Unerwartet

Heute war der zweite Tag seit einem Monat, an dem ich morgens nicht als erstes turbomässig üben musste. Vorgestern hatte ich noch ein Konzert, bei dem ich viel gespielt habe und den Nachmittag bis unmittelbar davor mit Proben verbracht habe. Und zum ersten Mal in meiner Laufbahn hatte ich tatsächlich Schmerzen – mir taten die Fingerkuppen weh, was komplett hysterisch klingt, zumindest habe ich noch nie von solchen Beschwerden gehört, und die Unterarme. Was plausibler ist. Das Komische ist, dass ich bei Sololiteratur noch nie Probleme hatte, egal, wie viel ich geübt habe. Wahrscheinlich war es die Anstrengung, ein ganzes Orchester vorzutäuschen, kombiniert mit dem Frust, dass es doch nie so klingt, wie man es sich vorstellt, und daraus folgend einem unmässigen Kraftaufwand. Auf jeden Fall merkte ich beim Aufwachen: ich bin ausgelaugt und irgendwie entmutigt, mit nur noch schwach flackernden Akkus. Da gibt’s nur eins: es muss gechillt werden, auch wenn Montag morgen ist.

Also schleppte ich einen Stuhl zum Teich, zusammen mit hauchzartem chinesischem Tee (eine Begleiterscheinung, wenn man Zeugs für einen Klavierprofessor organisiert, der beruflich regelmässig in China zu tun hat – gestern hatten wir einen Besprechung wegen des Klaviersommers und er brachte mir drei wunderschöne Dosen mit verschiedenem Tee mit) und versenkte mich, eskapismusmässig, in die „Ilias“. Jetzt überholt ein Blogartikel den anderen, schon fertigen, aber – ich habe den grössten Spass daran, Homer zu lesen. Was ich nie erwartet hätte. Und ich bin bei allem grausamen Abschlachten oft berührt, wie poetisch Homer doch ist. Und deshalb lese ich weiter – manchmal ist es so arg, dass man unwillkürlich schneller liest und nicht so genau wissen will, aus welchem Winkel jener jetzt wieder von der Lanze durchbohrt wird und auch nicht, wo sie wieder austritt… Aber ich hab Feuer gefangen und will schon aus historischen Interesse alles lesen. Wobei ich ganz klar sagen muss: nötig ist das wirklich nicht. Auszüge würden reichen. Aber den legendären Schiffskatalog am Anfang sollte man sich mal geben… Und es ist immer wieder atemberaubend, wenn man bei allem Gemetzel auf eine Stelle trifft in der Art: „wie aufgeblühter Mohn, der vom Frühlingsregen schwer ist, neigte er den Kopf, und Nacht verhüllte seine Augen.“ (So ungefähr, das Buch liegt grad wo anders.)

Und wenn alle in den Staub stürzen und elend ums Leben kommen, erscheint das eigene Schicksal und das bisschen Klavierspielen sehr harmlos. Trotzdem musste ich mich aufraffen und mir gut zureden, den Frühlingsgarten mit den Akeleien, dem Kuckuck und den ersten zarten Libellen am Teich zu verlassen, mir ein Pausenbrot zu machen und eine frisch gebügelte Bluse anzuziehen. Montag ist immer ein furchtbar langer und lauter Tag. Aber ich wäre bereit dafür gewesen – nur mein Auto war es nicht. Wirklich und wahrhaftig, es streikte.

Ich hastete vor zur Werkstatt – kein Leihwagen heute, tut ihnen leid, und so kann ich definitiv nicht fahren, das müssen sie erst mal anschauen. Nach einem leichten Panikanfall – ich hab nur ein Mal in zehn Jahren den Unterricht abgesagt! – trottete ich heim. Anfangs zerbrach ich mir furchtbar den Kopf, wie ich den Tag noch retten kann. Aber langsam sickerte eine Art Erkenntnis durch: was, wenn es einfach nicht sein soll? Was, wenn die Götter vielleicht beschlossen haben, dass ich mehr als genug Musik hatte in den letzten Wochen und mal eine ausserplanmässige Pause machen darf? Wenn man so viel antikes Zeug liest, in dem die Götter ständig eingreifen, oder eben nicht, fängt man an, so zu denken… Vielleicht hatte Apollo ein Einsehen und hat ein bisschen an meinem Auto manipuliert, damit ich morgen wieder Freude am Spielen habe?

Als ich wieder zuhause war, hatte ich mich in mein Schicksal gefügt (war dann gar nicht sooo schwer) und rief in der Schule an. Und dann meinen Kollegen oben im Musiktrakt, damit er eventuelle verwaiste Schüler, die die Durchsage nicht mitbekommen haben, heimschickt. Er konnte sich nicht verkneifen, zu bemerken, dass mir diese Autopanne anscheinend nicht wahnsinnig leid tue…

Und dann sass ich wieder am Teich. Bin in der „Ilias“ ein ganzes Stück weitergekommen und habe im Lauf des Tages drei Schwertlilien beim Aufblühen zugeschaut. Habe aber auch den Rasen gemäht – ein bisschen puritanische Arbeitsmoral darf schon noch sein. Aber – ich danke der höheren Gewalt! Das war eine grandiose Idee!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.