Vom Inn an die Seine: Shakespeare and Company

DSCF9336Irgendwann kommt jedes Jahr unweigerlich der Tag, an dem man morgens nicht als erstes alle Fenster und Terrassentüren aufreisst, sondern in der Kommode nach wärmeren Strickjacken sucht. Barfuss frühstücken ist ganz plötzlich nicht mehr attraktiv, und auch wenn es einen jedes Jahr wieder überrascht: es liegt mehr als ein Hauch von Herbst in der Luft.  Schnell noch ein Artikel über Paris, bevor die Erinnerung an Temperaturen über 30 Grad, staubige Sandalen und eine Woche voller Sommerkleider ganz verblasst! Aber ich erinnere mich darin an einen Ort, an den man sich auch gut bei Herbstwetter hineinträumen kann. Eher als in Parks, Strassencafés, Uferpromenaden: ein altmodischer, hoffnungslos vollgestopfter kleiner Buchladen schräg gegenüber von Notre Dame auf der anderen Seite der Seine…

tumblr_nbdeyhDN641tl7ri2o1_1280Das legendäre „Shakespeare & Company“ wurde 1919 von der Amerikanerin Sylvia Beach gegründet. Die englischsprachige Buchhandlung wurde schnell zum Treffpunkt der literarischen Szene. Wer in den Zwanzigerjahren mit Literatur zu tun hatte, ging dort aus und ein – unter anderem Gertrude Stein, T. S. Eliot, Ernest Hemingway und James Joyce. Nach dem Krieg und einem Besitzerwechsel  – George Whitman war der gleichermassen charismatische Nachfolger – zog der Laden in die Rue de la bucherie 37, wo er sich heute noch befindet. Das windschiefe, schmale Häuschen war im 16. Jahrhundert Teil eines Klosters. Die Atmosphäre, die er ausstrahlt, ist allerdings zeitlos: weder Zwanzigerjahre noch Dickens, an den man unweigerlich denkt, wenn man sich den Weg durch die verwinkelten winzigen Zimmerchen bahnt. Es ist mehr wie eine Märchenhöhle mit Regalen bis an die Decke. Wie der wahrgewordene Traum eines Buchliebhabers, der allen Gesetzen der Physik zu trotzen scheint. Alles ist so alt, schief und verwinkelt, dass man Angst hat, die ganze Statik würde zusammenbrechen, wenn man ein bestimmtes Buch aus dem Regal zieht. Auch Kittywenn man es erst nicht glaubt: es gibt eine Systematik hier, und man kann sich wirklich zurechtfinden. Was wie Chaos und irgendwo-Hingestellt ausssieht, ist mit Bedacht und Liebe eingeräumt und garniert mit kleinen handgeschriebenen Schildchen, Postkarten, kleinen Gemälden, Fotos von Dichterlesungen und anderen Erinnerungen. Deshalb entsteht schon unten der Eindruck, man sei in einem privaten Wohnzimmer. Hat man die enge, gewundene Treppe in den ersten Stock erklommen, ist man tatsächlich in einem Wohnzimmer: im Flur befindet sich passenderweise die Lyrikabteilung mit verkäuflichen Büchern. Der übrigen gefühlten hundert Regalmeter in den diversen kleinen Zimmerchen beherbergen antiquarische Bücher, die man vor Ort lesen, aber nicht kaufen kann. Unzählige alte Sofas, Liegen und Sessel laden zum Verweilen ein, ebenso diverse Schreibtische mit alten wackeligen Stühlen und prähistorisch anmutenden Schreibmaschinen (einer mit Blick aus dem geöffneten Fenster auf die Türme von Notre Dame – ich war sprachlos!). Überall laden Zettelchen ein, zu bleiben und zu lesen oder auf dem Klavier in einem weiteren höhlenartigen Zimmerchen zu spielen – aber mit Rücksicht auf andere Versunkene keine Fotos zu machen. Und das wird erstaunlicherweise akzeptiert. Der gute Geist einer anderen Zeit kommt selbst gegen die jetzige Selfie-Manie an. Es würde sich aber auch als seltsamer Einbruch in die Privatsphäre von Lesenden anfühlen. Ein paar der Gestalten, die völlig abwesend auf den Sofas lasen und scheinbar zum Inventar gehörten, sahen aus, als würden sie buchstäblich seit den Siebzigerjahren hier campieren… Wie wunderbar.

