Im Olymp

25. September, 201509:15 von

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tumblr_mofev8gDYC1s6ikpgo3_r1_1280Dieses Schuljahr habe ich mir fest vorgenommen, mich bewusst um meine Seele und meine wirklichen Leidenschaften zu k√ľmmern. Nicht nur st√§ndig zu funktionieren und f√ľr andere da zu sein, sondern zwischendurch auch zu schauen, was mich eigentlich am Leben erh√§lt. Was gibt es Besseres als einen Opernbesuch, um diesen Vorsatz umzusetzen? Da bl√ľhe ich wirklich auf und bin ganz und gar gl√ľcklich. Aber wie selten war ich die letzten Jahre in dieser grandios guten Oper quasi vor der Haust√ľr? Das kann ich an zwei H√§nden aufz√§hlen, inklusive der Opernbesuche mit der Schule.¬†Da war¬†ich als Begleitperson dabei und mehr damit besch√§ftigt, das Rudel Zehntkl√§ssler in Schach zu halten, als mich echtem Kunstgenuss hinzugeben.

Bevor allgemeine Ersch√∂pfung oder widriges Wetter meine Pl√§ne durchkreuzen k√∂nnen,¬†hab ich mir gleich zu Beginn der Saison¬†Karten f√ľr ¬†„Madame Butterfly“ gesichert. Wie immer Stehpl√§tze – erstens wegen der M√ľnchner Preise, und haupts√§chlich, weil ich immer so aufgeregt und beseligt bin, dass ich eh nicht still sitzen k√∂nnte. Ich merke wirklich nicht, dass ich drei Stunden stehe – ich schwebe die ganze Zeit. Und ich f√ľhle mich wohl und einfach am richtigen Platz da ganz oben unter der Decke. Ausserdem sehen wir viel besser als die Leute im Parkett, wie der gigantische Kronleuchter kurz vor Beginn hochf√§hrt, und das ist doch so ein k√∂stliches St√ľckchen Vorfreude… √úberhaupt, die Mitmenschen in der Oper: nach ein paar Tagen in einer Schickimicki-Umgebung in den Sommerferien, in der ich mich denkbar unwohl gef√ľhlt habe, habe ich da oben¬†einfach das Gef√ľhl, richtig zu sein. Wir haben wahrscheinlich alle kein vorzeigbares Bankkonto, aber es ist uns ein Herzensanliegen, hier zu sein. Meine Mit-Stehpl√§tzler schaffen es, sich nett anzuziehen, sie riechen gut, und vor allem: die Begeisterung schwappt √ľber. Das sind glaube ich auch alles Typen, die vor Freude nicht stillsitzen k√∂nnten. Und wenn ich vor einer besonders sch√∂nen Phrase tief Luft hole, genau wie die S√§ngerin auf der B√ľhne, und merke, dass die beiden rechts und links von mir das Gleiche tun – dann ist das ein besonderes Kollektiverlebnis. Dann wird man auf samtigen Puccini-Wogen wirklich in andere Gefilde getragen. Und ich merke: das sind meine Leute. Genau hier will ich sein. Neben der Frau, die als erstes ihre hohen Schuhe auszieht und sagt, ich soll mich melden, wenn die mich am Boden st√∂ren. Oder dem Typ, der vor Butterflys Arie affenartig auf das Gel√§nder vor uns klettert, auf dem man eigentlich eher die Ellenbogen abst√ľtzt. Weil er etwas wackelig da balanciert, stelle ich mich leicht hinter ihn und mache mich drauf gefasst, ihn eventuell etwas aufzufangen – in dem Bewusstsein, dass ich mich auch auf einen anderen Verr√ľckten verlassen k√∂nnte, falls mir vor Entz√ľcken mal anders wird. Ich bilde mir ein, dass hier eine andere Art der Solidarit√§t herrscht als auf den teuren Pl√§tzen.

Nach der Oper durfte ich allerdings schnell feststellen, dass ich wieder auf dem Boden der (M√ľnchner) Tatsachen bin und hier ganz andere Klassenunterschiede herrschen: ich wollte mich schon am Nachmittag mit einer Freundin zum Essen treffen. Wir hatten zu sp√§t realisiert, dass Wiesener√∂ffnung war, und ich hatte mir im Kopf einige nette Parkm√∂glichkeiten zurechtgelegt, von denen ich mit √Ėffentlichen in die Innenstadt fahren wollte. Dann war gleich bei uns eine Mega-Umleitung wegen einer Baustelle bei Ebersberg, von der ich nichts wusste. Und noch ein Unfall und eine weitere Umleitung. Also ziemliches Chaos und ein dr√§ngend weiterr√ľckender Uhrzeiger. Ich sah meine Felle davon schwimmen und dachte: jetzt hilft nur noch, die Sache mit Geld zu l√∂sen. Ein Mal ist das schon drin. Also fuhr ich, was ich noch nie gemacht habe, in die Parkgarage der Oper – ein Bekannter hatte erz√§hlt, dass es zehn Euro am Abend kostet, und zu Oktoberfestbeginn erschien mir das eine vern√ľnftige L√∂sung. Mein Auto hatte wirklich Spass daran, langsam die Maximilianstrasse entlang zu fahren, und auch der Platz vor der Oper hat ihm sehr gefallen. Dass direkt vor mir ein schwarzer Rolls Royce in die Tiefgarage glitt, h√§tte mich etwas stutzig machen sollen… Aber ich dachte noch: was f√ľr ein Spass, so mitten in die Stadt reinzufahren. Und ich war sp√§t dran.

Geneigte Leser, merkt Euch: die Tiefgarage kostet nur zehn Euro, wenn man nach 18 Uhr kommt. Als ich um halb elf mein Ticket bezahlen wollte, leuchtete da eine solche Unsumme auf, dass ich fast laut gelacht h√§tte. Ich hielt es f√ľr den besten Scherz seit langem. War aber keiner. W√§hrend ich hektisch in meiner Trasche kramte, ob ich solche Mengen an Geld √ľberhaupt dabei h√§tte, schaute ich, ob der Automat auch Kreditkarten nehmen w√ľrde – aber nicht im Sinne von „Hab grad kein Bargeld“, sondern „Bitte geben Sie mir einen Monat Zeit, mein Konto mit den entsprechenden Summen aufzuf√ľllen.“ Wie schnell man doch vom Olymp wieder unten sein kann…

(Foto)