Rückblick auf ein Jahr voller Sehnsucht

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Worte besitzen eine magische Macht – das fällt mir nicht nur beim Lesen auf, sondern auch, wenn es nur um ein einzige Wort geht wie mein Jahresmotto. Nachdem die Jahre in Zufriedenheit und relativem Angekommensein im Leben, wie ich es mir gewünscht habe, ineinander flossen und im Rückblick alle so weit in Ordnung, aber ohne grossartige Eigenheiten waren, beschloss ich, nicht mehr so verschwenderisch mit meinen Möglichkeiten umzugehen, sondern dem Leben doch eine Richtung zu geben. Und sei es nur, damit ich mich später besser dran erinnere. Das Jahr mit einem bestimmten Geburtstag – das klingt doch viel zu prosaisch. Das Jahr mit der Beerdigung von noch einem geliebten Wesen taucht alles in ein trauriges Licht, das auch das „davor“ und „danach“ überschattet. Deshalb bin ich dazu übergegangen, mir in leicht esoterischer Weise ganz persönliche Ziele zu setzen, zusammengefasst in einem zugegeben äusserst dehnbaren Begriff, an den ich mich im Verlauf der nächsten zwölf Monate immer wieder erinnern wollte. Manches biegt man sich dann schon so zurecht, dass es passt. Doch das ist auch in Ordnung. Der Plan ist ja, nicht nur vor sich hinzuleben und das Leben geschehen zu lassen, sondern es bewusst zu gestalten.

Aber manches ereignet sich auf geradezu unbegreifliche Weise und passt dann so exakt zum Motto, dass man sich fragt, ob das Zufall sein kann. Oder ob Worten nicht doch eine geheimnisvolle Kraft innewohnt. Das Jahr zum Beispiel, in dem ich mehr Abenteuer in meinem Leben zulassen wollte – war das anstrengend! Aufregend und spannend aber auch! Oder jetzt, das vergangene: Anfang des Jahres nahm ich mir vor, mich besser um meine eigenen Sehnsüchte zu kümmern. Besser in mich hineinhören, vielleicht staunen, auch zulassen, dass es ganz unerwartete Sehnsüchte geben könnte – alles das. Und sie so weit erfüllen, wie es in meinen Möglichkeiten steht. Und so weit es sinnvoll ist: ich bin überzeugt, dass es Sehnsüchte gibt, die unerfüllt bleiben sollten, damit ihr Zauber und ihre Kraft, uns anzutreiben, erhalten bleibt. Aber ich ging davon aus, dass grade dieses unzeitgemässe Wort mehr für ganz persönliche Erfahrungen stehen würde. „Risiko“ wäre sicher allgemein anerkannter und salonfähiger. Und es klingt nach wirklichem Tun, nach Grenzen – Überschreiten, für einen Marathon-Trainieren und vorzeigbare Ergebnisse-Produzieren. „Sehnsucht“ klingt so nach 19. Jahrhundert, oder? Man assoziiert damit Poesie und Romantik und äusserst heimliche Wünsche, die man vielleicht in silbernen Mondnächten dem Tagebuch anvertraut. Es klingt nicht passend für unsere Zeit, in der alles machbar, messbar, erfüllbar ist. Wozu sich mit der zarten, unsichtbaren Triebfeder abgeben, die (letztlich auch bei Marathonläufern) ganz verborgen in uns schlummert?

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Das Erstaunliche an diesem delikaten, aber kraftvollen Wesen war die Erkenntnis, dass es im letzten Jahr viel weniger um meine Sehnsüchte ging als um die meiner Mitmenschen. Dass ich, als ich mal auf den Trichter gekommen war, immer öfter das Gefühl hatte, ich sei die Geburtshelferin für die Sehnsüchte anderer. Manchmal waren es ziemlich persönliche, manchmal bisher unbekannte, aber „normale“, über die man reden kann, wie ein Chopin-Prélude für einen erwachsenen Schüler, das er nie für sich für möglich gehalten hätte. Allen war eines gemeinsam: die Menschen, die ich ans Ziel ihrer Träume begleiten durfte, hatten leuchtende Augen. Und das hat mich enorm bewegt, dieses Strahlen, dieses ganz im Augenblick – Sein. Ich durfte so oft in glückliche Augen schauen, dass es mich selber mehr als glücklich macht. Sei es wegen einer bestandenen Aufnahmeprüfung in München (!!!), oder weil wir endlich wieder in Rom durch eine bestimmte Gasse liefen, oder das ganz besonders überglückliche Strahlen in Hundeaugen, wenn es unerwartet doch eine Brotzeit gibt, die auf der Wanderung geteilt wird. All das gehört für mich zum  Begriff „Sehnsucht“. In der Hinsicht war es ein Jahr mit wenig persönlichem Wachstum vielleicht, aber enorm beglückend. Und irgendwie besser, als wenn man nur ständig um sich und seine Bedürfnisse kreist. Auch in der Hinsicht hatte das Wort seine ganz eigene Dynamik…

„Der Stern, der am Firmament deines Herzens steht, ist das Bild für die Sehnsucht, die dich treibt. Trau deiner Sehnsucht, folge ihr bis an den äussersten Rand.“

Anselm Grün

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