Fastfood oder Bioladen

DSCF6256Kürzlich fiel mir ein altes Arbeitszeugnis in die Hände, das durch die persönlichen und individuellen Formulierungen schon fast historischen Wert hat und für mich viel aussagekräftiger ist als die inzwischen üblichen „qualifizierten Arbeitszeugnisse“. In seinem väterlich-wohlwollenden und etwas blumigen Stil spüre ich direkt die Persönlichkeit meines ehemaligen Musikschulleiters, der über mich schrieb: „sie förderte auch die bescheidene Begabung, ohne sich geschmacklich anzubiedern.“ Ich musste damals schmunzeln, und ich tue es jetzt auch – aber mit leisem Bedauern. Denn ich fürchte, meine hehren Ideale von vor fünfzehn Jahren haben sich durch den Berufsalltag ziemlich abgeschliffen, und wenn ich als Klavierlehrerin überleben will, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mich viel stärker nach dem Geschmack meiner Schüler zu richten, als das damals noch der Fall war.

Diese erste Stelle an einer grossen Musikschule trat ich frisch vom Studium aus an, im Gepäck die ganze Literatur, die wir im Methodikunterricht mit den einzelnen begabten Gastschülern an der Hochschule verwendet hatten: seriöse und anspruchsvolle Schulwerke und von sehr früh an Originalliteratur von Bach, Leopold Mozart, Türk. Casella, Bartok, Kabalewski und Gubaidulina waren für unsere Schüler vertraute und auch beliebte Namen. Die „15 portraits d’enfants d’Auguste Renoir“ von Jean Francaix waren ein Standard zum Vierhändigspielen (kurzer Exkurs: die Einstudierung von fünf dieser wunderschönen Stücke für mein diesjähriges Sommerkonzert hat mich etliche graue Haare gekostet…).

Was für ein ehrgeiziges Projekt diese Art der Literaturwahl war, ging mir gleich im ersten Jahr  auf, als ich in ständige Berührung mit sozusagen „normal begabten“ Kindern kam. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern soll bedeuten, dass uns im Elfenbeinturm der Hochschule nicht wirklich bewusst war, dass es Kinder gibt, die nicht täglich und freiwillig üben und die eventuell auch aus Elternhäusern kommen, in denen klassische Musik eine Randerscheinung ist. Es war ausgerechnet an dieser Musikschule, von der ich das nette Zeugnis habe, dass ich zum ersten Mal aufmerksam wurde auf Pamela Wedgwood’s „Jazzin‘ about“. Die Lehrerin, von der ich die Schüler übernommen hatte, verwendete es anscheinend gerne, und ich verstand schnell, warum: im Gegensatz zu Casella und Konsorten war das eine Tonsprache, die die Schüler unmittelbar ansprach, und die wirklich gut und instruktiv geschriebenen Stücke liessen sich schnell lernen und machten in den Konzerten wesentlich mehr Eindruck als die klassische Moderne. Ich sah ein bisschen die Gefahr, dass diese leichten Stücke mit Instantbelohnung die Schüler „verderben“ würden für richtiges und konzentriertes Arbeiten. Doch der Alltag lehrte mich, dass es ohne Belohnungen und Kompromisse dieser Art nur äusserst zäh vorangehen würde, und so wurden die Stücke aus „Jazzin‘ about“ fester und beliebter Bestandteil der Unterrichtstage und der Konzerte.

Und jetzt, nach fünfzehn Jahren? Bin ich froh und dankbar, wenn meine Schüler bereit sind, sich mit so anspruchsvollen polyphonen Stücken wie den erwähnten überhaupt abzugeben. Viele kapitulieren wegen der rhythmischen Vertracktheiten oder der Tatsache, dass die linke Hand meistens sehr eigenständig agiert. Und um solche Schüler bei Laune zu halten, habe ich inzwischen noch leichtere, noch gefälligere Jazz- oder Popstücke gefunden. Und verwende sie auch regelmässig… Bartoks „Mikrokosmos“, Prokofieffs „Musique d’enfants“ op. 65, das wunderbare op. 39 von Kabalewski fristen ein Schattendasein und werden höchstens im Rahmen eines Deals herausgezogen: der Einaudi wird im Konzert nur gespielt, wenn du davor den Kabalewski spielst. (Ich muss leider zugeben, dass ich zu solchen erpresserischen Methoden greifen muss.) Und das völlig abgegriffene und sehr geschätzte Bärenreiter Piano-Album „Frühe Moderne“, das, voll von Aufzeichnungen und Anmerkungen, damals unser täglich Brot war, verwende ich heute höchst selten. Wenn, dann für Leute, die Musikabitur oder eine Aufnahmeprüfung anstreben. Die Wahl der Klavierschulen spiegelt auch diese bedauerliche Trendwende: früher habe ich durch die Bank die „Russische Klavierschule“ anschaffen lassen und auch durchgepaukt. Heute ist es für mich die schwerste und anspruchvollste Schule auf dem Markt, und ich habe mir angewöhnt, meine Schüler erst ein paar Wochen kennenzulernen, um einschätzen zu können, ob sie mit diesem Werk überhaupt überleben würden. Und ich kenne und nutze auch die ganzen Alternativen, von leichter bis ganz leicht und in vielen kleinen Schritten…

