Bei der Klavierbauerin

29. August, 201509:17 von

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DSCF8367K├╝rzlich habe ich eine Sch├╝lerin zum Klavieraussuchen begleitet. Wir fuhren, wie man das so macht, in ein grosses, alteingesessenes Klaviergesch├Ąft in der Stadt. Schon von aussen strahlte es Gediegenheit aus. Die Fassade gepflegt und sauber, die Fenster, hinter denen die wertvollen Instrumente gl├Ąnzten, gross und makellos durchsichtig. Auch innen hatte man das Gef├╝hl, einen besonderen Bereich zu betreten, in dem man nicht allt├Ągliche┬áund wahrscheinlich f├╝rs Leben einmalige Gesch├Ąfte macht. Ein Teppichboden d├Ąmpfte unsere Schritte, die Instrumente waren staub- und dapserfrei und standen in grossz├╝gigen Abst├Ąnden in den verschiedenen R├Ąumen. Der Inhaber k├╝mmerte sich wirklich vorbildlich um uns, aber ich bemerkte, wie ich innerlich immer mehr schrumpfte. Im Gespr├Ąch fielen so viele Typenbezeichnungen und Abk├╝rzungen, die mir ├╝berhaupt nichts sagten, dass ich mich kurz fragte, ob ich in einem Autohaus sei – und Angst hatte, als Klavierlehrerein nicht f├╝r voll genommen zu werden, weil ich keine dieser┬áK├╝rzel f├╝r asiatische Instrumente┬áoder die einzelnen Modelle und ihre Vorg├Ąnger kannte. Tats├Ąchlich hatte ich irgendwie das Gef├╝hl, „aufzufliegen“, auch vor meiner Sch├╝lerin. Es half auch nichts, dass ich beim Anspielen der Klaviere m├Âglicherweise zeigen konnte, dass ich doch weiss, wo oben und unten ist. Und in der erhofften Preiskategorie war einfach nichts Passendes dabei. Es war eher ern├╝chternd, zu sehen, wie wenig Klavier man f├╝r viel Geld bekommt.

DSCF8365Trotzdem war meine Sch├╝lerin fest entschlossen, jetzt, genau jetzt N├Ągel mit K├Âpfen zu machen und eins der gesehenen Instrumente zu mieten. Nat├╝rlich freue ich mich, wenn jemand so entschlossen aufs Ganze gehen will. Aber f├╝r sie, f├╝r ihre H├Ąnde und ihre Pers├Ânlichkeit, konnte ich mir guten Gewissens keins der Klaviere vorstellen. Bevor sie zur├╝ckrufen und sich f├╝r ein Mietinstrument festlegen konnte, hatte ich die pl├Âtzliche Eingebung, kurz auf der Seite meiner gesch├Ątzten Klavierbauerin zu schauen, die immer wieder Instrumente in Kommission verkauft. Und da war es: ein deutsches Klavier von 1910, zu einem erstaunlichen Preis. Ich rief sie an und fragte, ob aus ihrer Sicht alles in Ordnung w├Ąre mit dem Klavier. Sie, ganz Hamburgerin: klar, sonst w├╝rde sie es ja nicht verkaufen. Ich vertraue ihr blind – sie ist der erste Mensch, den ich wirklich freiwillig und ohne ungute Gef├╝hle ans Innere meines Fl├╝gels lasse. Sie hat mit ihrem Stimmen wahre Wunder bewirkt und eine Reibungsoptimierung durchgef├╝hrt, die meinen Fl├╝gel um Jahre verj├╝ngt hat (und mir das tr├╝gerische Gef├╝hl gibt, eine ganz tolle Pianistin zu sein…). F├╝r mich war die Sache in dem Augenblick erledigt, und zwar zur vollsten Zufriedenheit.

Aber ganz unbesehen sollte der Kauf doch nicht ├╝ber die B├╝hne gehen. Also pilgerte ich mit meiner Sch├╝lerin in Frau Sohnemanns Werkstatt, etwa eine halbe Stunde ├Âstlich von Wasserburg. Es war ein wunderbarer Hochsommertag. Der strahlende Himmel w├Âlbte sich ├╝ber gelben Getreidefeldern, wir hatten Sommerkleider an und zumindest ich hatte ein unerwartetes Ferienaufbruchsgef├╝hl, als wir da in den menschenleeren wilden Osten fuhren. Ich dachte immer, ich wohne l├Ąndlich, aber es gibt noch eine Steigerung… Und sie ist unglaublich idyllisch und landschaftlich reizvoll.

DSCF8366Die Werkstatt ist in einem Bauernhof, der in Alleinlage┬ámitten in den Feldern┬áthront. Neben dem Eingang schmiegt sich ein hoher, mit Fr├╝chten ├╝bervoller Aprikosenbaum an die Hausecke. Die grosse, oben abgerundete Terrassent├╝r stand offen, als wir ankamen, und ganze Teppiche von Sonnenlicht fielen auf den Boden der Werkstatt. Obwohl alle Fenster offenstanden, umfing uns der ungewohnt s├╝sse Geruch der Lacke. Das wird auch der Duft bleiben, der meine Erinnerung an diesen Tag begleitet – und den denkw├╝rdigen Moment, als wir DAS Klavier zum ersten Mal sahen und ich nach den ersten T├Ânen wusste: das ist es. Von meiner Seite war es Liebe auf den ersten Blick. Wenn ich Platz h├Ątte, w├╝rde ich es sofort nehmen. So was Sch├Ânes und Kostbares! Elfenbeintasten und Schellack – Politur, eine Jugendstilschrift zum Niederknien, und vor allem der optimale Anschlag f├╝r meine Sch├╝lerin. Ein ganz wunderbares Tastengef├╝hl und ein herrlicher weicher Klang, den alle Asiaten der Welt nicht hinkriegen w├╝rden. Und: es hat zu uns gesprochen. Eindeutig. Ich glaube gar, es hat auf uns gewartet. (Als wir wenig sp├Ąter die unglaubliche und f├╝r hier zu pers├Ânliche Geschichte h├Ârten, die sich in diesen Tagen noch um dieses Klavier ereignete, waren wir beide davon ├╝berzeugt, dass wir es genau in dem DSCF8364Moment┬áfinden mussten.) Es ist das gr├Âsste Vergn├╝gen, auf diesem Klavier Schubert zu spielen, und das tat ich, ermuntert von Frau Sohnemann, die nebenbei fortfuhr, auf ihrer Werkbank H├Ąmmer abzuziehen. Und ich f├╝hlte mich so frei, obwohl die T├╝ren offenstanden und ich vielleicht jemand st├Âren k├Ânnte – so ganz anders als in dem gediegenen Gesch├Ąft, das mich direkt eingesch├╝chtert hat. Hier stand ein grosser Strauss Gartenblumen, die Sommerw├Ąrme wehte um uns, es war noch keine einzige Typenbezeichung gefallen und ich f├╝hlte mich geborgen in dem Bewusstsein, dass es der Klavierbauerin ein Anliegen ist, Menschen mit dem genau passenden Instrument zusammenzubringen und zu begl├╝cken.┬áWas f├╝r┬áein sch├Âner Vormittag!