Kleine H├Ąppchen

4. M├Ąrz, 201408:46 von

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Wie sich die Zeiten ├Ąndern. Ich w├Ąre in der Schule nie auf die Idee gekommen, nachmittags Lehrer, die ich gar nicht kenne, um Hilfe zu bitten. Anscheinend hat sich rumgesprochen, dass ich meinen f├╝nf Sechstkl├Ąsslern, die noch ganz unter dem Eindruck ihrer Lateinstunde zu mir kommen, gelegentlich bei den Hausaufgaben helfe – und sei es nur, um sie endlich vom Flurboden („Gleich, gleich, nur noch einen Satz!“), wo sie auf ihre Klavierstunde warten, hoch und in mein Zimmer zu bekommen.

Und dann gibt es Kinder, die mich im Musiktrakt ganz selbstbewusst ansprechen: „Sind Sie die Klavierlehrerin, die Latein kann? K├Ânnen Sie mal den Satz ├╝bersetzen?“ Da brauch ich schon ein bisschen, um mein Kinn wieder hochzuklappen… Und w├Ąhrend ich mit wildfremden Kindern abstruse S├Ątze im Lateinbuch aufdr├Âsele – wer glaubt im Ernst, dass sich┬áElfj├Ąhrige f├╝r Nymphen, die in Liebe entbrennen, interessieren?! -, merke ich, dass ich im Klavierunterricht auch nichts anderes mache. Man teilt einen un├╝berwindlich erscheinenden Berg in kleine Etappen ein und zeigt dem Sch├╝ler, wie er ihn in vielen kleinen Schritten doch erklimmen kann. Im Grossen ist das auf Monate oder Jahre angelegt, im Kleinen, mit entsprechend kleineren Schritten,┬áf├╝r die Dauer einer Klavierstunde. Unsere wichtigste Aufgabe als Lehrende ist nicht ein m├Âglichst breites Fachwissen oder die solide praktische Beherrschung unseres Fachgebiets, sondern die F├Ąhigkeit, dieses Wissen f├╝r den jeweiligen Sch├╝ler in einer Art aufzuteilen, dass er mitkommt und m├Âglichst bald selber weiss, wie er vorgehen muss. Dieses Zerlegen in Happen oder kleinste H├Ąppchen, die f├╝r jeden anders aussehen m├╝ssen, das Aufspalten in immer noch kleinere Schritte oder n├Âtigenfalls noch mal v├Âllig andere Zwischenschritte, um ├╝ber Umwege wieder zum Eigentlichen zu finden – das ist es eigentlich, was Unterrichten ausmacht. Und was den Erfolg oder Misserfolg ausmacht. Und im schlimmsten Fall dazu f├╝hren kann, dass jemand das Handtuch wirft, weil er nur Bahnhof versteht.

Wie sehr man den Stoff zerlegt, h├Ąngt vom einzelnen Sch├╝ler ab. Es gibt solche, denen legt man das neue St├╝ck vor die Nase und sagt: spiel mal die ersten acht Takte mit beiden H├Ąnden. Bei anderen ist es n├Âtig, sich langsamer bis viel langsamer heranzupirschen: von „spiel mal die rechte Hand“ ├╝ber „welche Vorzeichen und welche Taktart haben wir?“ bis zu „was k├Ânnte der Titel bedeuten? Wie k├Ânnte so ein St├╝ck klingen?“ gibt es mindestens so viele M├Âglichkeiten, ein St├╝ck zu zerlegen, wie es Sch├╝lerpers├Ânlichkeiten gibt. Nat├╝rlich dauern diese Vorgehensweisen unterschiedlich lange und damit auch die Zeit, bis man ein neues St├╝ck einstudiert hat. Aber das Ziel sollte ja nicht die Anzahl von St├╝cken sein, die man in einem Schuljahr gelernt hat, sondern das Erwerben einer soliden Arbeitshaltung, die es einem irgendwann erm├Âglicht, ohne Anleitung neue St├╝cke zu lernen. Wir lernen praktisch das Lernen.

Und das Wichtigste, mein wirklicher Erfolg als Lehrerin, ist f├╝r mich, dass niemand hier rausgeht und sagt: ich hab das nicht verstanden, k├Ânnen Sie den Satz f├╝r mich ├╝bersetzen/ die Sonate f├╝r mich spielen? (Das soll kein Seitenhieb sein auf eventuelle Lateinlehrer – im Gegenteil,┬áich habe gr├Âssten Respekt vor jedem, der sich vor dreissig Kinder stellt, es schafft, sie in Schach zu halten und ihnen noch Fachwissen beibringt.) Sondern, dass die Kinder wissen, wie sie zuhause anfangen sollen und dass sie im besten Fall sogar Freude am Entstehungsprozess haben, an dem sich-schrittweise-Anpirschen an eine tolles neues St├╝ck, am Bewusstsein: ich kann das selber und kann es in Zukunft auch bei anderen St├╝cken so machen.