Seelenbaumeln

14. Juli, 201509:51 von

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DSCF8372Es ist Samstagnachmittag, ein strahlender, warmer Tag. Ich sitze in St. Veit auf meiner Picknickdecke unter einer grossen schattigen Buche, Omas Damastserviette auf dem Schoss, esse eine ├Âsterreichische Semmel, K├Ąse, Cocktailtomaten und die herrlichsten, dicksten Herzkirschen aus der Steiermark. ├ťber mir lugt der dunkelbraune Holzgiebel der Klinik, in der Thomas Bernhard seine Tuberkulose kurierte, ├╝ber den Hang, dar├╝ber┬áleuchtet knallblauer Himmel. Ich bin im Salzburger Land und einfach gl├╝cklich, dass ich gefahren bin.

Nachdem mein Sch├╝lerkonzert vorbei ist und die heissen Sommertage anhalten, hatte ich extreme Reiselust und wollte einfach was Nettes machen, auch wenn die Ferien noch ein paar Wochen weg sind. Alle meine nahen Menschen zogen es vor, was anderes vorzuhaben/ Dienst zu haben/ am Wochenende in die Chorprobe zu gehen. Fast h├Ątte ich mich wieder f├╝r die heimischen Seen entschieden – aber was solls, allein wegfahren hat viele Vorteile, und mein Autole zappelt schon, wenn es h├Ârt, dass es wieder nach ├ľsterreich fahren darf. Und es ist der perfekte Reisebegleiter: quasselt nicht, ist die Zuverl├Ąssigkeit in Person und wartet geduldig an jedem Badesee, in den ich springen muss. Und findet den Weg nach S├╝den inzwischen fast von selbst. Ein gef├╝hlter Katzensprung von Bad Reichenhall, und man ist in einer traumhaft anderen Landschaft, in der die Seele wirklich baumeln kann.

DSCF8421Mit dem Lieblingsreisef├╝hrer habe ich mir eine ziemlich vollgepackte Tour im Pongau zusammengestellt. Warum nicht, wenn ich schon mal da bin. Und ich bin ja immer noch am Sondieren und Kennenlernen und stelle fest: es geht nicht nur um das aktuelle Erleben, sondern auch Herausfiltern, was mir am Besten gef├Ąllt. An welche Orte ich vielleicht mal f├╝r l├Ąnger zur├╝ckkommen will. Ausgehend von der Liechtensteinklamm, die mit ihrem t├╝rkisen Wasser f├╝r einen heissen Sommertag sehr verlockend aussah, habe ich mich entschieden, in St. Johann im Pongau zu ├╝bernachten und Franziskas Lieblingspl├Ątze rundherum zu besuchen.┬á Zwei waren sch├Ân und interessant, aber ich muss sie nicht noch mal sehen: der Thomas-Bernhard-Wanderweg in St. Veit ist wahrscheinlich f├╝r echte Bernhard-Fans ein Muss, f├╝r mich war es nur ein mehr oder weniger netter Spaziergang (im Neubaugebiet, das es zu Bernhards Zeiten wahrscheinlich noch nicht gab, hab ich ziemlich Gas gegeben – vielleicht hab ich deshalb nur 60 statt der veranschlagten 90 Minuten f├╝r den Weg gebraucht?). St. Veit nennt sich zu Recht „Salzburgs Sonnenterrasse“ und mir war es so ganz ohne Schatten einfach auch zu heiss. Was an der Tageszeit gelegen haben k├Ânnte… Verbl├╝ffend war, wie schnell man zu Fuss Distanzen ├╝berwindet. Vom Klinikgel├Ąnde aus kommt einem die Pfarrkirche auf dem anderen H├╝gel wirklich weit weg vor, aber im Nu ist man dort und sieht das breitgezogene Krankenhaus scheinbar in ziemlicher Ferne liegen. Doch┬ánach einer halben Stunde ist man wieder dort.

