Ein zeitloser Klassiker

5. Juli, 201418:10 von

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KĂŒrzlich las ich zum ersten Mal Anne Morrow Lindberghs „Muscheln in meiner Hand“ – und bin jetzt schon sicher, dass es nicht das letzte Mal war. Und wie bei so manchen BĂŒchern oder KlavierstĂŒcken, von denen man theoretisch weiss, dass sie existieren, mit denen man sich aber noch nie nĂ€her beschĂ€ftigt hat, frage ich mich: warum erst jetzt? Wieso habe ich so lange auf dieses VergnĂŒgen verzichtet?

Es ist aber ein VergnĂŒgen der besonderen Art. Kein Buch, das zur schnellen LektĂŒre einlĂ€dt, ganz im Gegenteil. Das schmale BĂ€ndchen hat mich ĂŒber viele Nachmittage und Abende begleitet und ich habe viele Abschnitte mehr als einmal gelesen, auf mich wirken lassen, mich gefragt, was das fĂŒr mein eigenes Leben bedeutet (oder inbrĂŒnstig gedacht: ja, ganz genau, und wie schön und treffend ausgedrĂŒckt – wenn ich diese Beobachtung schon selber gemacht haben sollte.). Was mich am meisten erstaunt, ist die Zeitlosigkeit ihrer Beobachtungen. Geschrieben 1955, spricht es mich jetzt genau so an wie Generationen von Frauen vor mir. Und auch wenn man manchmal schmunzeln möchte, wenn die Rede auf die „moderne Frau“ kommt – ich glaube fast, sie konnte hellsehen (und modern war sie, oder? Als Pilotin?). Oder hat einfach sehr klarsichtig begriffen, dass es Bereiche gibt, die immer anstrengend und krĂ€ftezehrend sein werden im Leben einer Frau. Die Mehrfachbelastung durch Familie und Beruf war damals genau so ein Thema wie heute; das BedĂŒrfnis, irgendwo eine Stunde oder einige Minuten am Tag und Raum fĂŒr sich ganz allein herauszuschinden, war ihr genau so wichtig wie es uns heute ist. Und mir gefĂ€llt auch, wie sie als nicht mehr ganz junge Mutter (von sechs Kindern!) ĂŒber die verschiedenen Abschnitte eines Frauen- und Familienlebens spricht – viel zu schnell ist die Zeit des stĂ€ndig gefordert-Seins und Eingebettetseins in eine grosse Familie vorbei und man ĂŒberlegt, wie man mit dem leeren Haus und plötzlich ganz viel freier Zeit fĂŒr sich allein zurecht kommt. Das ist es auch, was mich sicher sein lĂ€sst, dass mich dieses Buch immer ansprechen wird, zu allen Lebensaltern. Und was es so wunderbar universell verschenkbar macht: fĂŒr die ĂŒberlastete Freundin mit kleinen Kindern, fĂŒr die mit Eheproblemen, fĂŒr die zu plötzlich allein gelassene, oder fĂŒr die, die sich nach Alleinsein sehnt… Und ihre VorschlĂ€ge, wie man wieder sein Zentrum findet, sich nicht zerrissen fĂŒhlt, klingen auch absolut aktuell:

„In der letzten Generation haben wir materiell viel gewonnen, aber seelisch sind wir, glaube ich, Ă€rmer geworden, ohne es zu wissen. FrĂŒher besassen die Frauen in ihrem Dasein mehr zentrierende KrĂ€fte, Quellen, aus denen sie bewusst oder unbewusst gespeist wurden. Allein die Tatsache ihrer weitgehenden hĂ€uslichen Abgeschlossenheit gab ihnen das notwendige Alleinsein. Viele ihrer Aufgaben trugen dazu bei, dass sie sich innerlich sammeln musste. Sie hatten mehr schöpferische Aufgaben zu verrichten. Nichts speist die Mitte so sehr wie schöpferische Arbeit, auch wenn es bescheidene TĂ€tigkeiten sind wie NĂ€hen oder Kochen. Brotbacken, Weben, Einmachen, Kinder unterrichten und ihnen vorsingen, muss viel kraftspendender gewesen sein als den Familienchauffeur zu machen.“

Das könnte doch direkt so auch heute in einer Frauenzeitschrift stehen. Oder in einem der vielen Blogs, die sich mit einem sinnvolleren Leben beschĂ€ftigen – und fĂŒhrt uns mal wieder die ÜberflĂŒssigkeit von vielem, was gesagt oder geschrieben wird, vor Augen (dieses Geschreibsel hier nicht ausgenommen!!). Und genau das ist doch das Wesen eines Klassikers, oder? Dass etwas auf geniale und treffende Weise so ausgedrĂŒckt wird, dass es auf Jahrzehnte oder Jahrhunderte GĂŒltigkeit hat. Diese kleine, schmale BĂ€ndchen ersetzt regaleweise Selbsthilferatgeber – Minimalisten, aufgemerkt, hier wĂ€re ein Ansatz zum BĂŒcherreduzieren…

Ich freue mich, endlich, so spĂ€t im Leben, auf diese kleine Meisterwerk gestossen zu sein. Die hĂŒbsche  gebundene Piper-Ausgabe lag wochenlang auf meinem NachtkĂ€stchen, und immer steht eine kleine Vase mit den unermĂŒdlich blĂŒhenden und zart duftenden weissen Kletterrosen daneben. Allein der Anblick des schön gestalteten BĂ€ndchens mit den Muscheln Long Barnund dem Meerespanorama drauf lĂ€sst mich zur Ruhe kommen. Und – jetzt schliesst sich ein Kreis – die Rosen haben seltsamerweise eine Verbindung zu ihr… Diese Sorte, „Madame Alfred CarriĂšre“, habe ich gepflanzt, nachdem ich in einem Gartenbuch gesehen habe, dass Vita Sackville-West sie schon in ihrem ersten Haus in Long Barn hatte. Sie wucherte mĂ€rchenschlossartig um ihr Schlafzimmer- und Arbeitszimmerfenster, und ich dachte, zur Anrufung und BesĂ€nftigung der Musen kann es nicht schaden, auch so eine Rose hier zu haben. Kurz bevor Vita Sissinghurst kaufte, wurde das erste Baby der Lindberghs entfĂŒhrt und ermordet. Um dem Presserummel zu entgehen, beschlossen sie, nach England umzusiedeln – und mieteten Long Barn von Vita, die ohnehin in ihre Schlossruine ziehen wollte. Und so sass Anne Morrow-Lindbergh möglicherweise in dem selben rosenumrankten Arbeitszimmer und wurde vom gleichen zarten Duft umweht wie ich, wenn ich abends noch in ihrem BĂŒchlein schmökere. Das alles hab ich grade beim Googeln erfahren, auf der Suche nach einem Foto fĂŒr diesen Artikel. Gibt es solche ZufĂ€lle?!

(Die ersten beiden Bilder: Yale University Library)