Und das führt zu der grossen, berühmten Frage, in der oft der gruselige Begriff „Schülermaterial“ auftaucht: ist die Generation, die wir jetzt unterrichten, wirklich so unkonzentriert, uninteressiert, unfähig zu anstrengender und ausdauernder Arbeit? Oder liegt es an uns Lehrern? Die sogenannte „iGeneration“, die nach 2000 geborenen, wächst ohne Zweifel noch mal ganz anders auf als die Generation davor, die einfach „nur“ ins Computerzeitalter geboren war. Die Möglichkeiten der Wissensbeschaffung und – aneignung sind so radikal anders als nie zuvor. So vieles findet virtuell statt, so vieles muss man gar nicht mehr anfassen. Seien es Noten, Bücher, CDs, Konzertkarten – das meiste ist unsichtbar und sofort verfügbar. Und es ist unbestreitbar schwerer, dieser Generation ein Bach-Präludium beizubringen. Trotz der ganzen schnell verfügbaren Hilfsmittel, auf die sie zurückgreifen könnten.

Trotzdem bin ich überzeugt, dass diese Schülergeneration nicht „schlechter“ ist als die davor. Liest man pädagogische Literatur, bekommt man oft den Eindruck, dass die Schüler, die aktuell unterrichtet werden, viel weniger wissbegierig und fleissig sind als noch die eigene Generation – oder die um 1900 oder um 1750. Und bekanntlich klagten schon die alten Römer über die Jugend von heute… Es ist eher unsere Aufgabe als Lehrer, nicht in nostalgischen Betrachtungen und Bedauern zu versinken, sondern zu überlegen, wie wir unter veränderten Bedingungen das Interesse der Kinder wecken können. Eventuell ihre Lust auf das wirkliche, anfassbare und nicht virtuelle Leben neu entfachen können, falls sie wirklich schon so weit abgedriftet sein sollten. Oder die Lust am Lernen, Begreifen, Selbermachen – und die Tatsache, dass es die schönste Belohnung für die Mühen ist, wenn man sich in einem Stück ganz verlieren kann und stolz darauf sein kann, es gemeistert zu haben. Und sollte es nötig sein, gehört ein gewisses Entgegenkommen in der Literaturauswahl für mich inzwischen dazu. Und mir ist es lieber, die Vorschläge kommen von mir und haben noch einigermassen einen Lerneffekt, als dass es irgendwelche zweifelhaften, aus dem Netz runtergeladenen und auf zerknitterten Seiten angebrachten aktuellen Popstücke in dilettantischen Arrangements sind – auf diese Art kann ich doch noch etwas steuern, in welche Richtung sich der Unterricht bewegt. Und sicherstellen, dass trotz gelegentlichen Fastfoods die vollwertige und hochwertige Ernährung gewährleistet bleibt. Eventuell finden sich Querverbindungen zu ganz alten Stücken, und es gibt reizvolle Kombinationen. Oder ein „uraltes“ Stück, das sich jahrzehntelang im Unterricht bewährt hat, wird ein neues Lieblingsstück… Man muss immer bedenken, dass für die Kinder vieles ja „das erste Mal“ ist. Sie sind unvoreingenommener, als wir denken. Wie sollen sie die Welt kennenlernen, wenn wir ihnen nicht helfen? Oft kommt es nur auf die richtige Art der Präsentation an. Dann ist eine Sonatine von Khatchaturian so enorm spannend wie der neueste Einaudi…

Hier eine kleine Liste von bewährter und guter Literatur für Durststrecken (oder jede Woche…), geordnet nach Schwierigkeit:

Daniel Hellbach, die verschiedenen Bände von „Easy Pop“ etc., Acanthus Verlag

Pamela Wedgwood, „Jazzin‘ about“ (verschiedene Bände), Faber Music

Ludovico Einaudi, The Piano Collection

Philip Glass, The Piano Collection, beide Wise Publications

(veröffentlicht in Pianonews 5/2014 )

 

 

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