Kugelchen

17. August, 201508:22 von

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DSCF2504Wir haben das GlĂŒck, einen sehr erfahrenen GĂ€rtner zu haben. Er taucht höchstens ein, zwei Mal im Jahr auf, und es ist eigentlich ĂŒbertrieben, ihn „unseren“ GĂ€rtner zu nennen. Er ist eher ein Freund, der die ObstbĂ€ume schneidet. FĂŒr mich ist er die reinste Lichtgestalt. Dieses Unterfangen, allein den Garten in Zaum zu halten, ĂŒberfordert mich manchmal. Aber wenn Alois da ist, ist alles gut. Selbst wenn seine AktivitĂ€t nur im Zuhören ĂŒber Griessnockerlsuppe besteht und er mir beipflichtet, dass der Wald immer ĂŒber den Gartenzaun wird kommen wollen. Mein Kampf mit der Wildnis scheint seltsamerweise nicht mehr so aussichtslos, wenn mir jemand wie er bescheinigt, dass er tatsĂ€chlich aussichtslos ist und ich voll Respekt meine Grenzen anerkennen muss.

Und Alois hat eine philosphische Ader, die mir sehr gefĂ€llt. Deshalb hab ich immer Suppe auf dem Herd fĂŒr ihn, weil ich so gern was aus seinem Leben höre. Dieses Mal hat er mir zum Beispiel den Unterschied zwischen einem echten Grafen und einem eingeheirateten erklĂ€rt: der echte erwartet ihn in Gummistiefeln und  HemdsĂ€rmeln vor der TĂŒr und beginnt schon bei der BegrĂŒssung, die Arbeit zu besprechen. An der er teilnimmt. Der eingeheiratete schaut mal kurz draussen vorbei, im Anzug und meistens mit Handy. Ich hab keine Erfahrung mit echten Grafen, aber ich fand das sehr treffend.

Alois ist im Alter meines Vaters, aber noch voll im GeschĂ€ft. Er legt GĂ€rten in der Schweiz an und in Zweitwohnsitzen in SĂŒdfrankreich, und als er im FrĂŒhling zum Apfelbaumschneiden kam, war er vorher ein paar Wochen in Baden-WĂŒrttemberg bei einem der Hohenzollern tĂ€tig. Hat 500 ApfelbĂ€ume gepflanzt, eine FontĂ€ne gebaut, die mit der steigenden Tageszeit immer höher wird (so was macht er nĂ€mlich auch), ein Buchsrondell um den Brunnen und Buchsrabatten als Sichtachsen. Noch ganz beflĂŒgelt von seinen barocken Gartenphantasien, sagt er beim Rundgang in unserem GĂ€rtchen: „Der Lavendel da, der hat keinen guten Platz. Der braucht mehr Sonne. Ich bring dir einen Buchs fĂŒr hier.“ Vor der Terrasse? Ich kenne einen Buchs, der fast so hoch ist wie ich, und wende ein: „Aber wir wollen eigentlich von hier auf den Rasen sehen und keine Hecke vor der Terrasse haben.“ „Musst du ja nicht. Ich bring dir den Buchs, und dann schneidest du Kugelchen.“ (Alois spricht eigentlich das schönste Bayrisch, und „Kugelchen“ aus seinem Mund klingt irgendwie lustig.) Ich seufze innerlich: klar, ich hab ja sonst nichts zu tun, ich schneide Kugelchen. Und hoffe, dass er die ganze Sache vergisst.

DSCF6295Es wird Ende Mai, als der Alois -typische Anruf kommt: er wĂ€r in einer halben Stunde da, ob das passt? Und da tuckert sein Laster schon um die Ecke, und er steigt aus mit einer Kinderbadewanne voll BuchsbĂ€umchen (und einem ĂŒber-kniehohen GewĂ€chs, von dem nicht die Rede war.) Alois möchte mir acht BuchsbĂ€umchen vertickern, und ich bekomme es ehrlich mit der Angst zu tun. Wir feilschen und handeln, und ich kann ihn tatsĂ€chlich dazu bringen, nur drei zu pflanzen. Mit schön viel Abstand, damit die Katzen noch durchkönnen. (Solche Überlegungen versteht er.) Dann hievt er den anderen Busch aus der Wanne: „da, du magst doch weisse Blumen.“ Eine wunderbare, grosse und gesunde Hortensie! Dann berechnet er mir je sechs Euro fĂŒr den Buchs – sein Einkaufspreis, schĂ€tze ich -, und die Hortensie, die sicher viel teurer ist, ist ein Geschenk.

