An die Grenzen – Liszt

24. Oktober, 201109:29 von

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Castello di Duino - nicht mein ├ťbezimmer!

Castello di Duino - nicht mein ├ťbezimmer!

Immer noch bin ich am genussvollen Abarbeiten meiner Liste von St├╝cken, die ich seit langem spielen wollte. Das „Vall├ęe d’Obermann“ aus den „Ann├ęes de P├Ęlerinage“ geh├Ârt schon seit Jahren dazu. Und wenn man mal angefangen hat und merkt, wie viel Spass es macht, fragt man sich ernsthaft, warum man so lange gewartet hat. Oktaven und Dezimen machen mir normalerweise keine Probleme, und nach den ├╝blichen Anfangsschwierigkeiten f├╝hlte ich mich sehr wohl bis auf – tja, bis auf diese eine Stelle, die ich Tag f├╝r Tag wieder probierte und unverh├Ąltnism├Ąssig lang ├╝bte. Und noch mal und anders probierte. Trotzdem wurde es nicht besser, im Gegenteil: ich wusste kaum, wie ich sie greifen, geschweige denn wie ich die Oberstimme zum Klingen bringen sollte. Langsam war es zum Haareraufen, und so nahm ich eines Tages die Noten mit in die Schule, um einen Kollegen um Rat zu bitten. Es stellte sich heraus, dass er das St├╝ck im Repertoire hat, dass es sogar sein Leib- und Magenst├╝ck ist. Und┬á diese Stelle spielt er einfach – so. Ich starrte ungl├Ąubig auf seine H├Ąnde, als er auswendig, ganz locker und mit einem wundersch├Ânen Klang die unspielbaren Takte quasi aus dem ├ärmel sch├╝ttelte. Meine G├╝te. Und einen Rat konnte er mir eigentlich auch nicht geben, da die Stelle f├╝r ihn kein Problem ist. Ein kurzer Vergleich unserer H├Ąnde – sehr ern├╝chternd! – liess mich einsehen, dass es einfach an den anatomischen Gegebenheiten liegt.

Und das warf f├╝r mich zwei Fragen auf: sind wir hier tats├Ąchlich an den Grenzen der Gleichberechtigung angekommen? Und: kann man sich jemals so in einen anderen hineinversetzen, dass man ihm wirklich helfen kann?

Im Vorfeld meiner Studien sozusagen,┬áfalls man es so nennen darf, dass man sich viel zu lang auf Youtube tummelt, war mir aufgefallen, dass es relativ wenige Aufnahmen des Obermann von Frauen gibt. Ich glaube, ich weiss jetzt, warum…. Dazu passend las ich am 20. 10 11 in der „S├╝ddeutschen Zeitung“ einen Artikel ├╝ber Neuaufnahmen oder Gesamtaufnahmen von Liszt zum Jubil├Ąumsjahr. Alle sechzehn erw├Ąhnten Einspielungen stammen von M├Ąnnern. Auch wenn eine sechsj├Ąhrige Sch├╝lerin von mir findet, dass Liszt wegen seiner Frisur ÔÇ×wie ein M├ĄdchenÔÇť aussieht, hat man doch immer das Bild des grossen Verf├╝hrers und Frauenhelden im Hinterkopf und meint deshalb vielleicht, dass ein m├Ąnnlicher Pianist seine Werke stimmiger und ├╝berzeugender ┬áinterpretieren kann. Es gibt ja viele St├╝cke von ihm, die Et├╝den etwa, die M├Ąnner und Frauen gleichermassen spielen. Aber es scheint doch spezifische Ausnahmen zu geben, und ausgerechnet mein angepeiltes St├╝ck geh├Ârt m├Âglicherweise dazu. Muss ich einsehen, dass die Aufgaben f├╝r die Geschlechter ganz streng verteilt sind? Nach dem Motto: Du spielst Liszt, ich krieg die Kinder? Nein, ganz so ist es nicht, wie gl├╝cklicherweise der Geburtstagsabend von Liszt auf Arte zeigte: in einer Sendung ├╝ber seine erste Lebensh├Ąlfte tauchten Richter und Brendel nur am Rande auf. Der Grossteil der Sendung wurde von den Pianistinnen Adrienne Krausz und Muza Rubackyt├ę bestritten, die sich scheinbar m├╝helos quer durch Liszts Oeuvre spielten. Da┬á sie auf historischen Instrumenten spielten, klang es nat├╝rlich delikater, als wenn zum Beispiel Richter mit ganzer Wucht zulangt. Trotzdem war es f├╝r mich ein ├╝berzeugender und g├╝ltiger Liszt. Und ein Ansporn, mich selber ein bisschen mehr anzustrengen!

