An die Grenzen – Liszt

Castello di Duino - nicht mein Übezimmer!
Castello di Duino - nicht mein Übezimmer!

Immer noch bin ich am genussvollen Abarbeiten meiner Liste von Stücken, die ich seit langem spielen wollte. Das „Vallée d’Obermann“ aus den „Années de Pèlerinage“ gehört schon seit Jahren dazu. Und wenn man mal angefangen hat und merkt, wie viel Spass es macht, fragt man sich ernsthaft, warum man so lange gewartet hat. Oktaven und Dezimen machen mir normalerweise keine Probleme, und nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten fühlte ich mich sehr wohl bis auf – tja, bis auf diese eine Stelle, die ich Tag für Tag wieder probierte und unverhältnismässig lang übte. Und noch mal und anders probierte. Trotzdem wurde es nicht besser, im Gegenteil: ich wusste kaum, wie ich sie greifen, geschweige denn wie ich die Oberstimme zum Klingen bringen sollte. Langsam war es zum Haareraufen, und so nahm ich eines Tages die Noten mit in die Schule, um einen Kollegen um Rat zu bitten. Es stellte sich heraus, dass er das Stück im Repertoire hat, dass es sogar sein Leib- und Magenstück ist. Und  diese Stelle spielt er einfach – so. Ich starrte ungläubig auf seine Hände, als er auswendig, ganz locker und mit einem wunderschönen Klang die unspielbaren Takte quasi aus dem Ärmel schüttelte. Meine Güte. Und einen Rat konnte er mir eigentlich auch nicht geben, da die Stelle für ihn kein Problem ist. Ein kurzer Vergleich unserer Hände – sehr ernüchternd! – liess mich einsehen, dass es einfach an den anatomischen Gegebenheiten liegt.

Und das warf für mich zwei Fragen auf: sind wir hier tatsächlich an den Grenzen der Gleichberechtigung angekommen? Und: kann man sich jemals so in einen anderen hineinversetzen, dass man ihm wirklich helfen kann?

Im Vorfeld meiner Studien sozusagen, falls man es so nennen darf, dass man sich viel zu lang auf Youtube tummelt, war mir aufgefallen, dass es relativ wenige Aufnahmen des Obermann von Frauen gibt. Ich glaube, ich weiss jetzt, warum…. Dazu passend las ich am 20. 10 11 in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Artikel über Neuaufnahmen oder Gesamtaufnahmen von Liszt zum Jubiläumsjahr. Alle sechzehn erwähnten Einspielungen stammen von Männern. Auch wenn eine sechsjährige Schülerin von mir findet, dass Liszt wegen seiner Frisur „wie ein Mädchen“ aussieht, hat man doch immer das Bild des grossen Verführers und Frauenhelden im Hinterkopf und meint deshalb vielleicht, dass ein männlicher Pianist seine Werke stimmiger und überzeugender  interpretieren kann. Es gibt ja viele Stücke von ihm, die Etüden etwa, die Männer und Frauen gleichermassen spielen. Aber es scheint doch spezifische Ausnahmen zu geben, und ausgerechnet mein angepeiltes Stück gehört möglicherweise dazu. Muss ich einsehen, dass die Aufgaben für die Geschlechter ganz streng verteilt sind? Nach dem Motto: Du spielst Liszt, ich krieg die Kinder? Nein, ganz so ist es nicht, wie glücklicherweise der Geburtstagsabend von Liszt auf Arte zeigte: in einer Sendung über seine erste Lebenshälfte tauchten Richter und Brendel nur am Rande auf. Der Grossteil der Sendung wurde von den Pianistinnen Adrienne Krausz und Muza Rubackyté bestritten, die sich scheinbar mühelos quer durch Liszts Oeuvre spielten. Da  sie auf historischen Instrumenten spielten, klang es natürlich delikater, als wenn zum Beispiel Richter mit ganzer Wucht zulangt. Trotzdem war es für mich ein überzeugender und gültiger Liszt. Und ein Ansporn, mich selber ein bisschen mehr anzustrengen!

