Jetzt

30. November, 201308:26 von

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In der Krypta des Salzburger Doms gibt es eine Installation von Christian Boltanski: ein Todesengel kreist als Schatten ĂŒber die WĂ€nde, und gleichzeitig ertönt eine automatische Zeitansage in einer Dauerschleife. Man braucht etwas, um sich an das dĂ€mmrige Licht zu gewöhnen, wird dann aber regelrecht eingelullt von der Schattenfigur, die sich langsam bewegt, und der monotonen Zeitansage. Wahrscheinlich wollte uns der KĂŒnstler in unmittelbarer NĂ€he der vielen jahrhundertealten BischofsgrĂ€ber eindringlich an unsere eigene Endlichkeit und die unaufhörlich verrinnende Lebenszeit erinnern. Aber seltsamerweise löste die stĂ€ndige Zeitansage in mir genau das Gegenteil aus: “ beim nĂ€chsten Ton ist es – dreizehn Uhr zweiundfĂŒnzig und – 20 Sekunden.“ Ja, und das ist wunderbar. Es ist dreizehn Uhr zweiundfĂŒnzig, ich bin in Salzburg und habe noch einen ganzen freien Nachmittag vor mir. Diese paar Sekunden der Ansage dehnten sich fĂŒr mich in einen gigantischen Jetzt-Augenblick. Ich spĂŒrte so stark wie selten, dass ich genau jetzt lebe, nur jetzt in diesem Augenblick, und dass das Vorher oder Danach ĂŒberhaupt nicht interessiert.

Und seltsamerweise zog sich die Erinnerung an diese völlig simple, aber eindringliche Stimme noch durch die folgenden Tage. Ich konnte nicht umhin, mir Uhrzeiten, die ich irgendwo ablas oder durch Schul- oder Kirchenglocken hörte, so langsam und mechanisch vorzusagen und spĂŒrte immer, dass ich JETZT lebe. Kurz nach dem Dombesuch sassen wir in einem altmodischen Kaffeehaus, bei traumhafter Torte und MĂ©lange, und als sich zur grossen Uhr im CafĂ© hochschaute, dachte ich: “ es ist vierzehn Uhr zwanzig, ich lebe und möchte nirgendwo anders sein.“ Und dieses wunderbare Bewusstsein hĂ€lt seit Tagen an. Vielleicht war es das, was Boltanski wollte? Nicht, dass wir daran denken, dass unsere Zeit ablĂ€uft, sondern dass wir ganz intensiv spĂŒren, dass wir in der Zeit und mit ihr leben? Und eben – ĂŒberhaupt leben?