Echtes Weihnachtsgeschenk

8. Dezember, 201407:55 von

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978-3-312-00632-8_2145716115-73Selten hat mich ein Buch so aufgerĂĽttelt und schockiert wie Samar Yazbek’s „Die Fremde im Spiegel“. Es ist alles andere als schön – und trotzdem wĂĽrde ich es sofort und fast jedem empfehlen. Weil es einen in unaufdringlicher Weise veranlasst, sein Heile-Welt-Dasein zu hinterfragen. Und es ist einfach immer wieder nötig, wenigstens auf diese Art zu verstehen, in was fĂĽr einem Paradies wir leben. Das schmale Bändchen hat mich mehr beeindruckt als die schlimmsten Bilder in den Nachrichten, weil es eben Einzelschicksale sind von Menschen, denen man durch die Erzählung schon näher gekommen war. So was berĂĽhrt mehr als Fotos von Anonymen.

Filtert man die Bilder von Gewalt, Abhängigkeiten, sexuellen Verstrickungen und daraus resultierend noch mal anderen Abhängigkeiten, finde ich als Kernbotschaft: in einer Gesellschaft, in einem Land, in dem es keine Freiheit gibt, kann es auch keine echte Liebe geben. Es gibt vielleicht Lust oder eine Illusion von Liebe, aber keine wirklich gesunde Beziehung. Das ist furchtbar deprimierend. Heisst es doch, dass es in so einem hoffnungslos düsteren Alltag nicht mal die Perspektive auf privates Glück geben kann.

Was das Buch noch in einem anrichtet: mit jeder weiteren Seite stieg meine Dankbarkeit, dass ich – völlig zufällig und unverdient – nicht so leben muss wie die Frauen in Syrien. Mit jedem neuen Detail ist man nur noch dankbar, dass man sich frei bewegen darf, anziehen darf, was man will, keinen grösseren äusseren Zwängen unterliegt, lieben oder heiraten darf, wen man will, oder eben nicht. Kurz: dass wir die Wahl haben. Und oft vergessen, was das fĂĽr ein Privileg ist.

Ich fĂĽhle mich grade durchgeschĂĽttelt und nur dankbar – aber auch aktionistisch. Ich muss meinen Mädchen mehr mitgeben als nur Wissen ĂĽber richtige Fingersätze und schönes Pedalisieren. Grade habe ich das GefĂĽhl, dass im luxuriösen Einzelunterricht bei gegebenem Anlass mein Erziehungsauftrag weitergehen sollte. Sollte sich mal wieder jemand ĂĽber Eltern beklagen, die vermeintlich nichts erlauben, habe ich jetzt ein Wort zum Sonntag parat, das meine Mädchen dankbar sein lassen wird, „nur“ bei ihren Eltern zu leben. (Das hört sich jetzt besonders nervig an und noch unbeliebter als Eltern, aber ich habe tatsächlich SchĂĽlerinnen, die das Gespräch und die Diskussion mit mir suchen. Und auch, wenn es nicht so klingt: es bringt uns auch klaviermässig weiter. Und nach dem Buch kann ich es nicht zulassen, dass jemand fahrlässig mit seinen Möglichkeiten und Freiheiten umgeht.)

Und natĂĽrlich sitze ich da und denke: kann ich irgendwas fĂĽr die Millionen FlĂĽchtlinge aus Syrien tun? Und war froh, als ich ĂĽber diese Webseite stolperte:

http://www.wir-helfen-fluechtlingen.de/

Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein, aber besser als nichts.

Macht mit.

(Foto)