Nicht nur schwarz – weiss

27. Juni, 201609:15 von

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DSCF8490Und dann gibt es die anderen, die die ganze Sache differenzierter sehen. Die ruhig bleiben und eine Diskussion nicht als Anlass nehmen, nur lauthals ihre Sicht der Dinge loszuwerden, ohne den anderen zuzuh├Âren. Und es sind erstaunlicherweise nicht die studierten, lebenserfahrenen Akademiker, die ich k├╝rzlich im Fast – Nahkampf erleben durfte, sondern – ein sechzehnj├Ąhriges M├Ądchen, das mich durch ein paar ruhige Bemerkungen wieder an ┬ádas Gute im Menschen glauben l├Ąsst. Sie ist eine Sch├╝lerin von mir, die ich neuerdings nach der Klavierstunde abends heimfahre, weil so sp├Ąt kein Bus von Erding mehr in ihr Dorf f├Ąhrt und ich auf dem Heimweg ohnehin dort durch fahre. Wir reden vom Einsteigen bis ich sie an ihrer Bushaltestelle rauslasse ohne eine einzige Pause – aber kaum ├╝bers Klavierspielen. ├ťbers Reisen, Lesen, Sprachenlernen, und jetzt zuf├Ąlligerweise ├╝ber Fl├╝chtlinge. Aber nicht, weil uns was akut im Alltag daran st├Ârt, sondern weil sie erz├Ąhlte, dass ein gewisser dicker fetter Geschichtsatlas ihre Lieblingslekt├╝re ist und sie wahnsinnig gern die alten Landkarten anschaut. Ich auch, ├╝brigens. Dass ├╝berhaupt Geschichte ihr gr├Âsstes Hobby ist und sie immer wieder staunt, wie flexibel und st├Ąndig im Wandel zum Beispiel Grenzen waren. Und dass es immer Bewegungen und V├Âlkerwanderungen wie jetzt gegeben hat. Dass sich immer die Menschen irgendwo die K├Âpfe eingeschlagen haben und andere deshalb auf der Flucht waren. Und das Traurige daran: dass wir nie daraus zu lernen scheinen. Aber so ist es, und wir leben zuf├Ąllig jetzt und beobachten alles hautnah. M├╝ssen aber auch anerkennen, dass wir in kurzer Zeit ohnehin nichts dran ├Ąndern k├Ânnen. Sollten eher versuchen, damit zu leben.

Wow. Ich dachte immer, sie ist eine tolle Klavierspielerin – aber da sitzt offensichtlich die geborene Diplomatin! Sie hat in wenigen S├Ątzen die Lage und ihre verschiedenen Aspekte so klar skizziert, auch, was wir tun k├Ânnten und wo die Grenzen sind, dass ich dachte: die Kleine h├Ątten wir an unserer Tafel gebraucht. Ich glaub, vor ihrer Unschuld und Klarheit h├Ątten selbst die v├Âllig erhitzten Streith├Ąhne Respekt gehabt. Und was das Tollste war: ich habe keine Ahnung, wo sie pers├Ânlich steht. Sie ist sachlich und neutral geblieben, hat eine F├Ąhigkeit zur Abstraktion bewiesen, die den anderen, die im Gegensatz zu ihr l├Ąngst ihr Abitur und noch mehr an Ausbildung ┬áhaben, v├Âllig abgegangen ist.

Und das w├╝rde ich mir f├╝r (hoffentlich nicht auftretende!) zuk├╝nftige Auseinandersetzungen w├╝nschen: eine differenzierte Sicht der Dinge und einen Abschied von Pauschalurteilen. Nicht alle Moslems sind radikal, so wie nicht alle Christen Katholiken sind oder ├╝berhaupt in die Kirche gehen. Nicht alle Fl├╝chtlinge kommen nur, um sich „in die soziale H├Ąngematte zu legen“. Ich bestreite nicht, dass es beide Seiten gibt, aber man sollte nicht alle ├╝ber einen Kamm scheren. Das w├╝rden wir doch auch nicht wollen, dass so ├╝ber unsere Kultur geurteilt wird?

Es ist nicht so, dass ich Diskussionen scheue. Im Gegenteil: wenn meine Sch├╝ler mir widersprechen, bin ich direkt gl├╝cklich. Einmal, weil ich sehe, dass sie nicht nur k├Ârperlich anwesend sind, und dann, weil dadurch immer etwas in Gang und Leben in die Bude kommt. Manchmal kitzele und provoziere ich sie schon auch mit Absicht – aber wirklich mit p├Ądagogischer Absicht, nicht um sie noch rasender zu machen, wie es k├╝rzlich privat der Fall war. Und alles in gesittetem Rahmen. Es geht um die Sache und wir attackieren uns nicht pers├Ânlich. Und akzeptieren die Meinung des anderen. Wenn es ├╝berzeugend ist, habe ich kein Problem damit, wenn jemand ein St├╝ck v├Âllig anders spielt, als ich es w├╝rde. Das macht das Leben ja erst sch├Ân. Was bei unserer Auseinandersetzung am Kaffeetisch so zerm├╝rbend und frustrierend war, war, dass jeder der beiden unbedingt wollte, dass der andere seine Sicht ├╝bernimmt. Weil sie die einzig Wahre ist. Warum ist das so?!

Wir sollten aufh├Âren, uns die K├Âpfe dar├╝ber einzuschlagen, warum sich andere Leute die K├Âpfe einschlagen. Oder vielleicht nur noch zu gegebener Zeit, im passenden Rahmen, oder zusammen mit Menschen, deren Job es ist, an der Situation eventuell etwas zu ├Ąndern. Privat kommen wir da nicht weiter und setzen h├Âchstens Freundschaften und Sympathien aufs Spiel.