Wo wir wohnen

24. M├Ąrz, 201207:48 von


K├╝rzlich rief ganz unerwartet eine verschollen geglaubte Freundin aus dem hohen Norden an. Nach jahrelanger Funkstille, w├Ąhrend der wir jede mit unserem eigenen Leben zu besch├Ąftigt waren, sagte sie sich spontan f├╝r einen Besuch zum Abendessen an – zu spontan, um weitere Pl├Ąne zu schmieden oder ihr die Gegend hier richtig zu zeigen. Und da unser Garten bei ihrem Eintreffen auch schon im D├Ąmmerlicht seine Abendgew├Ąnder anlegte und sie nur noch die Umrisse der kahlen Eichen gegen das letzte Tageslicht erkennen sollte, ist es Zeit f├╝r ein paar Fotos…

Bei der ├╝blichen Suche im Netz wird Wasserburg normalerweise von seiner strahlenden, s├╝dlichen Bilderbuchseite gezeigt. Solche Tage, an denen die kunterbunten Fassaden vor einem klaren blauen Himmel strahlen, mag ich schon auch. Und wenn sich an heissen Sommerabenden das Leben in der Altstadt komplett nach draussen verlagert, mediterrane K├╝belpflanzen vor den H├Ąusern stehen und die alten Mauern die Hitze abstrahlen, f├╝hle ich mich immer noch wie im Urlaub.

Doch „mein“ Wasserburg hat noch viel mehr Facetten als nur das plakativ und vordergr├╝ndig Sch├Âne. „Mein“ Wasserburg erschliesst sich auch nicht bei einem kurzen Rundgang – es verlangt schon etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Und auf einmal merkt man, dass dieser Ort viel weniger leicht fassbar und beschreibbar ist, als man an einem sonnigen Tag denken k├Ânnte. Dank des vielen Wassers und der alten Bausubstanz gibt es Tage, an denen die Stadt wie in einem M├Ąrchen aus sanften Nebelschwaden auftaucht und man sich fragt, in welchem Jahrhundert man lebt. Ich liebe solche Nebelmorgen – egal, wie fr├╝h oder k├╝hl, da zieht es mich unweigerlich nach draussen. Die feuchte Luft l├Ąsst meine Haut und Haare aufleben. Am Wasser fange ich die wundersch├Ânen Momente in meinem Herzen ein, wenn alle┬áUmrisse weich verschwimmen, um mich unendlich viele verschiedene Gr├╝nt├Âne schimmern und die ganze Welt wie ein Traum erscheint. Ebenfalls, wenn ich mich der Stadt n├Ąhere und der gotische Kirchturm oder die Zinnen der Burg aus den sanften grauen┬áSchwaden auftauchen. Oder manche Gassen der Stadt, fr├╝h am Morgen, wenn noch keine Autos unterwegs sind – alles ist zeitlos sch├Ân und die Konturen zwischen Gegenwart und Vergangenheit werden unsch├Ąrfer. (Bis der erste Vespafahrer mit Anzug und Krawatte um die Ecke knattert – das ist auch so ein netter Trend zur Zeit in Wasserburg und ein Tribut an eine nicht f├╝r Autos konzipierte alte Stadt).

Oder unser Garten im orange-goldenen Abendlicht an einem k├╝hlen fr├╝hen Fr├╝hlingsabend, wenn die Eichen noch kahl sind und ich vom Klavier aus sehe, wie sich vor dem leuchtenden Himmel ein majest├Ątischer weisser Fischreiher am Teich hinter dem Haus langsam in die Luft erhebt und in weiten Kreisen immer h├Âher schwingt. Da muss ich mich kurz fragen, ob ich tr├Ąume… Oder in Sommern├Ąchten, wenn ich vom K├Ąuzchen, das andauernd ruft, aus dem Schlaf geholt werde und dann merke, dass die Schafe hinter dem Haus auch unruhig werden, und ich mich frage: ist es ein Fuchs? Eine ganz grosse Eule? Oder ein ganz anderes Wesen aus der M├Ąrchenwelt, was wir noch nie gesehen haben? Und schon gleite ich in den n├Ąchsten Traum…

So wie die Grenzen zwischen Himmel und Fluss im Nebel unklar werden, verschwimmen hier Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und vergangene Zeiten. Wasserburg ist eine Stadt der Zwischent├Âne. Und seit ich hier wohne, sehe ich auch mehr Facetten und M├Âglichkeiten an und in mir: ich bin nicht nur das, was man sieht. Die ganze Sch├Ânheit um mich herum beeinflusst mich – ich muss das verarbeiten und auf anderem Weg wieder rauslassen. Ich MUSS ├╝ben. Ich MUSS schreiben. (Erstaunlicherweise. Wie komme ich dazu, und wo kommt es her??) Der breite, ruhige Fluss, der an keinem Tag derselbe ist, erinnert mich immer wieder daran, dass das Leben und die Gedanken in Bewegung bleiben m├╝ssen. Nichts stagniert hier, keine kreativen Blockaden machen sich bemerkbar – alles fliesst m├╝helos und von selber. Es gab Orte in meinem Leben, an denen es sich gut leben liess. Es gab andere, an denen sich die eigene Existenz mehr wie „├╝berleben“ anf├╝hlte. Aber das wirklich leben, das erf├╝llte, intensive, t├Ąglich begl├╝ckende leben – das kenne ich nur hier in der alten gotischen Stadt am gr├╝nen Fluss.

Opernfestspiele auf Gut Immling

Liebe Freundin, wenn Du n├Ąchstes Mal kommst, muss es l├Ąnger sein! Unser Leben hat sich so┬áso arg ver├Ąndert, seit wir uns vor 25 Jahren oder so kennengelernt haben. Was waren wir idealistisch! Wir wollten kreativ und kultiviert leben, immer viel lesen, viel in die Oper und Konzerte gehen, Anteil nehmen am kreativen Leben anderer, selber unseren Beitrag leisten… Auf unsere Art, in unseren kleinen Nischen tun wir das ja auch – beide haben wir Berufe gew├Ąhlt, in denen wir das sogar zum Broterwerb tun d├╝rfen. Doch inzwischen ist unser Alltag so anders und so fordernd, dass wir froh sind, wenn die W├Ąsche gewaschen und┬áder K├╝hlschrank aufgef├╝llt ist und wir zu einer anst├Ąndigen Zeit ins Bett fallen d├╝rfen. Ich f├╝rchte, das ist auch ganz normal in unserem Alter… Aber man braucht Begegnungen und Konfrontationen mit der eigenen Vergangenheit, so wie bei Deinem Besuch, um sich immer wieder daran zu erinnern, was einem wichtig ist im Leben, und man braucht wundersch├Âne, inspirierende Ort und Momente um sich, um die Flamme am Leben zu halten.