Gebrochene VorsÀtze, Kapitel 27

30. Mai, 201708:45 von

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Wer mich kennt, weiss, dass ich theoretisch keine BĂŒcher mehr anschaffen will. Aus PlatzgrĂŒnden.

Wer mich besser kennt, weiss auch, dass ich es trotzdem immer wieder tue. Irgendwann muss ich einfach neue Regale aufstellen, damit diese Gewissenskonflikte mal aufhören.

In letzter Zeit musste ich aber aus Altruismus BĂŒcher kaufen. Es gibt ein wunderbares, höhlenartiges, total vollgestelltes Antiquariat in einem der Ă€ltesten HĂ€user in Wasserburg, in dem ich wahnsinnig gern stöbere. Der einzige Weg, der Versuchung zu entgehen, war, eben nicht mehr hinzugehen. Aber dann traf ich den BuchhĂ€ndler im Winter in einem Konzert. Wir unterhielten uns danach noch etwas und er klagte mir sein Leid: er bekommt eine Heizung und muss den einen Teil seines Ladens komplett ausrĂ€umen. Im Prinzip ist es ja angenehm, im 21. Jahrhundert eine Heizung zu haben (ich habe wirklich gestaunt, dass es in Wasserburg noch HĂ€user ohne Heizung gibt. Klingt wie tiefstes Osteuropa, oder? ErklĂ€rt vielleicht auch den wunderbar muffigen Geruch, den ich so mag.) Aber diese Berge von BĂŒchern auszurĂ€umen – mir graut bei dem Gedanken. Um irgendwie durchzukommen, veranstaltete der BuchhĂ€ndler einen Sonderverkauf und meinte zum Abschied, so nebenbei: „Sie können ja mal vorbeischauen.“

Und so flammte unsere verhÀngnisvolle AffÀre wieder auf.

Herr Feurer entspricht auch optisch der Vorstellung, die man von einem schöngeistigen promovierten Kunsthistoriker und Germanist, der jetzt BuchhĂ€ndler ist, hat: gross und hager und fast acht Monate im Jahr in einem langen schwarzen Mantel und Schal. Sieht immer aus, als wĂ€re er auf dem Weg zu einer Beerdigung, aber jetzt weiss ich, dass es wegen der nicht – existenten Heizung ist. Irgendwann sagte er von sich selbst, dass er Ă€usserst graecophil sei (musste schnell nachschauen, wie man’s schreibt…), und ab da gewann unsere Beziehung noch mal an Tiefe. Seit mein Vater nicht mehr da ist, vermisse ich einen GesprĂ€chspartner ĂŒber die antike Welt sehr schmerzlich. Und jetzt, nachdem ich meine Besuche im Antiquariat wieder aufgenommen habe, merke ich, wie sehr ich unsere Unterhaltungen vermisst habe, sein profundes Wissen ĂŒber vergangene Zeiten und obskure Quellen, sein Engagement, entlegenere SekundĂ€rliteratur fĂŒr mich aufzuspĂŒren, seine liebevoll kopierten Literaturlisten mit noch mehr Quellen, die mich interessieren könnten (obwohl das schon fast was von einem Drogendealer hat – einmal verfĂŒhrt, gibt’s den immer noch besseren Kick, den immer noch reineren Stoff. Und ich kann nicht nein sagen.), seine Überzeugung, dass es keine vergriffenen BĂŒcher gibt, sondern dass die sehr wohl noch irgendwo sein mĂŒssen… Ich muss wohl nicht erwĂ€hnen, dass ich nur zwei der SonderverkaufsbĂŒcher erstanden habe. Und die auch noch als Geburtstagsgeschenke fĂŒr andere – das klingt jetzt richtig schĂ€big, aber es sind zwei wirklich besondere und sehr passende BĂŒcher fĂŒr die jeweiligen Menschen. Der Rest der (undeutlich genuschelte Zahl) BĂŒcher, die ich gekauft habe, waren gebundene, wunderschöne Exemplare, zum Teil Erstausgaben mit bibliophilen VorsatzblĂ€ttern – was einem halt so passiert, wenn man schwach wird.

