Fastfood oder Bioladen

17. Juni, 201507:43 von

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DSCF6256KĂŒrzlich fiel mir ein altes Arbeitszeugnis in die HĂ€nde, das durch die persönlichen und individuellen Formulierungen schon fast historischen Wert hat und fĂŒr mich viel aussagekrĂ€ftiger ist als die inzwischen ĂŒblichen „qualifizierten Arbeitszeugnisse“. In seinem vĂ€terlich-wohlwollenden und etwas blumigen Stil spĂŒre ich direkt die Persönlichkeit meines ehemaligen Musikschulleiters, der ĂŒber mich schrieb: „sie förderte auch die bescheidene Begabung, ohne sich geschmacklich anzubiedern.“ Ich musste damals schmunzeln, und ich tue es jetzt auch – aber mit leisem Bedauern. Denn ich fĂŒrchte, meine hehren Ideale von vor fĂŒnfzehn Jahren haben sich durch den Berufsalltag ziemlich abgeschliffen, und wenn ich als Klavierlehrerin ĂŒberleben will, bleibt mir gar nichts anderes ĂŒbrig, als mich viel stĂ€rker nach dem Geschmack meiner SchĂŒler zu richten, als das damals noch der Fall war.

Diese erste Stelle an einer grossen Musikschule trat ich frisch vom Studium aus an, im GepĂ€ck die ganze Literatur, die wir im Methodikunterricht mit den einzelnen begabten GastschĂŒlern an der Hochschule verwendet hatten: seriöse und anspruchsvolle Schulwerke und von sehr frĂŒh an Originalliteratur von Bach, Leopold Mozart, TĂŒrk. Casella, Bartok, Kabalewski und Gubaidulina waren fĂŒr unsere SchĂŒler vertraute und auch beliebte Namen. Die „15 portraits d’enfants d’Auguste Renoir“ von Jean Francaix waren ein Standard zum VierhĂ€ndigspielen (kurzer Exkurs: die Einstudierung von fĂŒnf dieser wunderschönen StĂŒcke fĂŒr mein diesjĂ€hriges Sommerkonzert hat mich etliche graue Haare gekostet
).

Was fĂŒr ein ehrgeiziges Projekt diese Art der Literaturwahl war, ging mir gleich im ersten Jahr  auf, als ich in stĂ€ndige BerĂŒhrung mit sozusagen „normal begabten“ Kindern kam. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern soll bedeuten, dass uns im Elfenbeinturm der Hochschule nicht wirklich bewusst war, dass es Kinder gibt, die nicht tĂ€glich und freiwillig ĂŒben und die eventuell auch aus ElternhĂ€usern kommen, in denen klassische Musik eine Randerscheinung ist. Es war ausgerechnet an dieser Musikschule, von der ich das nette Zeugnis habe, dass ich zum ersten Mal aufmerksam wurde auf Pamela Wedgwood’s „Jazzin‘ about“. Die Lehrerin, von der ich die SchĂŒler ĂŒbernommen hatte, verwendete es anscheinend gerne, und ich verstand schnell, warum: im Gegensatz zu Casella und Konsorten war das eine Tonsprache, die die SchĂŒler unmittelbar ansprach, und die wirklich gut und instruktiv geschriebenen StĂŒcke liessen sich schnell lernen und machten in den Konzerten wesentlich mehr Eindruck als die klassische Moderne. Ich sah ein bisschen die Gefahr, dass diese leichten StĂŒcke mit Instantbelohnung die SchĂŒler „verderben“ wĂŒrden fĂŒr richtiges und konzentriertes Arbeiten. Doch der Alltag lehrte mich, dass es ohne Belohnungen und Kompromisse dieser Art nur Ă€usserst zĂ€h vorangehen wĂŒrde, und so wurden die StĂŒcke aus „Jazzin‘ about“ fester und beliebter Bestandteil der Unterrichtstage und der Konzerte.

Und jetzt, nach fĂŒnfzehn Jahren? Bin ich froh und dankbar, wenn meine SchĂŒler bereit sind, sich mit so anspruchsvollen polyphonen StĂŒcken wie den erwĂ€hnten ĂŒberhaupt abzugeben. Viele kapitulieren wegen der rhythmischen Vertracktheiten oder der Tatsache, dass die linke Hand meistens sehr eigenstĂ€ndig agiert. Und um solche SchĂŒler bei Laune zu halten, habe ich inzwischen noch leichtere, noch gefĂ€lligere Jazz- oder PopstĂŒcke gefunden. Und verwende sie auch regelmĂ€ssig
 Bartoks „Mikrokosmos“, Prokofieffs „Musique d’enfants“ op. 65, das wunderbare op. 39 von Kabalewski fristen ein Schattendasein und werden höchstens im Rahmen eines Deals herausgezogen: der Einaudi wird im Konzert nur gespielt, wenn du davor den Kabalewski spielst. (Ich muss leider zugeben, dass ich zu solchen erpresserischen Methoden greifen muss.) Und das völlig abgegriffene und sehr geschĂ€tzte BĂ€renreiter Piano-Album „FrĂŒhe Moderne“, das, voll von Aufzeichnungen und Anmerkungen, damals unser tĂ€glich Brot war, verwende ich heute höchst selten. Wenn, dann fĂŒr Leute, die Musikabitur oder eine AufnahmeprĂŒfung anstreben. Die Wahl der Klavierschulen spiegelt auch diese bedauerliche Trendwende: frĂŒher habe ich durch die Bank die „Russische Klavierschule“ anschaffen lassen und auch durchgepaukt. Heute ist es fĂŒr mich die schwerste und anspruchvollste Schule auf dem Markt, und ich habe mir angewöhnt, meine SchĂŒler erst ein paar Wochen kennenzulernen, um einschĂ€tzen zu können, ob sie mit diesem Werk ĂŒberhaupt ĂŒberleben wĂŒrden. Und ich kenne und nutze auch die ganzen Alternativen, von leichter bis ganz leicht und in vielen kleinen Schritten