Shakespeare & Company abendsDa es in Frankreich kein Ladenschlussgesetz gibt, hat die wundersame Bücherhöhle jeden Tag bis 23 Uhr auf. Wirklich ein Ort, an dem man sich verlieren kann, und eine ganz besondere Erfahrung. Es ist definitv einer der schönsten Buchläden, die ich kenne. Bisher war der Persephone Bookstore in London mein Favorit, aber er ist so völlig das Gegenteil: auch klein, aber hell, übersichtlich und sauber. Und nicht zum endlosen Verweilen gedacht (weiss gar nicht, ob es überhaupt eine Sitzgelegenheit gab?). Man wird unglaublich freundlich und höflich beraten, trifft seine Auswahl der verlagseigenen Bücher in elegantem Grau und nimmt quasi ein Stück dieser aufgeräumten Atmosphäre mit nach Hause. Die Höhle in Paris hingegen: also ich weiss nicht, wann die Sofaüberwürfe  das letzte Mal gewaschen worden sind. Und ob überhaupt. Bei Persephone gibt es gelegentliche Tea Parties oder manchmal sogar Lesungen mit einem verwegenenen Glas Madeira. Von George Whitman gibt es die Anekdote, dass er in seinem Laden Maria Callas Rotwein aus einer ausgespülten Thunfischdose anbot und sie, nachdem sie abgelehnt hatte, als „bourgeois“ bezeichnete. „Shakespeare & Company“ ist vielleicht eine nicht bourgeoise Erfahrung, aber manchmal ist man ja genau in der Laune für so was. Sollte ich mal allein in Paris sein, werde ich da einziehen!

(Fotos ausser dem ersten: Webseite des Buchladens)

4 Gedanken zu „Vom Inn an die Seine: Shakespeare and Company

  1. schade, ich fürchte, mittlerweile habe ich alle Bücher, die ich für den Rest meiner Tage noch brauche. Aber man weiß ja nie so genau!!!

  2. Ja, man muss sich wundern, über was man immer wieder stolpert – und in dem engen Laden ist das durchaus wörtlich gemeint. Aber es blieb bei zwei Büchern! U.a. „Dinner with Lenny“, das letzte lange Interview mit Leonard Bernstein. Hat sich gelohnt!

  3. Liebe Martina,

    durch eine Freundin erinnert habe ich endlich mal wieder in deinen Blog geschaut, um deine Eindrücke von Paris zu lesen. Wie es der Zufall so will habe ich gestern den Film Julie and Julia wieder mal angeschaut und dadurch dein erstes Bild gleich wiedererkannt. Leider wird Julia Child in diesem herrlichen Geschäft nicht fündig, sie sucht ein französisches Kochbuch in englischer Sprache geschrieben, aber ich stelle es mir herrlich vor, in diesen Räumen zu stöbern, wie wir es ja auch in Any amount of books so gerne tun (der Tipp kam ja von dir).

  4. Ich denke, inzwischen hat sich das geändert – wobei der Laden so was von verwinkelt und eng ist, dass ich die Abteilung mit Kochbüchern gar nicht wahrgenommen habe.
    Danke, dass Du mich dran erinnerst, dass das Geschäft in diesem Film auch vorkommt! Ist mir damals nicht aufgefallen.
    (Und übrigens kann man das südfranzösische Landhaus von Julia Child inzwischen als Ferienhaus mieten, inklusive der Wahnsinnsküche – hab ich kürzlich wo gelesen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.