R├╝ckblick auf ein Jahr voller Sehnsucht

29. Dezember, 201408:43 von

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Worte besitzen eine magische Macht – das f├Ąllt mir nicht nur beim Lesen auf, sondern auch, wenn es nur um ein einzige Wort geht wie mein Jahresmotto. Nachdem die Jahre in Zufriedenheit und relativem Angekommensein im Leben, wie ich es mir gew├╝nscht habe, ineinander flossen und im R├╝ckblick alle so weit in Ordnung, aber ohne grossartige Eigenheiten waren, beschloss ich, nicht mehr so verschwenderisch mit meinen M├Âglichkeiten umzugehen, sondern dem Leben doch eine Richtung zu geben. Und sei es nur, damit ich mich sp├Ąter besser dran erinnere. Das Jahr mit einem bestimmten Geburtstag – das klingt doch viel zu prosaisch. Das Jahr mit der Beerdigung von noch einem geliebten Wesen taucht alles in ein trauriges Licht, das┬áauch das┬á„davor“ und „danach“ ├╝berschattet. Deshalb bin ich dazu ├╝bergegangen, mir in leicht esoterischer Weise ganz pers├Ânliche Ziele zu setzen, zusammengefasst in einem zugegeben ├Ąusserst dehnbaren Begriff, an den ich mich im Verlauf der n├Ąchsten zw├Âlf Monate immer wieder erinnern wollte. Manches biegt man sich dann schon so zurecht, dass es passt. Doch das ist auch in Ordnung. Der Plan ist ja, nicht nur vor sich hinzuleben und das Leben geschehen zu lassen, sondern es bewusst zu gestalten.

Aber manches ereignet sich auf geradezu unbegreifliche Weise und passt dann so exakt zum Motto, dass man sich fragt, ob das Zufall sein kann. Oder ob Worten nicht doch eine geheimnisvolle Kraft innewohnt. Das Jahr zum Beispiel, in dem ich mehr┬áAbenteuer in meinem Leben zulassen wollte – war das anstrengend! Aufregend und spannend aber auch! Oder jetzt, das vergangene: Anfang des Jahres┬ánahm ich mir vor,┬ámich besser um meine eigenen Sehns├╝chte zu k├╝mmern. Besser in mich hineinh├Âren, vielleicht staunen, auch zulassen, dass es ganz unerwartete Sehns├╝chte geben k├Ânnte – alles das. Und sie so weit erf├╝llen,┬áwie es in meinen M├Âglichkeiten steht. Und so weit es sinnvoll ist: ich bin ├╝berzeugt, dass es Sehns├╝chte gibt, die unerf├╝llt bleiben sollten, damit ihr Zauber und ihre Kraft, uns anzutreiben, erhalten bleibt. Aber ich ging davon aus, dass grade dieses unzeitgem├Ąsse Wort mehr f├╝r ganz pers├Ânliche Erfahrungen stehen w├╝rde. „Risiko“ w├Ąre sicher allgemein anerkannter und salonf├Ąhiger. Und es klingt nach wirklichem Tun, nach Grenzen┬á– ├ťberschreiten, f├╝r einen Marathon-Trainieren und vorzeigbare Ergebnisse-Produzieren. „Sehnsucht“ klingt so nach 19. Jahrhundert, oder? Man assoziiert damit Poesie und Romantik und ├Ąusserst heimliche W├╝nsche, die man vielleicht in silbernen Mondn├Ąchten dem Tagebuch anvertraut.┬áEs klingt┬ánicht passend f├╝r unsere Zeit, in der alles machbar, messbar, erf├╝llbar ist. Wozu sich mit der zarten, unsichtbaren Triebfeder abgeben, die (letztlich auch bei Marathonl├Ąufern) ganz verborgen in uns schlummert?

gleiche Quelle

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Das Erstaunliche an diesem delikaten, aber kraftvollen Wesen war die Erkenntnis, dass es im letzten Jahr viel weniger um meine Sehns├╝chte ging als um die meiner Mitmenschen. Dass ich, als ich mal auf den Trichter gekommen war, immer ├Âfter das Gef├╝hl hatte, ich┬ásei die Geburtshelferin f├╝r die Sehns├╝chte anderer. Manchmal waren es ziemlich pers├Ânliche, manchmal bisher unbekannte, aber „normale“, ├╝ber die man reden kann, wie ein Chopin-Pr├ęlude f├╝r einen erwachsenen Sch├╝ler, das er nie f├╝r sich f├╝r m├Âglich gehalten h├Ątte. Allen war eines gemeinsam: die Menschen, die ich ans Ziel┬áihrer Tr├Ąume begleiten durfte, hatten leuchtende Augen. Und das hat mich enorm bewegt, dieses Strahlen, dieses ganz im Augenblick – Sein. Ich durfte so oft in gl├╝ckliche Augen schauen, dass es mich selber mehr als gl├╝cklich macht. Sei es wegen einer bestandenen Aufnahmepr├╝fung in M├╝nchen (!!!), oder weil wir endlich wieder in Rom durch eine bestimmte Gasse liefen, oder das ganz besonders ├╝bergl├╝ckliche Strahlen in Hundeaugen, wenn es unerwartet doch eine Brotzeit gibt, die auf der Wanderung geteilt wird. All das┬ágeh├Ârt f├╝r mich zum ┬áBegriff „Sehnsucht“. In der Hinsicht war es ein Jahr mit wenig pers├Ânlichem Wachstum vielleicht, aber enorm begl├╝ckend. Und irgendwie besser, als wenn man nur st├Ąndig um sich und seine Bed├╝rfnisse kreist. Auch in der Hinsicht hatte das Wort seine ganz eigene Dynamik…

„Der Stern, der am Firmament deines Herzens steht, ist das Bild f├╝r die Sehnsucht, die dich treibt. Trau deiner Sehnsucht, folge ihr bis an den ├Ąussersten Rand.“

Anselm Gr├╝n