Vom Inn an die Seine: Shakespeare and Company

23. September, 201617:01 von

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DSCF9336Irgendwann kommt jedes Jahr unweigerlich der Tag, an dem man morgens nicht als erstes alle Fenster und Terrassent├╝ren aufreisst, sondern in der Kommode nach w├Ąrmeren Strickjacken sucht. Barfuss fr├╝hst├╝cken ist ganz pl├Âtzlich nicht mehr attraktiv, und auch wenn es einen jedes Jahr wieder ├╝berrascht: es liegt mehr als ein Hauch von Herbst in der Luft. ┬áSchnell noch ein Artikel ├╝ber Paris, bevor die Erinnerung an Temperaturen ├╝ber 30 Grad, staubige Sandalen und eine Woche voller Sommerkleider ganz verblasst! Aber ich erinnere mich darin an einen Ort, an den man sich auch gut bei Herbstwetter hineintr├Ąumen kann. Eher als in Parks, Strassencaf├ęs, Uferpromenaden: ein altmodischer, hoffnungslos vollgestopfter kleiner Buchladen schr├Ąg gegen├╝ber von Notre Dame auf der anderen Seite der Seine…

tumblr_nbdeyhDN641tl7ri2o1_1280Das legend├Ąre „Shakespeare & Company“ wurde 1919 von der Amerikanerin Sylvia Beach gegr├╝ndet. Die englischsprachige Buchhandlung wurde schnell zum Treffpunkt der literarischen Szene. Wer in den Zwanzigerjahren mit Literatur zu tun hatte, ging dort aus und ein – unter anderem Gertrude Stein, T. S. Eliot, Ernest Hemingway und James Joyce. Nach dem Krieg und einem Besitzerwechsel ┬á– George Whitman war der gleichermassen charismatische Nachfolger – zog der Laden in die Rue de la bucherie 37, wo er sich heute noch befindet. Das windschiefe, schmale H├Ąuschen war im 16. Jahrhundert Teil eines Klosters. Die Atmosph├Ąre, die er ausstrahlt, ist allerdings zeitlos: weder Zwanzigerjahre noch Dickens, an den man unweigerlich denkt, wenn man sich den Weg durch die verwinkelten winzigen Zimmerchen bahnt. Es ist mehr wie eine M├Ąrchenh├Âhle mit Regalen bis an die Decke. Wie der wahrgewordene Traum eines Buchliebhabers, der allen Gesetzen der Physik zu trotzen scheint. Alles ist so alt, schief und verwinkelt, dass man Angst hat, die ganze Statik w├╝rde zusammenbrechen, wenn man ein bestimmtes Buch aus dem Regal zieht. Auch Kittywenn man es erst nicht glaubt: es gibt eine Systematik hier, und man kann sich wirklich zurechtfinden. Was wie Chaos und irgendwo-Hingestellt ausssieht, ist mit Bedacht und Liebe einger├Ąumt und garniert mit kleinen handgeschriebenen Schildchen, Postkarten, kleinen Gem├Ąlden, Fotos von Dichterlesungen und anderen Erinnerungen. Deshalb entsteht schon unten der Eindruck, man sei in einem privaten Wohnzimmer. Hat man die enge, gewundene Treppe in den ersten Stock erklommen, ist man tats├Ąchlich in einem Wohnzimmer: im Flur befindet sich passenderweise die Lyrikabteilung mit verk├Ąuflichen B├╝chern. Der ├╝brigen gef├╝hlten hundert Regalmeter in den diversen kleinen Zimmerchen beherbergen antiquarische B├╝cher, die man vor Ort lesen, aber nicht kaufen kann. Unz├Ąhlige alte Sofas, Liegen und Sessel laden zum Verweilen ein, ebenso diverse Schreibtische mit alten wackeligen St├╝hlen und pr├Ąhistorisch anmutenden Schreibmaschinen (einer mit Blick aus dem ge├Âffneten Fenster auf die T├╝rme von Notre Dame – ich war sprachlos!). ├ťberall laden Zettelchen ein, zu bleiben und zu lesen oder auf dem Klavier in einem weiteren h├Âhlenartigen Zimmerchen zu spielen – aber mit R├╝cksicht auf andere Versunkene keine Fotos zu machen. Und das wird erstaunlicherweise akzeptiert. Der gute Geist einer anderen Zeit kommt selbst gegen die jetzige Selfie-Manie an. Es w├╝rde sich aber auch als seltsamer Einbruch in die Privatsph├Ąre von Lesenden anf├╝hlen. Ein paar der Gestalten, die v├Âllig abwesend auf den Sofas lasen und scheinbar zum Inventar geh├Ârten, sahen aus, als w├╝rden sie buchst├Ąblich seit den Siebzigerjahren hier campieren… Wie wunderbar.

Shakespeare & Company abendsDa es in Frankreich kein Ladenschlussgesetz gibt, hat die wundersame B├╝cherh├Âhle jeden Tag bis 23 Uhr auf. Wirklich ein Ort, an dem man sich verlieren kann, und eine ganz besondere Erfahrung. Es ist definitv einer der sch├Ânsten Buchl├Ąden, die ich kenne. Bisher war der Persephone Bookstore in London mein Favorit, aber er ist so v├Âllig das Gegenteil: auch klein, aber hell, ├╝bersichtlich und sauber. Und nicht zum endlosen Verweilen gedacht (weiss gar nicht, ob es ├╝berhaupt eine Sitzgelegenheit gab?). Man wird unglaublich freundlich und h├Âflich beraten, trifft seine Auswahl der verlagseigenen B├╝cher in elegantem Grau und nimmt quasi ein St├╝ck dieser aufger├Ąumten Atmosph├Ąre mit nach Hause. Die H├Âhle in Paris hingegen: also ich weiss nicht, wann die Sofa├╝berw├╝rfe ┬ádas letzte Mal gewaschen worden sind. Und ob ├╝berhaupt. Bei Persephone gibt es gelegentliche Tea Parties oder manchmal sogar Lesungen mit einem verwegenenen Glas Madeira. Von George Whitman gibt es die Anekdote, dass er in seinem Laden Maria Callas Rotwein aus einer ausgesp├╝lten Thunfischdose anbot und sie, nachdem sie abgelehnt hatte, als „bourgeois“ bezeichnete. „Shakespeare & Company“ ist vielleicht eine nicht bourgeoise Erfahrung, aber manchmal ist man ja genau in der Laune f├╝r so was. Sollte ich mal allein in Paris sein, werde ich da einziehen!

(Fotos ausser dem ersten: Webseite des Buchladens)