Vom Inn an die Seine: ein Einhorn!

16. September, 201616:04 von

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DSCF9394Als uns der Zug auf der Heimfahrt mit gefĂŒhlter Lichtgeschwindigkeit durch die endlos weite spĂ€tsommerliche Landschaft Frankreichs trug, fragte ich mich, was mich am meisten beeindruckt hat in Paris. Weswegen ich auf jeden Fall noch mal wiederkommen wollte. Aber es war zu frĂŒh. In meinem Kopf wirbelte das reinste Kaleidoskop an herrlichen EindrĂŒcken, GerĂŒchen und Farben: der Chorraum der Sainte Chappelle, die aus Licht und Farbe zu bestehen scheint. Die majestĂ€tischen Kastanien am Canal Saint Martin. Die wunderhĂŒbsche Bahnhofsuhr im Gare de l’Est, die ich grade noch im Nachmittagslicht photographiert hatte. Die Winterlandschaften der Impressionisten im Musee d’Orsay, vor denen man den Schnee direkt riechen konnte und wirklich GĂ€nsehaut vor KĂ€lte kriegte. Oder Monets Mohnblumenfeld: ich spĂŒrte das Getreide an meinen nackten Beinen kitzeln, so eindrucksvoll hat er den Sommertag eingefangen.

DSCF9275Jetzt ist der Staub der Tuilerien von den Sandalen gebĂŒrstet (den Satz wollte ich schon immer mal schreiben!) und die Reisetasche ausgepackt. Und ich merke, wie immer klarer wird, was mich ganz sehr beeindruckt und berĂŒhrt hat: die wunderschöne Dame mit dem Einhorn im MusĂ©e de Cluny. Wahrscheinlich auch, weil die Stadt und die meisten SehenswĂŒrdigkeiten sehr quirlig und belebt sein kann. Manchmal ist es nett und genau richtig, wie eben abends in einem StrassencafĂ© am Canal St. Martin. Manchmal geht es einem furchtbar auf den Geist wie im Louvre – der Mona – Lisa -Saal kĂŒndigt sich schon weitem durch eine erhöhte GerĂ€uschkulisse an, die sich noch steigert, wenn man ihn betritt. Und was sieht man? Ganze Trauben von Menschen, die sich möglichst nah an die Absperrung drĂ€ngen – aber alle mit dem RĂŒcken zum Bild. Man braucht ein bisschen, um diese neue Zeiterscheinung zu kapieren: die Massen waren nicht etwa begeistert vom Veronese gegenĂŒber, sondern degradierten Mona Lisa zur Kulisse ihrer Selfies. FlĂŒchtige, nichtssagende Beweise ihres Besuchs – wozu? Reicht es nicht mehr, zu sagen, dass man in Paris war? (Und nur am Rande – die anderen da Vincis im nĂ€chsten Raum fristeten ein Schattendasein. Waren ĂŒberhaupt nicht selfie – wĂŒrdig. Und komplett einsam, wirklich von aller Welt verlassen, hingen die beiden unendlich kostbaren Vermeer – GemĂ€lde im anderen Stockwerk. An einem Sommernachmittag um fĂŒnf kann man völlig allein mit ihnen sein, nicht mal ein WĂ€rter war in Sicht.)

P1090070Im MusĂ©e de Cluny, der ehemaligen römischen Therme, herrscht eine komplett andere AtmosphĂ€re. Kurz vor der Reise sprach ich mit einer Französischlehrerin ĂŒber das, was ich sehen wollte, und zu jedem Punkt sagte sie: ooooh, da ist es voll, da sollten Sie Karten vorher besorgen. Und da auch. Und dort besonders. Und das Einhorn? Endlich kein besorgter Gesichtausdruck mehr, sondern aufrichtige Freude, dass sie mir eine gute Nachricht geben kann: „Da? Da ist keiner!“ Und sie hatte recht! Also nicht ganz keiner, aber doch verschwindend wenige Besucher und deswegen auch eine ganz ruhige, fast andĂ€chtige AtmosphĂ€re. Man wird auch durch die geschickte PrĂ€sentation in die richtige Stimmung gebracht: man betritt einen dunklen, schwarz verhangenen Gang aus Stoff, auf den u.a. auch ein Rilke – Zitat gedruckt ist, lĂ€uft unwillkĂŒrlich langsamer, weil sich die Augen erst an das gedĂ€mpfte Licht gewöhnen mĂŒssen, und irgendwie steigt schon auch die Spannung… Und dann steht man vor der leuchtenden Farbenpracht der Teppiche, die so viel grösser sind, als ich es mir vorgestellt habe, und ist erst mal sprachlos.

