Toleranz

14. Juni, 201608:59 von

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DSCF8963Es heisst immer, die FlĂŒchtlinge werden unsere Gesellschaft verĂ€ndern. Ich stelle das jetzt schon fest – aber anders, als der Spruch immer gemeint ist: meine unmittelbare Gesellschaft, der Umgangston in meinem Freundes- und Bekanntenkreis hat sich sehr verĂ€ndert. Ich stehe mit meinen Beobachtungen sicher nicht allein da. Trotzdem muss ich darĂŒber reden, weil ich immer wieder fassungslos bin, wie sich vermeintlich zivilisierte Menschen verhalten, wenn sie sich ĂŒber die FlĂŒchtlingsfrage in die Haare geraten sind. Was auch erstaunlich ist: dass wir ĂŒberhaupt ĂŒber Politik reden, also mehr als ein paar Minuten lang. FrĂŒher ging es da harmlos zu, ein bisschen ĂŒber Tagespolitik oder regionale Ereignisse, aber so, dass man nicht unbedingt ahnen konnte, wo der andere steht – und es war auch egal und in Ordnung so, ich mochte die anderen einfach als Menschen und hĂ€tte sie jetzt nicht mehr gemocht oder abgelehnt wegen ihrer politischen Überzeugung.

Doch jetzt vertreten langjĂ€hrige Bekannte, die ich zu kennen glaubte, derart haarstrĂ€ubende, menschenverachtende Ansichten, dass ich nicht mehr mitkomme. Wie konnte ich sie so anders einschĂ€tzen? Wie konnte ich von Menschen, die so ĂŒber andere Menschen denken, Geschenke und Blumen annehmen und mit ihnen an einem Tisch sitzen? Da wird mir im Nachhinein direkt anders.

Und, die allergrösste Frage, wie kann ich auch in Zukunft mit ihnen an einem Tisch sitzen? Das ist fĂŒr mich grade die grösste Herausforderung. Auslöser fĂŒr diese Frage war eine Einladung am letzten Wochenende, die derartig eskalierte und aus dem Ruder geriet, dass ich immer noch schockiert bin. Selten hab ich so eine hĂ€ssliche, laute Auseinandersetzung miterlebt. Und sie dauerte geschlagene 90 Minuten – wurde nach der HĂ€lfte der Zeit immerhin aus RĂŒcksicht auf die Damen auf die Terrasse verlegt, aber auch da ging es lautstark weiter. Manchmal sah es aus, als ob wir nur knapp vor Handgreiflichkeiten stehen (absurderweise ging es grade darum, warum testosterongesteuerte FlĂŒchtlinge in ihren UnterkĂŒnften Messerstechereien anfangen. Das ist kein Witz. Aber den Streitenden hier fehlte der Abstand, um zu sehen, wie testosteronstrotzend sie grade selber waren.)

Ist das, was wir Zivilisation nennen und wonach ich mich grade sehr sehne, nur ein unter-den-Teppich-Kehren von unschönen Wahrheiten? Ein unechtes Konstrukt, ein tĂ€gliches anstrengendes ZurĂŒckdrĂ€ngen des Neandertalers in uns? Unangemessen fĂŒr Menschen, die authentisch sie selber sein wollen? Oder sind es nötige ZugestĂ€ndnisse an unsere Mitmenschen, um das Zusammenleben ertrĂ€glicher und leichter zu machen? NatĂŒrlich ist es das, aber ich will deshalb nicht darauf verzichten. Ich brauche auch nicht ausschliesslich höchste kultivierte Tafelrunden Ă  la „Downton Abbey“ – aber, Mensch, das waren noch Zeiten, als man trotz diametral entgegengesetzter Ansichten fĂŒr ein paar Stunden höflich miteinander umgehen konnte! Und wusste, wann es Zeit ist, den Mund zu halten!

Ich hĂ€tte gern was von dieser Selbstdisziplin, Höflichkeit und inneren StĂ€rke zurĂŒck. Ich hab monatelang ĂŒber das Thema nachgedacht und was ich fĂŒr Möglichkeiten hĂ€tte. Diplomatie? Kann man komplett vergessen. Nur noch Gleichgesinnte einladen? Da wĂ€re unser Bekanntenkreis wirklich und tatsĂ€chlich um die HĂ€lfte dezimiert (geht das anderen Leuten auch so? Ist die Gesellschaft wirklich 50 zu 50 gespalten, oder bewegen wir uns in seltsamen Kreisen?!)

Also bleibt: Toleranz. Oder der Versuch davon. Und damit meine ich nicht Toleranz den FlĂŒchtlingen gegenĂŒber, sondern den Menschen, die ich zum Teil schon jahrzehntelang kenne. Das wird verdammt schwer. Wird wohl eher ein Experiment – ich weiss wirklich nicht, ob ich es durchhalte. Ich will mich nicht auch noch selber spalten vor lauter Harmoniesucht und nett sein zu Menschen, deren Einstellung ich ĂŒberhaupt nicht teile. Und ich weiss auch nicht, wie viel es bringt, wenn ich mich bewusst fĂŒr etwas entscheide, was mir schwerfĂ€llt, die anderen aber munter intolerant gegen alles Mögliche weitermachen und gar nicht bemerken, dass in einer zivilisierten Gesellschaft Anstrengungen von allen Seiten nötig sind.