Vom Inn an die Seine: Leichtigkeit

6. September, 201616:08 von

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Ferienwohnung - KĂŒche

Ferienwohnung – KĂŒche

Wenn ich sagen sollte, was das Schönste an Paris war, wĂŒrde ich antworten: einfach die Tatsache, in Paris zu sein. Das Bewusstsein, endlich dort zu sein. Gar nicht klar benennbare Orte oder Museen oder CafĂ©s, sondern dieser wunderbare Urlaubszustand – man erwacht inmitten von fremden GerĂŒchen und GerĂ€uschen und weiss, dass man an dem Tag alles kann, aber nichts muss.

Schon das Aufwachen in unserer stilvollen Ferienwohnung war eines der Erlebnisse, das ich vermisse: wir wohnten in einem der vielen dreieckig zulaufenden HĂ€user an einer kleinen Kreuzung. Das Schlafzimmer war vorne im spitzen Teil. Vom Bett aus sah man die TĂŒrme von St. Ambroise und eine majestĂ€tische hohe Pappel, die bis in den fĂŒnften Stock reichte. Der Verkehr auf dem breiten, baumbestandenen Boulevard Voltaire war so weit unten, dass er nur als gleichmĂ€ssiges Rauschen bis nach oben drang – was aber sehr eindeutig und verfĂŒhrerisch nach oben schwebte, das war der Geruch der BĂ€ckerei im Erdgeschoss, direkt unter dem Schlafzimmer. Dieser unglaubliche Buttergeruch lockte mich jeden Morgen zuverlĂ€ssig aus dem Bett… Aber bevor ich im rumpeligen KĂ€figaufzug nach unten fuhr, tapste ich ĂŒber das alte, schimmernde Parkett auf den Balkon, genoss den Blick so hoch ĂŒber den DĂ€chern den Boulevard entlang auf den rosa gesĂ€umten Himmel und die seltsamen indischen TĂŒrme von SacrĂ© Coeur in der Ferne und sagte mir vor: ich bin in Paris! Ich bin endlich da!

f6e6ee34_originalEs gibt noch viele solcher Momente: wie wir auf der Terrasse des „Deux Magots“ mit Blick auf die Kirche sassen  und die weltbeste heisse Schokolade serviert bekamen. Oder das Bewusstsein: ich steige die Treppen von Montmarte hoch. Ich bin endlich auf diesen berĂŒhmten Stufen! Oder „Paris – Plage“, der fĂŒr die Sommermonate kĂŒnstlich aufgeschĂŒttetete Strand an der Seine mit seinen einladenden blauen Sonnenschirmen und den blau-weissen LiegestĂŒhlen. Es war ruhig um uns herum an diesem Vormittag, das Wasser glitzerte, ich wurde immer schlĂ€friger in dem bequemen Liegestuhl mit Blick auf eine der BrĂŒcken und eine surreale Palme davor. Oder der Aperitif in einem anderen alten EckcafĂ© – ich schaute grade meine Postkarten mit der Dame mit dem Einhorn an, als der Kellner meinen Sauvignon blanc brachte. Er stellte sich neben unseren Tisch, mit den HĂ€nden auf dem RĂŒcken und der Terrasse im Blick, und erzĂ€hlte, dass er als kleiner Bub mit der Schule dort war und  nie vergessen wird, wie schön es war (glĂŒckliche französische Schulkinder!). Ich pflichtete ihm bei und sagte, dass ich mein Leben lang diese Wandteppiche hatte sehen wollen und es noch gar nicht fassen kann, wie schön sie in echt sind. Und er meinte: Madame sieht auch sehr glĂŒcklich aus. Und dieser Moment, diese paar Sekunden, expandiert wie ein Motiv, das Monet festhĂ€lt und das zeitlos und endlos wird: ich war in Paris, in einem CafĂ© bei der Sorbonne, nach einem beglĂŒckenden Museumsbesuch, mit einem besonderen Glas Wein vor mir, und war bien heureuse.

Ferienwohnung - Wohnzimmer

Ferienwohnung – Wohnzimmer

Aber wie so oft im Leben waren zwei entgegengesetzte Pole unter einen Hut zu bringen: selten hatte ich mich so leicht und unbeschwert gefĂŒhlt – gleichzeitig war ich definitiv noch nie im Leben derartig von tödlichen Waffen umgeben. Frankreich zeigt tatsĂ€chlich, dass es sich immer noch im Ausnahmezustand befindet. Die erste Taschenkontrolle, der erste Metalldetektor vor Museen oder grossen Kirchen kommt einem noch seltsam vor. Aber bald wird es Alltag und nervt sogar, weil es Zeit kostet. Aber man hat keine Wahl: will man in die Sainte Chapelle, die sich im Hof des Justizpalasts befindet, wird man abgepiepst und durchleuchtet wie am Flughafen. Will man in die Galeries Lafayette, wird die Tasche manuell durchsucht und gefĂ€hrlich aussehende Objekte wie das Sonnenbrillenetui fragend ans Licht gehalten und eingehend geprĂŒft. Manchmal von feinfĂŒhligerem Personal, das sich immerhin fĂŒr seine Neugier entschuldigt, manchmal von – nun ja, weniger feinfĂŒhligen (und danach fĂŒhlt sich die Handtasche wirklich seltsam an.) Und es patrouillieren stĂ€ndig und ĂŒberall Vierergruppen von Soldaten in vollster Montur, und damit meine ich auch: umgehĂ€ngtes Gewehr mit Fingern der rechten Hand am Abzug. Kein Witz. Als wir das erste Mal so eine Gruppe sahen, abends am Canal St. Martin, dachten wir noch, hier seien Dreharbeiten… Aber sie wurden eine Konstante im DSCF9370Stadtbild. Immer zu viert und offensichtlich mit der Marschordnung „molto andante“, also wirklich langsames Schlendern und gleichzeitiges aufmerksames Überblicken des GelĂ€ndes. Und sie sind ĂŒberall: draussen und drinnen, selbst im Louvre, zwischen den LiegestĂŒhlen des Paris – Plage, an harmlos wirkenden Ecken oder im belebten Bahnhof. Man gewöhnt sich tatsĂ€chlich daran, und seltsamerweise beruhigt es einen. (Ich hĂ€tte nicht gedacht, dass ich so was mal sage!) NatĂŒrlich ist es eine unglaubliche militĂ€rische Machtdemonstration und man fragt sich, ob das eigene Land eigentlich so viele einsatzfĂ€hige Waffen  besitzt. Den Mut, sie zu zeigen und Grenzen zu zeigen, haben wir definitiv nicht. Und es ist ganz seltsam und absurd, dass ich mich in so einer Umgebung sicherer fĂŒhle, aber so war es. Vor dem Urlaub bin ich ja drei Mal nach MĂŒnchen gefahren, zu Ferien – und Museumstagen, und nach dem damals aktuellem Anschlag im OEZ immer mit dem mulmigen, aber trotzigen GefĂŒhl: ich mach es trotzdem. In Paris gab es kein „trotzdem“, sondern das GefĂŒhl: das ist unsere Stadt, wie lassen uns nichts nehmen und wir dĂŒrfen uns hier sehr wohl frei bewegen. Nicht trotzdem, sondern genau deshalb. Eine absurde, schwerbewaffnete Art von Leichtigkeit, die ich in ihrem Widerspruch nicht fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.