(Quelle: Wikimedia)

(Quelle: Wikimedia)

Ich denke immer wieder an die besondere AtmosphĂ€re im Raum und die friedvolle Ruhe der beiden Damen im Paradiesgarten, die, umgeben von zahmen Tierchen und unzĂ€hligen zarten Blumen, scheinbar ĂŒberflĂŒssigen und nutzlosen BeschĂ€ftigungen nachgehen. Zu so einem Urteil kommt man schnell, wenn es um Kunst, Musik, Poesie geht – das, was scheinbar nicht sein muss und im Alltag schnell mal wegrationalisiert wird, ist in Wahrheit lebensspendend und als Seelennahrung genau so wichtig wie echte Nahrung. Die Teppiche, die zum Ende des 15. Jahrhunderts gewebt wurden, stellen Allegorien der fĂŒnf Sinne dar inklusive eines misteriösen sechsten Sinns, der möglicherweise fĂŒr das Herz oder die Intuition steht. Ist das nicht ein erstaunliches Thema? Zu einer Zeit, in der hauptsĂ€chlich religiöse oder heroische Motive dargestellt wurden? Es ist eine RĂŒckkehr zu ganz zarten, im Alltag gar nicht mehr wahrgenommenen GefĂŒhlen. Sieht man sich in so feinen Gesten erinnert an seine Sinne, ist man auch dankbar, wenn man noch ĂŒber alle verfĂŒgen kann – der Geruchs- oder Tastsinn werden uns nicht so schnell abhanden kommen, aber mit dem Sehen (in der NĂ€he…) hapert es immer mehr bei mir, und wenn meine SchĂŒler weiterhin so beherzt reinlangen, wird mein Hörsinn auch bald nachlassen… In der Renaissance waren diese Alterungserscheinungen mangels Lebenserwartung wahrscheinlich nebensĂ€chlich, aber man wird eindringlich erinnert an das, was einen kompletten, glĂŒcklichen Menschen ausmacht. Und dazu gehören auch eine Vielzahl an allerliebsten kleinen Tierchen: der laut Rilke „seidenhaarige“ Schosshund, zahlreiche HĂ€schen, FĂŒchse, Vögel, und natĂŒrlich immer der grösser dargestellte freundliche Löwe und das Einhorn, die fĂŒr Mut und Keuschheit stehen. Man könnte fast meinen, dass den Tieren auch eine Seele zugesprochen wird, weil sie so intensiv an der Darstellung der Sinne beteiligt sind.

Und man bewegt sich langsamer, um die beiden Damen nicht zu stören. Heute und auch zu Rilkes Zeiten: „Geht man nicht unwillkĂŒrlich leiser zu dem nĂ€chsten Teppich hin, sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone aus Blumen. Nachdenklich wĂ€hlt sie die Farbe der nĂ€chsten Nelke aus dem flachen Becken, das ihr die Dienerin hĂ€lt, wĂ€hrend sie die vorige anreiht. Hinten auf der Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen.“ Klingt das nicht erstaunlich modern – nach Achtsamkeit, ganz im Hier – und – Jetzt – Sein, Entschleunigen? Ich merke: diese prachtvollen roten Teppiche haben sich in meiner Seele eingebrannt. Und wenn es im Alltag mal wieder drunter und drĂŒber geht, kann ich mich kurz in diese ruhige Welt zurĂŒcktrĂ€umen.