Sch├Ânheit im Alltag

10. April, 201210:28 von


„Was unternimmt man denn zur Freizeitgestaltung, wenn man hier wohnt?“

Wir sind auf dem Schiff auf der R├╝ckfahrt von der Fraueninsel und┬ágleiten an einer traumhaften abendlichen Kulisse vorbei:┬á├╝ber der┬áseidigen grauen Wasserfl├Ąche des Chiemsees erheben sich dunkelblaue Berge mit Schneem├╝tzen. Trotzdem ist dem nichtbayerischen Urlauber die Verdrossenheit dar├╝ber anzusehen, dass er noch f├╝nf Tage in dieser ereignislosen Gegend gebucht hat.

„Naja, ich bin nicht so der Berg- oder Skifahrertyp. Eigentlich bin ich sehr gern zuhause. Ich gehe spazieren und lese viel.“

„Aha.“

„Ich spiele gern Klavier. Ich bin in der K├╝che oder im Garten.“

Schweigen.

„Wie viele Kilometer sind es bis M├╝nchen?“

Wie ern├╝chternd und traurig! Er k├Ânnte einem leidtun – aber ich kenne ihn nicht und lasse mir meine gute Laune ├╝ber diesen gelungenen Ostermontag nicht verderben. Wie kann jemand so unzufrieden von dieser sch├Ânen gem├╝tlichen Insel wegfahren? Allein der Spaziergang zu einer der letzten F├Ąhren durch die stillen G├Ąrten war ein Erlebnis. (Und dass wir am Anleger nur ein Dutzend Leute waren, auch!) Die Begegnung mit den ur-uralten Steinen der Kirche, des Torhauses, des Vorraums zur Kirche und der alte Friedhof machen mich gl├╝cklich. Ebenso die Tatsache, zum ersten Mal im Lindenwirt gewesen zu sein, mit meiner Freundin ein mehr als dekadentes St├╝ck Lindentorte gegessen zu haben und von ihr einen auch fast ur-uralten Herd im ├Ąltesten Teil des Hauses gezeigt bekommen zu haben, der meinen K├╝chentr├Ąumen neue Nahrung gibt. Und ├╝berhaupt: meine Freundin! Die ich viel zu selten sehe! Es war so sch├Ân, sofort wieder ins vertraute Gespr├Ąch einzutauchen, als h├Ątten wir uns gestern das letzte Mal gesehen.

Was macht man also in seiner Freizeit, wenn man hier wohnt?

Sich dar├╝ber freuen, dass die Osterglocken, die ich seit unserem Einzug immer wieder pflanze, inzwischen so zahlreich sind, dass ich f├╝r Ostersonntag einen kleinen Strauss ins Haus holen kann.

Am selben Tag v├Âllig eingeschneit auzuwachen und mit dem Kater in┬ádie unerwartete und irgendwie unpassende weisse Pracht hinauszugehen, um zu gucken, ob es den Fr├╝hlingsblumen in voller Bl├╝te hoffentlich gutgeht. Schnee und Eis von den ersten Rosentrieben zu streifen. Vorsichtig die Triebe und Bl├╝tenknospen des Tr├Ąnenden Herzens vom Eis befreien. Die d├╝nne Eisschicht im Regentrog mit einem leichten Fingertippen zerbrechen – einfach, weils Spass macht.

S├╝sskartoffeln im Ofen r├Âsten. Mit Quark und einem Salat dazu ein wundervolles Abendessen geniessen.

Und nat├╝rlich: Zeit mit dem geliebten Tier verbringen.

Ich merke immer mehr: es sind die Kleinigkeiten, die mein Leben sch├Ân und besonders machen. Es ist absolut nicht das dicke Auto vor der Haust├╝r oder die eindrucksvolle Kreuzfahrt. Es sind kurze Momente im Alltag, die irgendwie besonders oder einzigartig sind. Es ist die Postkarte mit dem wundersch├Ânen Eisvogel, die ich im Klosterladen kaufen musste. Oder das k├Âstliche Fr├╝hst├╝ck mit meinem Mann in der Schranne am Karsamstag, das mich veranlasst zu bemerken: „Wenn wir ganz wenig Geld h├Ątten, aber 25 Euro im Monat ├╝brig, um einmal so zu fr├╝hst├╝cken, dann w├Ąre doch alles perfekt!“

Und ich f├╝rchte, wenn man im Urlaub, auf einem Chiemseeschiff, mit den Alpen im Blick, ungl├╝cklich wirken kann, dann ist man es im Alltag auch. Doch daf├╝r ist das Leben zu kurz!