Vom Inn an die Seine: Tour de France mit Törtchenpause

22. Juni, 201710:57 von

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„Also, ich beschreib dir jetzt ganz genau die Schuhe, nach denen ich suche“, beginnt meine Freundin im ICE nach Paris, wĂ€hrend sie den Konditorei – FĂŒhrer und ein kleines Wörterbuch fĂŒr kulinarische Gelegenheiten auf das Tischchen legt. Und ich merke, wie ich innerlich und Ă€usserlich zu strahlen beginne und mich völlig entspanne. Denn so eine Freundin ist genau das, was ich brauche, und ich bin glĂŒcklich, wie nahtlos wir an unsere frĂŒheren Genussreisen anknĂŒpfen, obwohl fĂŒnfzehn Jahre vergangen sind. Seither sind wir durch die diversen Höhen und Tiefen des Lebens gegangen, gemeinsam und jede fĂŒr sich. Heirat, Hauskauf, Kinder bei ihr, kranke Eltern, Beerdigungen der Eltern, mehr eingebunden als jemals im Beruf – und trotzdem gelingt es uns, all das mit Tempo 300 hinter uns zu lassen und mit einer Entschlossenheit, die eines Napoleons wĂŒrdig wĂ€re, auf dem Stadtplan zu schauen, wo wir wann was geniessen – seien es Monet’s Seerosen, ein Ballettabend in der OpĂ©ra Garnier oder sĂŒndhafte Macarons.

Denn, bei allen genussvollen VergnĂŒgungen: der Kulturgenuss kam nie zu kurz und ich habe mit ihr schon die allerschönsten Museen und Ruinen gesehen. Aber die Balance hat immer gestimmt. Die Besichtigungen wurden immer kombiniert mit einem Markt- und/ oder CafĂ© – Besuch, und vielleicht habe ich unsere Urlaube deshalb in so guter Erinnerung. Wenn man mich allein loslĂ€sst, passiert es regelmĂ€ssig, dass mein Besichtigungsprogramm zu ernsthaft und zu ausufernd wird und ich irgendwann fast Kopfweh kriege. Wenn meine Freundin dabei ist, habe ich das GefĂŒhl, dass sie mich wie einen Luftballon an der Schnur festhĂ€lt und durch ihren Blick fĂŒr irdischere VergnĂŒgungen verhindert, dass ich komplett abhebe und davonfliege. Ich habe zum Beispiel bis letzte Woche nicht gewusst, dass es SchuhlĂ€den in Paris gibt. Irgendwie habe ich es schon angenommen – man muss ja was an den FĂŒssen haben. Aber damit war mein Interesse erschöpft. Jetzt war ich sogar in einem! Und, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: meine Freundin interessiert sich fĂŒr viel mehr als Schuhe und Törtchen. Sie hatte ihre halbe Paris – Bibliothek dabei, ungefĂ€hr zehn BĂŒcher, darunter Hemingway und Julian Green, die ich beide nicht kannte. In unserem Hotelzimmer waren vier gefĂŒllte BĂŒcherregale mit BĂŒchern, die man auch mitnehmen durfte, ebenso wie man eigene fĂŒr andere GĂ€ste hierlassen konnte. Nachdem sie ihre BĂŒcher auf dem Bett ausgebreitet hatte, musste ich grinsen: ausnahmsweise hatte ich nur ein Buch dabei (ein sehr nettes mit Paris – SpaziergĂ€ngen, das sie mir zu Weihnachten geschenkt hat), aber ich wĂŒrde nicht darben mĂŒssen.

Unser schnuckeliges, kleines Hotel du Nord bot nicht nur jeden Morgen eine stilvoll prĂ€sentierte Auswahl von drei hausgemachten Marmeladen zum Croissant – auf diese Art haben wir neun verschiedene Marmeladen gegessen in Paris! – , sondern auch kostenlose FahrrĂ€der fĂŒr die GĂ€ste. Erst war ich skeptisch, weil ich noch nie in einer grossen Stadt Rad gefahren bin, aber es erwies sich als der allergrösste Spass ĂŒberhaupt. Die erste Viertelstunde war aufregend, weil wir keine Sekunde warten wollten und uns sofort nach dem Einchecken mitten in den Feierabendverkehr stĂŒrzten. Das war die Feuerprobe, sozusagen. Ab dann wurde es besser. Und wir waren ein gutes Team: sie kennt die Verkehrsregeln, ich hab die Orientierung. Und als wir uns zur Seine durchgeschlĂ€ngelt hatten, wurde es direkt entspannend, am Fluss zu fahren. Aber auch der Innenstadtverkehr ist weniger schlimm, als es aussieht: die grossen Boulevards, die einen schnurgerade und einfach in ein anderes Viertel bringen, sind sechspurig. Die mittleren vier Spuren sind fĂŒr Autos, die jeweils Ă€usseren beiden fĂŒr Bus, Taxi und Radfahrer. Wenn man das GlĂŒck hat, sich an ein Taxi Parisien dranzuhĂ€ngen und grĂŒne Welle hat, lĂ€uft alles wunderbar und flott. Manchmal war es natĂŒrlich dichter, aber nie wirklich unangenehm. Aber Freitag mittag, als ich dachte, jetzt ist alles wunderbar und ich hab mich echt dran  gewöhnt, sagt die Freundin an einer roten Ampel: „Mensch, ist schon ein bisschen wie auf der Autobahn Radfahren…“ Trotzdem wĂŒrde ich es jedem empfehlen. Man sieht so viel mehr, als wenn man in dieser riesigen Stadt zu Fuss geht (Und noch was: es gibt SchuhlĂ€den in Paris, aber keine Fahrradhelme. Überhaupt gar nicht. Also nicht etwa was extra einpacken!). Und davon abgesehen, ist es unvergleichlich, an einem milden, hellen Juniabend an der Seine entlang zu radeln. Und auf der anderen Seite wieder zurĂŒck, und noch kurz einen Abstecher zu „Shakespeare and Company“ zu machen und die RĂ€der ganz cool an einen Zaun anzuschliessen. So als wĂŒrden wir hier immer wieder mal vorbeikommen… Und noch unvergleichlicher und ultraromantisch ist es, dank der absurden Nachtöffnungszeiten des Ladens um halb elf abends rauszukommen, ĂŒber die BrĂŒcke bei Notre Dame zu fahren und den Himmel im Westen in einem ungewohnt spĂ€ten Abendrot gold und orange aufleuchten zu sehen. Ich musste drei Mal hinschauen, um alles zu kapieren: dass ich wirklich in Paris war und die Seine im Abendlicht vor mir glitzerte. Die Zugfahrt war wie im Flug vergangen, und irgendwie braucht man Zeit, um wirklich nachzukommen und anzukommen. Ganz kapiert hatte ich es in dem Moment auch noch nicht, denn der Anblick war viel zu zauberhaft, um wahr zu sein – aber so langsam sickerte es in mein Bewusstsein, dass ich tatsĂ€chlich in der Stadt meiner TrĂ€ume angekommen war.