Aufgebl├╝ht

7. Juli, 201607:55 von

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DSCF8772Als g├Ąbe es nicht genug zu tun zum Schuljahresende mit all seinen Sommerkonzerten und Schlusskonzerten und den Programmen, die man daf├╝r tippen muss, hat mir das Schicksal f├╝r die letzte Vorspielklausur der Elftkl├Ąssler eine Menge spannender Literatur zum Begleiten beschert. Als w├╝rde es mich ermahnen, nicht zu glauben, am 11. Juli seien schon Ferien oder so. Ganz im Gegenteil, da geht es noch mal richtig zur Sache f├╝r alle: vor meinem langen Unterrichtsnachmittag habe ich einen ├Ąhnlich langen Vormittag in der Schule vor mir. Und w├Ąhrend die Begleitaufgaben im Herbst eher konventionell und zum Teil bekannt waren, flatterten mir jetzt drei moderne St├╝cke ins Fach, die ich tats├Ąchlich noch nicht kenne. Das ist auch immer wieder wichtig und gut f├╝r die Demut – ich begleite seit Jahrzehnten Geiger in Pr├╝fungen aller Niveaus, und es gibt immer noch St├╝cke, die ich noch nie gesehen habe. Und so sitze ich da, ├╝be Schostakowitsch, Stravinsky und Genzmer, frage mich schon ein bisschen, warum nicht wenigstens zwei bitte das gleiche St├╝ck spielen k├Ânnen, finde aber jedes so toll und interessant, dass es auch nichts macht. F├╝r eklige Stellen notiere ich mir Fingers├Ątze in der Hoffnung, dass das St├╝ck vielleicht in einem anderen Jahrgang wieder rausgezerrt wird und ich es dann nur noch aufw├Ąrmen muss. Aber sonst hilft nur: Augen zu und durch. Der gewisse Zeitdruck tut gut und es gibt keine Ausreden, warum ich mich morgens nicht gleich als erstes ans Klavier setzen sollte. Was heisst sollte – ich muss einfach, um das Pensum zu schaffen. Die Mendelssohn-Sonate und der Sarasate zwischendurch sind die reinste Erholung, aber sonst wird gez├Ąhlt und atonale Kl├Ąnge eingebl├Ąut, was das Zeig h├Ąlt.

Nach dem ├╝blichen Unwillen wegen schon wieder unbezahlter Mehrarbeit komme ich, wie immer wieder, zu der Erkenntnis: es geht nicht um die Bezahlung in Geld. Es geht darum, es einfach zu tun. Was mich schlaucht und verdorren l├Ąsst wie eine schrumpelige Pflaume, ist das viele Drumrum, das nichts mit Musik oder Kunst zu tun hat: Stundenorganisation, Verlegungen, Diskussionen mit unwilligen Sch├╝lern, Diskussionen mit ├╝bereifrigen Eltern – der ganze Alltagskrempel. Das ist es, was einen auslaugt. Wenn ich dann tats├Ąchlich mal am Klavier sitzen und spielen darf, ist alles gut und ich sp├╝re mit jeder Minute, wie ich auflebe und aufbl├╝he. Und diese Geigerinnen, die ich begleite, sind zum Teil sehr gut. Wir m├╝ssen nicht proben, um zusammenzusein, sondern k├Ânnen gleich einsteigen ins wirkliche Musikmachen. K├Ânnen sch├Âpferisch t├Ątig sein und schauen, wie wir dem Werk am ehesten gerecht werden. In solchen Momenten f├Ąngt die Zeit an zu fliegen, man vergisst alles um sich, ignoriert die nicht existente L├╝ftung in den ├ťberk├Ąmmerchen und ist einfach in seinem Element. Das tut enorm gut. Man f├╝hlt sich lebendig und verj├╝ngt wie durch kaum was anderes. Weiss wieder, warum man diesen Job macht mit allen seinen Schattenseiten. Deshalb: ja zur Mehrarbeit, wenn es kreative und lebensspendende Arbeit wie grade ist! Auch wenn meine eigenen Sachen mal wieder liegen bleiben – aber immerhin spiele ich.

Im R├╝ckblick muss ich sagen: ich habe wahnsinnig viel gespielt dieses Schuljahr, bin viel aufgetreten, musste immer wieder gut pr├Ąpariert auf irgendeine B├╝hne klettern. Aber es waren lauter ungeplante Sachen. Nicht meine Beethovensonate, nicht mein Bach. Die laufen so am Rande mit. Ich f├╝rchte, das ist einfach das Leben, in dem ich jetzt angekommen bin. Grossartig Solospielen ist nur noch mit echter Disziplin drin, und wenn sich die anderen Aufgaben so h├Ąufen, werden da am ehesten Abstriche gemacht. Und zwar nicht aus k├Ârperlichen, sondern akustischen Gr├╝nden: man kann nur so und so viele Stunden am Tag ein so lautes Instrument wie meins spielen und h├Âren. Irgendwann wird es selbst mir zu viel. Aber auch wenn es nicht meine Wunschst├╝cke sind: immerhin spiele ich, bleibe lebendig und fit und bleibe in Verbindung mit dem, was mich ausmacht und was mir wichtig ist. Dass das ein Geschenk ist, erkennt man erst, wenn man sich gen├╝gend ├╝ber Genzmer aufgeregt hat…