Halb voll oder halb leer?

13. November, 201308:22 von

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„Als ich heute morgen Tee machte, tauchten zwei Rehe vor dem K├╝chenfenster auf und guckten mich mit riesigen Augen an.┬áUnd sie hatten so s├╝sse Ohren!“

Mein Bruder entgegnet lakonisch:

„Bei uns im Kanal ist k├╝rzlich eine tote Wildsau vorbeigetrieben.“

Er macht das natürlich extra, um zu verhindern, dass ich es mir in meiner heilen Welt zu gemütlich mache. Er würde schon auch den Eisvogel am Kanal registrieren.

Aber – es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich verschiedene Menschen die Welt wahrnehmen. Wir k├Ânnen nur in einem begrenzten Umfang beeinflussen, was wir sehen, aber wir haben es in der Hand, wie wir es filtern und wie weit wir es┬áan uns heranlassen. Ob es wichtig f├╝r uns ist, uns vielleicht sogar runterzieht, oder ob es uns einen kurzen Gl├╝cksmoment beschert, der uns f├╝r den Rest des Tages ein ausgeglichenerer und besserer Mensch sein l├Ąsst. Ich kann den wundersch├Ânen ├╝berfahrenen Dachs, den ich gesehen habe, genau so wenig vergessen wie die m├Ąrchenhaften Rehe vor dem Haus. Aber ich kann bewusst entscheiden, an was ich mich lieber erinnere. Die Welt ist manchmal schwer zu ertragen, so wie sie ist. Aber es gibt definitiv auch wundersch├Âne Stellen oder Erlebnisse, die einem oft ganz unerwartet unterkommen – kleine Ereignisse, die man fast ├╝bersehen k├Ânnte, die einem aber Hoffnung geben, dass alles doch nicht so d├╝ster ist. Oder dass man es schafft, in dem begrenzten Umfang, der einem zur Verf├╝gung steht, diese Welt, diesen Alltag ein bisschen ins Angenehmere und Sch├Ânere zu wenden. Um wieder solche kleinen Sch├Ânheiten im Alltag sehen zu k├Ânnen.

Und manchmal hindert uns auch einfach die Tatsache, dass wir zu besch├Ąftigt mit unserem eigenen Terminplan und Listen sind, daran, kurz innezuhalten und so einen besonderen Moment wirklich wahrzunehmen. Es sind ja oft nur Sekunden, die es braucht, um sein Qu├Ąntchen Gl├╝ck f├╝r den Tag aufzunehmen. In der Zeit, in der man eine Multivitaminpille einwirft, k├Ânnte man genau so gut bewusst an seinem Zimttee riechen, oder ein paar Sekunden lang das Spiel der Sonne in den letzten Herbstbl├Ąttern wahrnehmen – das st├Ąrkt die innere Abwehr f├╝r den Umgang mit der Welt. Und ich glaube, fast nachhaltiger, als irgendwelche Pr├Ąparate, die uns ├╝ber den Winter helfen sollen… Man ist st├Ąrker und weniger angreifbar, wenn das Nervenkost├╝m stabil ist. Und das sollte man bewusst pflegen und unterst├╝tzen.

Zum Beispiel durch kleine Fluchten und Besonderheiten im Alltag: ein neues Notizbuch f├╝r die Sch├╝ler, ein besonderer Stift, oder ganz extravagant: ein kleiner Wochenendausflug in eine sch├Âne Stadt, der bewusst nur dem Vergn├╝gen und der Rekreation dient. Oder eher ungeplant, indem man die vielen Sch├Ânheiten, die sich im Alltag ergeben, wahrnimmt und vielleicht sogar schriftlich festh├Ąlt – f├╝r sp├Ąter, falls mal eine Durststrecke kommt. Manchmal schreibe ich stichpunktartig in meinen Kalender, wof├╝r ich┬áan dem Tag ┬ádankbar war. Eine Art kleines Dankbarkeitstagebuch im Alltagskalender. Wenn ich jetzt im November zur├╝ckbl├Ąttere, staune ich, was f├╝r ein wundersch├Ânes, ├╝bervolles Leben ich doch habe. Auch wenn es einem im Alltag manchmal ganz anders vorkommt.