Die anderen Grenzen sind fast noch unergr├╝ndbarer: wie kann ich mich wirklich so in einen Sch├╝ler hineinversetzen, dass ich ihm eine sinnvolle Hilfestellung geben kann? Nicht, dass ich in n├Ąchster Zeit in der Verlegenheit w├Ąre, dieses St├╝ck mit einem meiner Sch├╝ler durchzunehmen, aber wenn, dann w├╝rde ich es nur mit jemand machen, der mindestens so grosse H├Ąnde hat wie ich. Bei allen anderen h├Ątte ich Angst, dass sie sich etwas zerren oder ├╝beranstrengen und selber nicht wissen, wo der Punkt ist, an dem man aufh├Âren soll. Man muss seinen K├Ârper wirklich gut kennen f├╝r solche extremen St├╝cke oder andere anstrengenden Stellen. Wie bei ungewohnten┬á Gymnastik├╝bungen kann es am Anfang ziehen oder sogar leicht wehtun, bis man sich nach ein paar Tagen an die Belastung gew├Âhnt hat und die Zeit, in der man┬ásich mit solchen Stellen aufh├Ąlt, ausdehnen kann. Oder das Tempo ├Ąndern kann. Ich weiss genau, wie lange der Schmerz „angenehm“ ist und ab wann es gef├Ąhrlich wird, und ich weiss auch, wie ich diese Grenzen vorsichtig t├Ąglich erweitern kann, bis ich dr├╝berstehe. Bei einem Sch├╝ler h├Ątte ich Angst, dass er es vor lauter Enthusiasmus ├╝bertreibt und dann vielleicht wochenlang an┬á einer┬áSehnenscheidenentz├╝ndung leidet. Selbst wenn ich irgendwann weiss, wie ich selber diese „extremen“ Takte spielen soll, gestehe ich mir nicht zu, dass ich das auch jemand anderem erkl├Ąren kann, der sonst noch nicht auf dem Niveau dieses St├╝ckes ist. Das ist ganz sicher eine meiner Grenzen als Lehrerin, einfach, weil ich normalerweise keine so fortgeschrittenen Sch├╝ler unterrichte und darin keine Routine habe. Trotzdem sollte ich auch bei┬á einfachsten Man├Âvern mit Anf├Ąngern immer wieder bedenken, dass ich nicht genau weiss, was der kleine Mensch f├╝r ein K├Ârpergef├╝hl oder f├╝r eine Wahrnehmung
hat. Da hilft nur: immer wieder nachfragen und alle Antennen auszufahren.

Es ist noch relativ leicht, sich intellektuell in einen anderen hineinzuversetzen. Wenn ich eine Sch├╝lerin frage, welche Vorzeichen sie f├╝r E-Dur braucht und sie antwortet ÔÇ×3-4, 7-8ÔÇť, erkenne ich, dass sie zwei gl├╝cklicherweise verwandte Konzepte durcheinander gebracht hat, die wir schnell in ihrem Kopf sortieren k├Ânnen.

Wenn aber jemand klagt, dass ein bestimmter Griff wehtut, muss ich umfangreicher nachfragen: wann tut es weh? ├ťberhaupt oder wenn man ihn ├Âfter wiederholt? Sofort oder erst, wenn man die Stelle im Tempo spielt? Wo genau tut es weh, in der Hand, im Unterarm, und wo genau im Arm? Und wie schlimm? W├Ąre es auszuhalten, erst mal langsam mit den Takten anzufangen, oder geht es gar nicht? Klavierspielen soll generell nicht wehtun, und jeder Schmerz ist ein Warnsignal, dass wir dabei sind, Grenzen zu ├╝berschreiten. Ich finde es nach wie vor sehr heikel, f├╝r jemand anderen sp├╝ren zu wollen, wann es zu viel ist, und im Zweifelsfall legen wir das St├╝ck lieber
zur Seite und n├Ąhern uns dem Problem erst mal auf anderen Wegen, mit kleinen Et├╝den oder anderen passenden Vor├╝bungen. Und manchmal hilft es bei Sch├╝lern, die noch heftig dabei sind, zu wachsen, einfach ein Jahr abzuwarten ÔÇô in einem gewissen Alter muss man sich immer wieder bewusst machen, dass diese Menschen noch in der Entwicklung begriffen sind und in ein paar Monaten auf nat├╝rliche Weise ganz andere M├Âglichkeiten haben. In solchen F├Ąllen muss ich mich selber an den Spruch erinnern, dass man nicht an einem Grashalm ziehen soll, wenn man will, dass er w├Ąchst.

