, wie man regelm├Ąssig seinen Garten pflegen muss, weil er sonst ├╝berwuchert wird von Alltagsnichtigkeiten, unsch├Ânen Banalit├Ąten, unerw├╝nschten Ausw├╝chsen, die einen das Sch├Âne gar nicht mehr sehen lassen. Und macht man es nicht regelm├Ąssig, kommt irgendwann der Moment, in dem nur noch die Machete und ein ganz radikaler Entschluss hilft: jetzt oder nie!

Passend zum Jahresbeginn habe ich mir vorgenommen, dieses Jahr meinen Sehns├╝chten Raum zu geben, den grossen und den kleinen, den erf├╝llbaren und denen, die Luftschl├Âsser bleiben werden. Mein Neujahrsvorsatz letztes Jahr – weniger B├╝cher zu kaufen – war ganz praktisch und ganz leicht erkl├Ąrbar. Dieser jetzt klingt eher esoterisch, und manchen Leuten w├╝rde ich ihn gar nicht mitteilen wollen. Aber irgendwie ist es ja mein Beruf, Sehns├╝chte zu erzeugen oder anderen bei der Erf├╝llung ihrer Sehns├╝chte zu helfen.┬áUnd ein bisschen Luftschloss bauen kann einem doch auch den Alltag vers├╝ssen, oder? Und helfen, wieder zu wissen, wer man eigentlich ist. Was man braucht, um in jeder Hinsicht ein erf├╝lltes und buntes Leben zu leben. Wir haben nur das eine. Und wir haben die Wahl, ob es grau und korrekt abl├Ąuft, oder ob wir uns dann und wann erlauben, auch eine unerwartete und wundersch├Âne Wendung zuzulassen.