Hitzefrei?

9. Juli, 201508:11 von

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DSCF8351Hitzefrei? Nicht f├╝r mich. Leider. Es ist kaum zu fassen, aber meine Sch├╝ler tauchen einfach auf. Alle 44. Bei 36 Grad. Und so konsequent, dass ich einen schon gefragt habe: „Gehst du denn nie schwimmen?“ „Doch, jetzt gleich danach.“ Hm. Anscheinend bin mehr ich es, die hitzefrei br├Ąuchte… Und es ist die Woche nach unserem Sommerkonzert (auch bei 36 Grad – alle tauchten auf, wirklich w├Ârtlich: alle in Sonntagskleidung, aber viele noch mit nassen Haaren, direkt aus dem Wasser. Wie ich. Ich musste mich f├Ârmlich zwingen, aus dem Simssee zu krabbeln, um p├╝nktlich da zu sein. Wegen Vorbild und so…). Nach wochenlangem diszipliniertem ├ťben und Polieren der immer gleichen St├╝cke hatte ich schon ein bisschen auf die eine oder andere Absage spekuliert. Aber jeder kommt, und mit einem Elan, der mich staunen l├Ąsst.

Manche m├╝ssen ├╝ber das Konzerterlebnis oder ihr Leben ├╝berhaupt reden. Eine Kleinere, deren erstes Vorspiel es war, schaute mich ehrlich erstaunt an, als sie erz├Ąhlte, dass ihr Herz beim Klavierspielen ganz fest geschlagen hatte. Das hat mich richtig ber├╝hrt, diese Verwunderung ├╝ber ihren eigenen K├Ârper, und dass sie es mir gegen├╝ber so in Worte fassen konnte. Und dass es nicht gewertet wurde von ihr – es war erstaunliches Herzklopfen, aber ohne negative Konnotationen wie Angst, Lampenfieber, Vergessen, wie das St├╝ck ├╝berhaupt geht… Eine unglaubliche Art von Unschuld. Ich sagte ihr, dass das so sein kann beim Klavierspielen und dass es ein Zeichen daf├╝r ist, dass man ganz lebendig ist. Ich w├╝nsche ihr von Herzen, dass ihr diese Unschuld lange erhalten bleibt und sie nicht durch ihr Umfeld mitkriegt, dass solche Reaktionen was Unangenehmes sind, die einen m├Âglicherweise vom Spielen abhalten.

Oder die Zw├Âlfj├Ąhrige, die ihre Noten vergessen hat, weil sie nachts um vier noch ge├╝bt hat. Nach dem Konzert. Warum sie nachts um vier ├╝bt? Weil sie nicht schlafen kann. Wegen eines Jungen. Und was ist das f├╝r ein Junge, macht er sie ungl├╝cklich? Nein, eher im Gegenteil… Ach.

Alle kommen, und alle sind wild auf neue Nahrung, endlich andere St├╝cke, darauf, wieder was Neues unter den Fingern zu haben. Und so ist es trotz Hitze eine ganz intensive und verantwortungsvolle Woche f├╝r mich, in der ich gut ├╝berlegen muss, was die einzelnen jetzt brauchen und vor allem: ob sie nach diesen drei letzten Schulwochen gut alleingelassen werden k├Ânnen mit den St├╝cken. Also sitze ich in den fr├╝hen k├╝hlen Morgenstunden vor dem Regal auf dem Boden, umgeben von Notenstapeln, und freue mich total ├╝ber den Reichtum an Klavierliteratur und die M├Âglichkeiten, die vor uns liegen. Und geniesse es danach, fr├╝h durch die schattigen Gassen der Altstadt zu gehen, einen Strauss leuchtender Kornblumen zu kaufen, einen hervorragenden Weisswein und sahnigen weissen K├Ąse dazu. Feriengef├╝hle im Alltag…

P.S.: Bin ich erleichtert – immerhin eine Sch├╝lerin hat ├Ąhnliche Regungen wie ich. Buchst├Ąblich w├Ąhrend ich diesen Artikel schrieb, kam eine Mail von einer erwachsenen Sch├╝lerin: „Liebe Frau Sommerer/ am Sommersten, krieg ich diese Woche hitzefrei? War nur im See, habe kaum ge├╝bt…“ Na also!