Die anderen Grenzen sind fast noch unergründbarer: wie kann ich mich wirklich so in einen Schüler hineinversetzen, dass ich ihm eine sinnvolle Hilfestellung geben kann? Nicht, dass ich in nächster Zeit in der Verlegenheit wäre, dieses Stück mit einem meiner Schüler durchzunehmen, aber wenn, dann würde ich es nur mit jemand machen, der mindestens so grosse Hände hat wie ich. Bei allen anderen hätte ich Angst, dass sie sich etwas zerren oder überanstrengen und selber nicht wissen, wo der Punkt ist, an dem man aufhören soll. Man muss seinen Körper wirklich gut kennen für solche extremen Stücke oder andere anstrengenden Stellen. Wie bei ungewohnten  Gymnastikübungen kann es am Anfang ziehen oder sogar leicht wehtun, bis man sich nach ein paar Tagen an die Belastung gewöhnt hat und die Zeit, in der man sich mit solchen Stellen aufhält, ausdehnen kann. Oder das Tempo ändern kann. Ich weiss genau, wie lange der Schmerz „angenehm“ ist und ab wann es gefährlich wird, und ich weiss auch, wie ich diese Grenzen vorsichtig täglich erweitern kann, bis ich drüberstehe. Bei einem Schüler hätte ich Angst, dass er es vor lauter Enthusiasmus übertreibt und dann vielleicht wochenlang an  einer Sehnenscheidenentzündung leidet. Selbst wenn ich irgendwann weiss, wie ich selber diese „extremen“ Takte spielen soll, gestehe ich mir nicht zu, dass ich das auch jemand anderem erklären kann, der sonst noch nicht auf dem Niveau dieses Stückes ist. Das ist ganz sicher eine meiner Grenzen als Lehrerin, einfach, weil ich normalerweise keine so fortgeschrittenen Schüler unterrichte und darin keine Routine habe. Trotzdem sollte ich auch bei  einfachsten Manövern mit Anfängern immer wieder bedenken, dass ich nicht genau weiss, was der kleine Mensch für ein Körpergefühl oder für eine Wahrnehmung
hat. Da hilft nur: immer wieder nachfragen und alle Antennen auszufahren.

Es ist noch relativ leicht, sich intellektuell in einen anderen hineinzuversetzen. Wenn ich eine Schülerin frage, welche Vorzeichen sie für E-Dur braucht und sie antwortet „3-4, 7-8“, erkenne ich, dass sie zwei glücklicherweise verwandte Konzepte durcheinander gebracht hat, die wir schnell in ihrem Kopf sortieren können.

Wenn aber jemand klagt, dass ein bestimmter Griff wehtut, muss ich umfangreicher nachfragen: wann tut es weh? Überhaupt oder wenn man ihn öfter wiederholt? Sofort oder erst, wenn man die Stelle im Tempo spielt? Wo genau tut es weh, in der Hand, im Unterarm, und wo genau im Arm? Und wie schlimm? Wäre es auszuhalten, erst mal langsam mit den Takten anzufangen, oder geht es gar nicht? Klavierspielen soll generell nicht wehtun, und jeder Schmerz ist ein Warnsignal, dass wir dabei sind, Grenzen zu überschreiten. Ich finde es nach wie vor sehr heikel, für jemand anderen spüren zu wollen, wann es zu viel ist, und im Zweifelsfall legen wir das Stück lieber
zur Seite und nähern uns dem Problem erst mal auf anderen Wegen, mit kleinen Etüden oder anderen passenden Vorübungen. Und manchmal hilft es bei Schülern, die noch heftig dabei sind, zu wachsen, einfach ein Jahr abzuwarten – in einem gewissen Alter muss man sich immer wieder bewusst machen, dass diese Menschen noch in der Entwicklung begriffen sind und in ein paar Monaten auf natürliche Weise ganz andere Möglichkeiten haben. In solchen Fällen muss ich mich selber an den Spruch erinnern, dass man nicht an einem Grashalm ziehen soll, wenn man will, dass er wächst.

