Ein Geschenk

28. Mai, 201507:56 von

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DSCF8105Der Blog beisst sich selber in den Schwanz und wird zum Selbstzweck, wenn ich darin √ľber ein Buch schreibe, das ich geschenkt bekommen habe, weil ich im Blog √ľber was Bestimmtes geschrieben habe… aber es muss sein, das Buch ist zu sch√∂n. Und ich freue mich immer noch so sehr dar√ľber. Unerwartete Geschenke, und dann noch so¬†spezielle und sch√∂ne, sind schon was Besonderes. Und wie oft beschert einem das Leben tats√§chlich so was?

Weil ich doch k√ľrzlich √ľber Berufung und echten Lebensinshalt geschrieben habe, hat mir eine bloglesende Freundin ein kiloschweres P√§ckchen in Geschenkpapier √ľberreicht – wegen des Artikels.¬†Aufgrund ihrer Anmerkungen¬†dachte ich beim Auspacken, es sei ein riesiges leeres Tagebuch, in das ich jetzt nach Herzenslust kritzeln k√∂nnte. Aber nein – ich hielt einen grossformatigen, wundersch√∂n aufgemachten¬†Bildband in H√§nden: „Pilgrimage“ von Annie Leibowitz. Ich hatte keine Ahnung, dass dieses Buch existiert, und es ist so sch√∂n und stimmungsvoll, dass ich dar√ľber schreiben muss.

Annie Leibowitz unternahm ohne Auftrag und einfach aus eigenem Vergn√ľgen jahrelang „Pilgerfahrten“¬†zu Wohnorten von K√ľnstlern oder Pers√∂nlichkeiten, die ihr am Herzen liegen – Menschen, die f√ľr eine Idee oder ihre Leidenschaft lebten. Ihre Art, anscheinend unbedeutende oder nichtssagende Details von diesen Pl√§tzen in Fotos festzuhalten, spricht mich¬†sehr an. Die Bilder¬†sind langsam, ruhig und unglaublich stimmungsvoll. Das Wohnzimmer von Emily Dickinsons Bruder zum Beispiel leuchtet in einem warmen Halbdunkel. Ihr karges Schlafzimmerchen, in dem sie auch schrieb, ist hell und spartanisch. Genau so viel Suggestivkraft hat der leere Schreibtisch von Virginia Woolf mit seiner v√∂llig abgewetzten, tintenbefleckten¬†Oberfl√§che, gesehen von aussen durch das Fenster ihres Schreibh√§uschens. Oder was mich besonders ber√ľhrt hat: Lincolns Zylinder, den er bei seiner Ermordung trug – an ihm ist immer noch das Trauerband f√ľr seinen drei Jahre vorher gestorbenen Sohn. Das sagt viel aus in einer Zeit, in der sterbende Kinder an der Tagesordnung waren.

DSCF8113Das Buch ist voll von ber√ľhrenden, sehr speziellen Blicken auf das, was von uns bleibt. Das, was uns am Herzen liegt: Wohnr√§ume, Besitzt√ľmer, Eigenheiten. Und aus einem so pers√∂nlichen Blickwinkel betrachtet, dass die Bilder einen nicht gleich loslassen. Auch wegen ihrer eigent√ľmlichen Melancholie – nichts spricht so sehr von Verg√§nglichkeit, als wenn man sieht, was f√ľr fragile, kleine Erinnerungen letztlich von einem bleiben werden.¬†Trotzdem ist genau das auch tr√∂stlich:¬†diese Art, eine Person festzuhalten, regt einen unwillk√ľrlich an zu √ľberlegen, wie man die Pers√∂nlichkeit von verstorbenden Verwandten in nur einem, aber ganz aussagekr√§ftigen Foto festhalten w√ľrde. Vielleicht mit einem einzigen Gegenstand, den man f√ľr immer mit ihnen verbindet, der ihren Charakter perfekt erkl√§rt. Oder mit einem Ort, an dem sie v√∂llig in ihrem Element waren. Das Erstaunliche: mir fallen spontan und problemlos Bilder ein, mit denen ich jemand, der sie nicht gekannt h√§tte, umfassend erkl√§ren k√∂nnte, wer sie waren.

„Pilgrimage“ ist ein sanfter, langsamer Bildband, der einen vom ersten Augenblick an bannt. Nichts f√ľr den Sofatisch, vielleicht, denn man will ja keine sprachlosen und geistig abwesenden G√§ste, aber perfekt f√ľrs Abtauchen am ganz pers√∂nlichen Lieblingsleseplatz.