Auf die Graecophilie kamen wir, als wir ĂŒber Klassiker redeten, die jeder kennt und keiner liest, und ich sagte so nebenbei, dass ich schon immer die Odyssee lesen wollte. Und er: ich kann Ihnen ja ein paar raussuchen, wĂ€hrend Sie sich umgucken. Und man glaubt es nicht: er hatte einen ganzen Stapel von verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen (erst wollte er mir das Original andrehen – Ă€h!) und empfahl mir als Musikerin die vom Schiller – Zeitgenossen Voß, weil sie so einen schönen Rhythmus hat. Womit er völlig recht hat. Ich liebe auch diese altmodische Sprache. Keine Ahnung, wie nah sie am Original ist, aber wenn man schon was uraltes liest, ist es egal, ob man es in einer ebenfalls alten Brechung liest. Mir ist es auf jeden Fall nicht zu fern, und ich hatte das grösste VergnĂŒgen seit langem, als ich mich ĂŒber die letzten Wochen langsam und mit Genuss durch das Epos arbeitete. Wobei gegen Ende das PhĂ€nomen auftrat, das sicher jeder kennt: dass man noch langsamer und genussvoller liest, weil man nicht möchte, dass das Buch zu Ende geht. Was dazu fĂŒhrte, dass ich mich relativ lange in den blutrĂŒnstigen letzten Kapiteln aufhielt, in denen mit den Freiern aufgerĂ€umt wird und die MĂ€gde an Stricken aufgehĂ€ngt werden, bis ihre FĂŒsse nicht mehr zappelten… Das ist schon eher scheusslich. Aber die ganze lange Reise vorher, die lebendige Schilderung der fischdurchwimmelten Meere, die MorgendĂ€mmerung, die immer wieder mit rosigen Fingern erwacht – das war der allerbeste Crashkurs in antiker Weltanschauung. Ich erinnere mich, wie ich, als ich in dem Jahr in Amerika auch Kunstgeschichte belegt habe, als PflichtlektĂŒre ein dickes Buch ĂŒber Mythologie lesen musste und mich damit etwas gequĂ€lt habe (und vor allem dachte: was denn noch alles…) Wenn man die Odyssee liest, bekommt man die farbigste und lebendigste Vorstellung von der griechischen Götterwelt. Wie sie tatsĂ€chlich stĂ€ndig vom Himmel steigen, in verschiedenen Gestalten, und ins Geschehen eingreifen. Und wie liebevoll und menschlich sie charakterisiert werden:  Athene als blauĂ€ugichte, freundliche Tochter. Man freut sich schon immer auf die strahlenden Augen, wenn man spĂŒrt, jetzt ist mal wieder ihre Intervention fĂ€llig. Und es hat ja auch was ganz MĂ€rchenhaftes, wenn sie nachts als Rauch oder Nebel ganz fein durch einen Spalt der TĂŒre kommen. Überhaupt war alles mĂ€rchenhafter und lieblicher zu lesen, als ich je gedacht hĂ€tte. Und wirklich so, dass man denkt: noch eine Seite, nur noch eine, bevor ich das Licht ausmache! Noch ein paar Robben, Nymphen und Sirenen, bitte!

Es lĂ€sst sich nicht vermeiden, dass diese wundervolle Ausdrucksweise auch ins Alltagsleben sickert. Man fĂ€ngt unwillkĂŒrlich an, in solchen Bildern zu denken. Unser Besuchskater, der seit neun Jahren tĂ€glich ein bis drei Mal bei uns vorbeischaut, scheint uns schon irgendwie zu mögen, zeigt das aber kein bisschen. Bisher hiess er „Pokerface“, weil er unsere Liebkosungen geduldig, aber mit quasi heruntergezogenen Mundwinkeln ĂŒber sich ergehen liess. Seit ich Homer lese, teilt er mit Odysseus den Beinamen „der herrliche Dulder“. (Und erduldet sogar das mit stoischer Miene.) Und wenn ich gelegentlich kurz vor dem Ausflippen bin, gibt es keine innerlichen prosaischen FlĂŒche mehr, sondern ich denke an Achilles, der „raufend mit eigenen HĂ€nden das Haupthaar entstellete“. Die edlere Variante, ohne Zweifel.

Warum liest das keiner? Wieso kommt man durch die Schule, ohne jemals damit in BerĂŒhrung gekommen zu sein? Das Ding ist nicht umsonst seit 2800 Jahren in aller Munde. Und es ist tatsĂ€chlich der ganz besonders pure Stoff, der einem sensationelle HöhenflĂŒge gibt.

Ich hab ja einen Doppelband gekauft, in dem die Ilias auch drin ist. Über die habe ich noch das andere Vorurteil – nicht endlos lang und keine Heimat in Sicht, sondern nur kĂ€mpfende MĂ€nner und zerstörte StĂ€dte. Das wird jetzt auch revidiert, hoffe ich. Der Anfang ist zwar viel zĂ€her als die Odyssee, aber ich merke, dass ich Feuer gefangen habe. Und zwar daran, dass ich „Troia“ gegoogelt habe und erfahren habe: gibt’s zwar nicht mehr, aber die Ortszeit wĂ€re eine Stunde spĂ€ter und es hat 22 Grad, fast wie bei uns. So was packt mich dann. Und auf einmal sind Hektor und Patroklos keine Krieger mehr, sondern Menschen, die mich ganz arg interessieren…

Und der Sommerurlaub ist, dank obskurer SekundĂ€rliteratur, auch schon geplant. Auslöser war Gilbert Highet’s „Poets in a landscape“ aus den 50er Jahren, ein Buch ĂŒber römische Dichter und ihre Wohnorte, das mich so angesprochen hat, dass ich den Gatten, den anderen herrlichen Dulder (aber jetzt im wirklich homerischen Sinn) im Haushalt, dazu ĂŒberredete, das Buch ganz einfach als ReisefĂŒhrer zu nehmen. Es fĂŒhrt uns hauptsĂ€chlich in bekannte Gefilde in Latium – das ist ohnehin seine Lieblingslandschaft, dĂŒrfte also kein allzu grosses Opfer sein. Die Ferienwohnung ist schon gebucht und ich zappele schon vor Vorfreude, zwei Wochen ganz nah an Rom zu sein und meine alten Bekannten zuhause besuchen zu können.  Ein anderer Italienfreund meint vorsichtig: schau mal nach, was da nach zweitausend Jahren noch steht, nicht dass du enttĂ€uschst bist. Er hat leider ziemlich recht… Aber es geht ja auch um das Flair der Orte. Die HĂŒgel, ĂŒber die Horaz die Sonne untergehen sah, werden wohl noch ziemlich gleich sein, die Vegetation, der Geruch, die Vogelstimmen… Und fĂŒr den Rest hab ich meine Phantasie.