Ganz schwierig finde ich es, mich in die Gefühlswelt eines anderen versetzen zu wollen. Manchmal gibt es spürbare psychische Barrieren, die einen reibungslosen Unterrichtsablauf beeinträchtigen, und es ist heikel, zu entscheiden, wann man das thematisieren oder sich überhaupt einmischen darf. Ich meine nicht die gan  normalen Tage, an denen ein Schüler in gedrückter Stimmung ankommt, weil er eine Klassenarbeit verhagelt hat oder ihm sonst eine kleine Laus über die Leber gelaufen ist. Meistens schafft es der Szenenwechsel und die Tatsache, dass man sich mit etwas anderem beschäftigt, dass nach ein paar Minuten wieder alles beim alten ist.
Manchmal muss der Schüler auch verbal Dampf ablassen über die Ungerechtigkeiten seiner Welt – die zwei Minuten Unterrichtszeit opfere ich gern, wenn wir uns
danach wieder aufs Musikmachen konzentrieren können. Schwieriger sind unterschwellige Blockaden, die ein Kind davon abzuhalten, sich nach seinen  Möglichkeiten einzubringen. Manchmal wird damit der einseitige Wunsch der Eltern, dass Klavier gespielt wird, sabotiert. Manchmal ist es eine mehr oder weniger bewusste Ablehnung eines Lebensstils, mit dem sich der Schüler nicht identifiziert. Es können Minderwertigkeitsgefühle sein, weil der Schüler meint, im Vergleich mit anderen schlecht abzuschneiden. Es kann eine Abneigung gegen einen bestimmten Komponisten sein. Oder, ganz schlecht: das Klavierspielen fällt dem Kind aus irgendeinem Grund immer schwer, egal, was es versucht, es möchte aber, weil es ein gutes Kind ist, mir und den Eltern alles recht machen, kommt bei allen Anstrengungen auf keinen grünen Zweig und wird immer deprimierter. Was in der Seele eines anderen vorgeht, offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Vieles soll ja auch privat bleiben. Doch wenn ich über Monate merke, dass irgendein Knoten uns an den Fortschritten behindert, bleibt es nicht aus, dass ich mir Gedanken mache. Falls ein Kind von sich aus reden möchte, höre ich gerne zu. Manchmal wird der Unterricht aus vorgeschobenen anderen Gründen beendet – auch in Ordnung, wie gesagt, ich möchte mich nicht komplett ins Familienleben meiner Schüler einmischen. Und manchmal spüre ich direkt die Erleichterung, wenn ich einem Schüler vorschlage, ein halbes oder ganzes Jahr Pause zu machen, weil es zur Zeit nicht so gut läuft. (Und: die meisten sind wieder gekommen!).

Vielleicht ist es ganz gut und diskreter, wenn es hier Grenzen gibt. Bei allen anderen können wir vorsichtig versuchen, sie auszuweiten, damit wir sie eines Tages ganz überschreiten können – sowohl beim eigenen Spielen als auch beim Unterrichten.

P.S.: Noch mal zum grossen Virtuosen: ein kleines Privileg hat die Damenwelt immerhin, eine Art Doping… Kürzlich bekam ich eine Parfümprobe eines sehr blumigen und sinnlichen Parfüms von „Acqua di Parma“. Kurz nach dem Auftragen am Morgen entschied ich, dass der Duft für mich im Alltag absolut nichts wäre. Beim Liszt-Üben nahm ich ihn immer wieder wahr und fand ihn immer passender, so altmodisch und süss, wie aus einer vergangenen Zeit, als es noch keine Unisex-Düfte gab und Damen nach einzelnen, betörenden Blüten dufteten. Das Parfüm ist so unüblich, so sehr „too much“ wie manche Stücke von Liszt. Und auch so eindeutig zu definieren – fü Chopin bräuchte man einen viel zarteren und aus viel mehr Bestandteilen zusammengesetzen Duft, einen ungreifbareren. Diese Iris hier sagt in all ihrer Süsse ganz klar und selbstbewusst: hier bin ich, so bin ich, jetzt berauscht euch an mir. Für mich die perfekte Ergänzung zu Liszt! Da der Duft sehr intensiv ist, kann ich mit meiner kleinen Probe noch ein paar inspirierende psychedelische Übetage verbringen.

(veröffentlicht in „Pianonews“ 2/2012)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.