Halb voll oder halb leer?

„Als ich heute morgen Tee machte, tauchten zwei Rehe vor dem Küchenfenster auf und guckten mich mit riesigen Augen an. Und sie hatten so süsse Ohren!“

Mein Bruder entgegnet lakonisch:

„Bei uns im Kanal ist kürzlich eine tote Wildsau vorbeigetrieben.“

Er macht das natürlich extra, um zu verhindern, dass ich es mir in meiner heilen Welt zu gemütlich mache. Er würde schon auch den Eisvogel am Kanal registrieren.

Aber – es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich verschiedene Menschen die Welt wahrnehmen. Wir können nur in einem begrenzten Umfang beeinflussen, was wir sehen, aber wir haben es in der Hand, wie wir es filtern und wie weit wir es an uns heranlassen. Ob es wichtig für uns ist, uns vielleicht sogar runterzieht, oder ob es uns einen kurzen Glücksmoment beschert, der uns für den Rest des Tages ein ausgeglichenerer und besserer Mensch sein lässt. Ich kann den wunderschönen überfahrenen Dachs, den ich gesehen habe, genau so wenig vergessen wie die märchenhaften Rehe vor dem Haus. Aber ich kann bewusst entscheiden, an was ich mich lieber erinnere. Die Welt ist manchmal schwer zu ertragen, so wie sie ist. Aber es gibt definitiv auch wunderschöne Stellen oder Erlebnisse, die einem oft ganz unerwartet unterkommen – kleine Ereignisse, die man fast übersehen könnte, die einem aber Hoffnung geben, dass alles doch nicht so düster ist. Oder dass man es schafft, in dem begrenzten Umfang, der einem zur Verfügung steht, diese Welt, diesen Alltag ein bisschen ins Angenehmere und Schönere zu wenden. Um wieder solche kleinen Schönheiten im Alltag sehen zu können.

Und manchmal hindert uns auch einfach die Tatsache, dass wir zu beschäftigt mit unserem eigenen Terminplan und Listen sind, daran, kurz innezuhalten und so einen besonderen Moment wirklich wahrzunehmen. Es sind ja oft nur Sekunden, die es braucht, um sein Quäntchen Glück für den Tag aufzunehmen. In der Zeit, in der man eine Multivitaminpille einwirft, könnte man genau so gut bewusst an seinem Zimttee riechen, oder ein paar Sekunden lang das Spiel der Sonne in den letzten Herbstblättern wahrnehmen – das stärkt die innere Abwehr für den Umgang mit der Welt. Und ich glaube, fast nachhaltiger, als irgendwelche Präparate, die uns über den Winter helfen sollen… Man ist stärker und weniger angreifbar, wenn das Nervenkostüm stabil ist. Und das sollte man bewusst pflegen und unterstützen.

Zum Beispiel durch kleine Fluchten und Besonderheiten im Alltag: ein neues Notizbuch für die Schüler, ein besonderer Stift, oder ganz extravagant: ein kleiner Wochenendausflug in eine schöne Stadt, der bewusst nur dem Vergnügen und der Rekreation dient. Oder eher ungeplant, indem man die vielen Schönheiten, die sich im Alltag ergeben, wahrnimmt und vielleicht sogar schriftlich festhält – für später, falls mal eine Durststrecke kommt. Manchmal schreibe ich stichpunktartig in meinen Kalender, wofür ich an dem Tag  dankbar war. Eine Art kleines Dankbarkeitstagebuch im Alltagskalender. Wenn ich jetzt im November zurückblättere, staune ich, was für ein wunderschönes, übervolles Leben ich doch habe. Auch wenn es einem im Alltag manchmal ganz anders vorkommt.

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