In den folgenden Wochen schiele ich immer wieder auf die BuchsbĂ€umchen vor dem Wohnzimmerfenster und denke, ich lass ihnen mal Zeit, anzuwachsen, bevor ich sie schneide. Und ehrlich gesagt, hab ich keine Lust, auf dem Boden zu knien und die Dinger in Form zu bringen.  Und dann wird es ganz typisch: je mehr Wochen vergehen, desto grösser und unĂŒberwindlicher wird die Aufgabe. Wahrscheinlich dauert es eine Viertelstunde, aber ich kann mich nicht aufraffen und denke, ich mach es mal, wenn ich richtig viel Zeit habe. Einen ganzen Tag oder so.

Noch mal ein paar Wochen spĂ€ter: ich habe mein Ferienanfangsloch vom letzten Artikel glĂŒcklicherweise schnell ĂŒberwunden. Die Überforderung, auf einmal zu viel Zeit zu haben, wurde gebremst durch ein Festhalten an ein bisschen Routine: eine gesunde Mischung aus Klavierbank, Staudhamer See und dem gestreiften Liegestuhl auf der Terrasse. Auf dem man es bei den Temperaturen allerdings nur in den Morgenstunden aushĂ€lt. Aber dann ist es herrlich, und ich lese mit meinem ersten Tee ganz lange dort im grĂŒnen Schatten. Erst einen fesselnden Roman, bei dem ich den Blick nur auf den Seiten lasse. Dann ein wunderbares Buch zum Gedankenanregen, das ich vor Jahren schon mal gelesen habe: „Let Your Life Speak“ von Parker Palmer. Es geht um Berufung, darum, aus seinem Leben das zu machen, wofĂŒr man gemacht ist. Ein erfĂŒlltes Leben zu finden, weil man seiner inneren Stimme folgt (wenn man sie denn mal gehört hat). Ein Buch, das man immer wieder sinken lĂ€sst, um nachzudenken. Und dabei fiel mein Blick ĂŒber den Buchrand auf die leicht strubbeligen BuchsbĂ€umchen vor mir. Eigentlich könnte ich mal – und in Gedanken noch ganz im Buch, gehe ich ins Haus und hole die KĂŒchenschere und fange, ohne recht zu wissen, was ich tue, im Nachthemd an, die BĂ€umchen ordentlich zu schneiden. Zwischendurch trinke ich Tee, begutachte mein Werk von allen Seiten und schnippele immer noch ein bisschen – aber in Wahrheit denke ich nur an das, was ich gelesen hab. Und wie in Trance hab ich auf einmal drei Kugelchen da vor mir im Beet. Und staune, wie wenig aufwendig es doch war. Dieser Schweinehund immer…

Und warum scheut man sich so vor dem Feinschliff? Aus Angst, was kaputt zu machen, oder tatsĂ€chlich aus Bequemlichkeit? Charakterlich und pianistisch bin ich so oft gar kein Kugelchen, aber vielleicht wĂ€re es doch nicht so anstrengend, noch ein bisschen weiter zu gehen. Und meine SchĂŒler sind leider auch im seltensten Fall perfekte Kugelchen. Vielleicht mal kurz vor dem Vorspiel, oder halt diejenigen, die von Natur aus perfektionistisch sind und hohe AnsprĂŒche an sich selbst haben. Aber sonst – wie weit wĂ€re es meine Aufgabe, sie behutsam „rund zu machen“? Vielleicht kann ich da mehr tun? Und sei es nur dadurch, dass ich mehr aufzeige, was möglich wĂ€re. Dass ein StĂŒck immer noch makelloser, ausdrucksvoller, vielleicht flotter geht.

Auf jeden Fall freue ich mich auf die von Alois prophezeiten SchneemĂŒtzchen, die die Kugelchen zu einem Blickfang im Winter werden lassen!