Hitzefrei?

DSCF8351Hitzefrei? Nicht für mich. Leider. Es ist kaum zu fassen, aber meine Schüler tauchen einfach auf. Alle 44. Bei 36 Grad. Und so konsequent, dass ich einen schon gefragt habe: „Gehst du denn nie schwimmen?“ „Doch, jetzt gleich danach.“ Hm. Anscheinend bin mehr ich es, die hitzefrei bräuchte… Und es ist die Woche nach unserem Sommerkonzert (auch bei 36 Grad – alle tauchten auf, wirklich wörtlich: alle in Sonntagskleidung, aber viele noch mit nassen Haaren, direkt aus dem Wasser. Wie ich. Ich musste mich förmlich zwingen, aus dem Simssee zu krabbeln, um pünktlich da zu sein. Wegen Vorbild und so…). Nach wochenlangem diszipliniertem Üben und Polieren der immer gleichen Stücke hatte ich schon ein bisschen auf die eine oder andere Absage spekuliert. Aber jeder kommt, und mit einem Elan, der mich staunen lässt.

Manche müssen über das Konzerterlebnis oder ihr Leben überhaupt reden. Eine Kleinere, deren erstes Vorspiel es war, schaute mich ehrlich erstaunt an, als sie erzählte, dass ihr Herz beim Klavierspielen ganz fest geschlagen hatte. Das hat mich richtig berührt, diese Verwunderung über ihren eigenen Körper, und dass sie es mir gegenüber so in Worte fassen konnte. Und dass es nicht gewertet wurde von ihr – es war erstaunliches Herzklopfen, aber ohne negative Konnotationen wie Angst, Lampenfieber, Vergessen, wie das Stück überhaupt geht… Eine unglaubliche Art von Unschuld. Ich sagte ihr, dass das so sein kann beim Klavierspielen und dass es ein Zeichen dafür ist, dass man ganz lebendig ist. Ich wünsche ihr von Herzen, dass ihr diese Unschuld lange erhalten bleibt und sie nicht durch ihr Umfeld mitkriegt, dass solche Reaktionen was Unangenehmes sind, die einen möglicherweise vom Spielen abhalten.

Oder die Zwölfjährige, die ihre Noten vergessen hat, weil sie nachts um vier noch geübt hat. Nach dem Konzert. Warum sie nachts um vier übt? Weil sie nicht schlafen kann. Wegen eines Jungen. Und was ist das für ein Junge, macht er sie unglücklich? Nein, eher im Gegenteil… Ach.

Alle kommen, und alle sind wild auf neue Nahrung, endlich andere Stücke, darauf, wieder was Neues unter den Fingern zu haben. Und so ist es trotz Hitze eine ganz intensive und verantwortungsvolle Woche für mich, in der ich gut überlegen muss, was die einzelnen jetzt brauchen und vor allem: ob sie nach diesen drei letzten Schulwochen gut alleingelassen werden können mit den Stücken. Also sitze ich in den frühen kühlen Morgenstunden vor dem Regal auf dem Boden, umgeben von Notenstapeln, und freue mich total über den Reichtum an Klavierliteratur und die Möglichkeiten, die vor uns liegen. Und geniesse es danach, früh durch die schattigen Gassen der Altstadt zu gehen, einen Strauss leuchtender Kornblumen zu kaufen, einen hervorragenden Weisswein und sahnigen weissen Käse dazu. Feriengefühle im Alltag…

P.S.: Bin ich erleichtert – immerhin eine Schülerin hat ähnliche Regungen wie ich. Buchstäblich während ich diesen Artikel schrieb, kam eine Mail von einer erwachsenen Schülerin: „Liebe Frau Sommerer/ am Sommersten, krieg ich diese Woche hitzefrei? War nur im See, habe kaum geübt…“ Na also!

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