Ganz schwierig finde ich es, mich in die Gef├╝hlswelt eines anderen versetzen zu wollen. Manchmal gibt es sp├╝rbare psychische Barrieren, die einen reibungslosen Unterrichtsablauf beeintr├Ąchtigen, und es ist heikel, zu entscheiden, wann man das thematisieren oder sich ├╝berhaupt einmischen darf. Ich meine nicht die gan┬á normalen Tage, an denen ein Sch├╝ler in gedr├╝ckter Stimmung ankommt, weil er eine Klassenarbeit verhagelt hat oder ihm sonst eine kleine Laus ├╝ber die Leber gelaufen ist. Meistens schafft es der Szenenwechsel und die Tatsache, dass man sich mit etwas anderem besch├Ąftigt, dass nach ein paar Minuten wieder alles beim alten ist.
Manchmal muss der Sch├╝ler auch verbal Dampf ablassen ├╝ber die Ungerechtigkeiten seiner Welt ÔÇô die zwei Minuten Unterrichtszeit opfere ich gern, wenn wir uns
danach wieder aufs Musikmachen konzentrieren k├Ânnen. Schwieriger sind unterschwellige Blockaden, die ein Kind davon abzuhalten, sich nach seinen┬á M├Âglichkeiten einzubringen. Manchmal wird damit der einseitige Wunsch der Eltern, dass Klavier gespielt wird, sabotiert. Manchmal ist es eine mehr oder weniger bewusste Ablehnung eines Lebensstils, mit dem sich der Sch├╝ler nicht identifiziert. Es k├Ânnen Minderwertigkeitsgef├╝hle sein, weil der Sch├╝ler meint, im Vergleich mit anderen schlecht abzuschneiden. Es kann eine Abneigung gegen einen bestimmten Komponisten sein. Oder, ganz schlecht: das Klavierspielen f├Ąllt dem Kind aus irgendeinem Grund immer schwer, egal, was es versucht, es m├Âchte aber, weil es ein gutes Kind ist, mir und den Eltern alles recht machen, kommt bei allen Anstrengungen auf keinen gr├╝nen Zweig und wird immer deprimierter. Was in der Seele eines anderen vorgeht, offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Vieles soll ja auch privat bleiben. Doch wenn ich ├╝ber Monate merke, dass irgendein Knoten uns an den Fortschritten behindert, bleibt es nicht aus, dass ich mir Gedanken mache. Falls ein Kind von sich aus reden m├Âchte, h├Âre ich gerne zu. Manchmal wird der Unterricht aus vorgeschobenen anderen Gr├╝nden beendet ÔÇô auch in Ordnung, wie gesagt, ich m├Âchte mich nicht komplett ins Familienleben meiner Sch├╝ler einmischen. Und manchmal sp├╝re ich direkt die Erleichterung, wenn ich einem Sch├╝ler vorschlage, ein halbes oder ganzes Jahr Pause zu machen, weil es zur Zeit nicht so gut l├Ąuft. (Und: die meisten sind wieder gekommen!).

Vielleicht ist es ganz gut und diskreter, wenn es hier Grenzen gibt. Bei allen anderen k├Ânnen wir vorsichtig versuchen, sie auszuweiten, damit wir sie eines Tages ganz ├╝berschreiten k├Ânnen ÔÇô sowohl beim eigenen Spielen als auch beim Unterrichten.

P.S.: Noch mal zum grossen Virtuosen: ein kleines Privileg hat die Damenwelt immerhin, eine Art Doping… K├╝rzlich bekam ich eine Parf├╝mprobe eines sehr blumigen und sinnlichen Parf├╝ms von „Acqua di Parma“. Kurz nach dem Auftragen am Morgen entschied ich, dass der Duft f├╝r mich im Alltag absolut nichts w├Ąre. Beim Liszt-├ťben nahm ich ihn immer wieder wahr und fand ihn immer passender, so altmodisch und s├╝ss, wie aus einer vergangenen Zeit, als es noch keine Unisex-D├╝fte gab und Damen nach einzelnen, bet├Ârenden Bl├╝ten dufteten. Das Parf├╝m ist so un├╝blich, so sehr „too much“ wie manche St├╝cke von Liszt. Und auch so eindeutig zu definieren – f├╝ Chopin br├Ąuchte man einen viel zarteren und aus viel mehr Bestandteilen zusammengesetzen Duft, einen ungreifbareren. Diese Iris hier sagt in all ihrer S├╝sse ganz klar und selbstbewusst: hier bin ich, so bin ich, jetzt berauscht euch an mir. F├╝r mich die perfekte Erg├Ąnzung zu Liszt! Da der Duft sehr intensiv ist, kann ich mit meiner kleinen Probe noch ein paar inspirierende psychedelische ├ťbetage verbringen.

(ver├Âffentlicht in „Pianonews“ 2/2012)