Und das fĂŒhrt zu der grossen, berĂŒhmten Frage, in der oft der gruselige Begriff „SchĂŒlermaterial“ auftaucht: ist die Generation, die wir jetzt unterrichten, wirklich so unkonzentriert, uninteressiert, unfĂ€hig zu anstrengender und ausdauernder Arbeit? Oder liegt es an uns Lehrern? Die sogenannte „iGeneration“, die nach 2000 geborenen, wĂ€chst ohne Zweifel noch mal ganz anders auf als die Generation davor, die einfach „nur“ ins Computerzeitalter geboren war. Die Möglichkeiten der Wissensbeschaffung und – aneignung sind so radikal anders als nie zuvor. So vieles findet virtuell statt, so vieles muss man gar nicht mehr anfassen. Seien es Noten, BĂŒcher, CDs, Konzertkarten – das meiste ist unsichtbar und sofort verfĂŒgbar. Und es ist unbestreitbar schwerer, dieser Generation ein Bach-PrĂ€ludium beizubringen. Trotz der ganzen schnell verfĂŒgbaren Hilfsmittel, auf die sie zurĂŒckgreifen könnten.

Trotzdem bin ich ĂŒberzeugt, dass diese SchĂŒlergeneration nicht „schlechter“ ist als die davor. Liest man pĂ€dagogische Literatur, bekommt man oft den Eindruck, dass die SchĂŒler, die aktuell unterrichtet werden, viel weniger wissbegierig und fleissig sind als noch die eigene Generation – oder die um 1900 oder um 1750. Und bekanntlich klagten schon die alten Römer ĂŒber die Jugend von heute
 Es ist eher unsere Aufgabe als Lehrer, nicht in nostalgischen Betrachtungen und Bedauern zu versinken, sondern zu ĂŒberlegen, wie wir unter verĂ€nderten Bedingungen das Interesse der Kinder wecken können. Eventuell ihre Lust auf das wirkliche, anfassbare und nicht virtuelle Leben neu entfachen können, falls sie wirklich schon so weit abgedriftet sein sollten. Oder die Lust am Lernen, Begreifen, Selbermachen – und die Tatsache, dass es die schönste Belohnung fĂŒr die MĂŒhen ist, wenn man sich in einem StĂŒck ganz verlieren kann und stolz darauf sein kann, es gemeistert zu haben. Und sollte es nötig sein, gehört ein gewisses Entgegenkommen in der Literaturauswahl fĂŒr mich inzwischen dazu. Und mir ist es lieber, die VorschlĂ€ge kommen von mir und haben noch einigermassen einen Lerneffekt, als dass es irgendwelche zweifelhaften, aus dem Netz runtergeladenen und auf zerknitterten Seiten angebrachten aktuellen PopstĂŒcke in dilettantischen Arrangements sind – auf diese Art kann ich doch noch etwas steuern, in welche Richtung sich der Unterricht bewegt. Und sicherstellen, dass trotz gelegentlichen Fastfoods die vollwertige und hochwertige ErnĂ€hrung gewĂ€hrleistet bleibt. Eventuell finden sich Querverbindungen zu ganz alten StĂŒcken, und es gibt reizvolle Kombinationen. Oder ein „uraltes“ StĂŒck, das sich jahrzehntelang im Unterricht bewĂ€hrt hat, wird ein neues LieblingsstĂŒck
 Man muss immer bedenken, dass fĂŒr die Kinder vieles ja „das erste Mal“ ist. Sie sind unvoreingenommener, als wir denken. Wie sollen sie die Welt kennenlernen, wenn wir ihnen nicht helfen? Oft kommt es nur auf die richtige Art der PrĂ€sentation an. Dann ist eine Sonatine von Khatchaturian so enorm spannend wie der neueste Einaudi


Hier eine kleine Liste von bewĂ€hrter und guter Literatur fĂŒr Durststrecken (oder jede Woche
), geordnet nach Schwierigkeit:

Daniel Hellbach, die verschiedenen BĂ€nde von „Easy Pop“ etc., Acanthus Verlag

Pamela Wedgwood, „Jazzin‘ about“ (verschiedene BĂ€nde), Faber Music

Ludovico Einaudi, The Piano Collection

Philip Glass, The Piano Collection, beide Wise Publications

(veröffentlicht in Pianonews 5/2014 )