Das andere nicht sensationelle, aber sch├Âne Erlebnis war der hochgelegene Friedhof in H├╝ttschlag. Der Ort liegt am Ende des Grossarltals, und die Landschaft ist schon sehr, sehr sch├Ân und lieblich. Das besondere an dem Friedhof rund um die Kirche sind seine schmiedeeisernen Grabkreuze – andere Grabsteine gibt es nicht. Und eben der Ausblick auf die Bergwelt hier am Talschluss. (Ich hab ├╝brigens mal wieder den Grossglockner gesehen – glaube ich… Was Spitzes, Hohes mit Schnee drauf…) Aber auch hier war pralle Sonne, und H├╝ttschlag war seltsam ausgestorben. Wahrscheinlich ist es spannender, wenn man gezielt zum Wandern herkommt. Ich hab mich ein bisschen umgesehen und es gibt zahlreiche kleine gelbe Tourenschilder.

Und noch was aus dem Buch, was ich quasi nur im Vorbeifahren angeschaut habe: am Heimweg dachte ich, ich fahre anders und von Bischofshofen ├╝ber Dienten nach Saalfelden, um den Hochk├Ânig mal zu sehen. Fast 3000 Meter hoch, sechs Stunden Aufstieg – so was mach ich eh nicht. Aber angucken wollte ich diesen h├Âchsten Berg der Berchtesgadener Alpen doch mal. Ich hatte keine Ahnung, dass die Strasse so steil ist: Grossglocknerm├Ąssig musste ich das Auto im 2. Gang r├Âhrend hochjagen. Aber es hat sich gelohnt: das Hochk├Ânigmassiv ist grandios. Und ich mag es, wenn die Nadelb├Ąume immer sp├Ąrlicher und die Felsen mehr werden – komme mir vor wie in Kanada.

DSCF8410In aufsteigender Sensationsreihenfolge kriegt die Liechtensteinklamm den vorletzten Platz: perfekt f├╝r einen heissen Tag, und schon enorm imposant. F├╝r mich als Musikerin war die Ger├Ąuschkulisse besonders beeindruckend, an das werde ich mich auch immer erinnern, wenn ich an die Klamm denke: ein meistens ohrenbet├Ąubendes Tosen, Gurgeln und Rauschen, bis man am Ende des Wegs den nicht minder lauten grossen Wasserfall erreicht. Was f├╝r eine Idee, in dieser Wildnis und Wildheit Stege und Treppen zu bauen, damit auch normale Menschen dieses Naturwunder erleben k├Ânnen! Die Stege sind ├╝brigens nichts f├╝r Leute mit H├Âhenangst – es war halb zehn morgens und wirklich k├╝hl in der engen Schlucht, aber ich war mal wieder schweissgebadet. Ich f├╝rchte, das wird nichts mehr. Hat doch der Desensibilisierungsversuch letztes Jahr am Schafberg so gar nicht hingehaut… Ich wollte ungef├Ąhr drei Mal umkehren und musste mir gut zureden mit „nur noch ein Schritt, und noch einer, und nicht runter schauen…“ Gut war, dass ich dank ├ťbernachtung sehr fr├╝h dran war und die Schlucht praktisch f├╝r mich hatte. Am R├╝ckweg dr├Ąngten sich wirklich Busladungen voll Tagestouristen rein und mir wurde mehr als einmal anders angesichts der K├Ârperf├╝lle von einigen. An manchen Br├╝cken und Stegen steht das┬á – wenig vertrauenerweckende -„Bitte Ansammlungen auf den Stegen vermeiden!“, und ich f├╝rchte, zwei von den beleibteren┬áExemplaren muss man schon als „Ansammlung“ betrachten. Wenn dann noch ich auf den Steg gegangen w├Ąre, h├Ątte es eine Katastrophe gegeben.

Ganz oben aufs Siegertreppchen der Reise kommt Goldegg. Gold f├╝r Goldegg… Ein wahrlich zauberhafter Ort, der bald einen eigenen Artikel kriegt.