Dressur vs. Entwicklung

1. September, 201108:28 von


Eine Sch├╝lermutter lieh mir k├╝rzlich Amy Chuas sehr konrovers diskutiertes Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“, der chinesisch-amerikanischen Juraprofessorin, die ihre Kinder mit zum Teil drakonischer H├Ąrte zu Bestleistungen trimmt. Wie meine Sch├╝lermutter sagte: es ist was ganz anderes, das Buch zu lesen als die vielen Feuilleton – und andere Artikel, die ├╝ber die Frau erscheinen. Wenn man nur Ausz├╝ge liest, kann man sich leicht der vorherrschenden Meinung anschliessen, dass sie zu Recht die meistgehasste Mutter Amerikas ist. Das Buch liest sich ├╝berraschend gut – vieles von ihrer Selbstironie geht in der allgemeinen Diskussion unter.

Dennoch – ich muss viel ├╝ber diesen Anspruch an sich selbst und seine Kinder nachgr├╝beln. (Und, ganz am Rand: ihr amerikanischer Mann muss ein Heiliger sein, um die beschriebenen h├Ąuslichen Szenen auszuhalten). Chua zeichnet ein plausibles Bild von ehrgeizigen Immigrantenfamilien, ihrem Erstaunen ├╝ber den laschen westlichen Erziehungsstil und ihrer Angst, dass die Leistungen der Familie in der dritten Generation, also der ihrer T├Âchter, nachlassen k├Ânnten. In diesem gr├Âsseren Zusammenhang sollte man ihre Ausf├╝hrungen auch lesen. Doch wenn sie sagt, dass chinesische Eltern f├╝r ihre Kinder als einzig m├Âgliche Berufe Arzt, Anwalt oder Professor sehen, muss ich stutzen. Unsere Gesellschaft w├╝rde schnell aufs Schlimmste zerbr├Âckeln, wenn wir nur noch h├Âchst ausgebildete Nachkommen h├Ątten. Genau so in der Musik: es kann einfach nicht jeder ein Spitzensolist werden, wir brauchen den ganzen Unterbau von „normalen“ Musikern, um ├╝berhaupt noch Orchester oder Musikschulen zunhaben.

Was ich wirklich kritisch sehe, ist, dass sie, die selbst kaum musikalische Vorbildung hat, die Musik als weitere Tummelfeld sieht, um den Charakter ihrer T├Âchter zu bilden und sie zu Spitzenleistungen zu bringen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es um die Sache an sich geht, oder Freude an der Musik, oder gar eine Nische zur Selbstentfaltung. Es geht nur darum, dass ihre T├Âchter m├Âglichst fr├╝h m├Âglichst schwere St├╝cke spielen, Wettbewerbe gewinnen, Gehorsam und Disziplin auf einer weiteren Ebene lernen, nachmittags nicht rumh├Ąngen oder sich gar mit anderen Kindern treffen. So traumhaft es f├╝r mich als Lehrerin w├Ąre, wenn meine Sch├╝ler jede Woche perfekt vorbereitet w├Ąren, und das jahrelang – erst mal w├╝rde ich erschrecken und mich fragen, was da schiefl├Ąuft und ob mein Sch├╝ler kein anderes Leben hat, und wenn ich die Hintergr├╝nde w├╝sste, w├╝rde ich denken: nicht um den Preis. Auf gar keinen Fall. Mir w├╝rde es keinen Spass machen,, mich mit hervorragenden Sch├╝lern zu br├╝sten, die unverh├Ąltnism├Ąssig viele Opfer f├╝r diese Leistung bringen m├╝ssen. Wozu? Man muss nicht mit zehn Jahren schon alles gespielt haben. Mir ist es viel lieber, die Ausbildung l├Ąuft moderat langsam, aber solide, und die Kinder haben Gelegenheit, sich emotional auch ausserhalb des Musikunterrichts zu entwickeln,
damit sie ihre St├╝cke mit Leben erf├╝llen und glaubhaft spielen k├Ânnen. Es muss Raum und Gelegenheit geben, dieses Leben kennenzulernen. Chua schirmt ihre T├Âchter ziemlich ab – zwischen Schule, Musikschule und Familie scheint es nicht viel zu geben. Ich h├Ątte Angst, dass da Defizite entstehen, die viel schlimmer sind als etwaige technische Defizite in der musikalischen Ausbildung. Wenn ein Kind gern und mit Freude vier Stunden am Tag ├╝bt, freue ich mich. Wenn man es unter Androhung von Strafen und unter Aufbringung von unheimlich viel Energie dazu bringt, jeden Tag seines Lebens, egal ob krank oder Ferien oder Geburtstag, unter Aufsicht vier Stunden zu ├╝ben, dann stimmt f├╝r mich was nicht.

Ich m├Âchte auch keine Sch├╝ler, die kritiklos alles ├╝bernehmen, was ich ihnen anbiete. Ich liebe Diskussionen mit meinen Sch├╝lern (naja, meistens…!), egal, welches Alter, weil ich ihnen damit helfen kann, ihren eigenen Geschmack und eine eigene Meinung zu entwickeln. Wenn das Resultat ist, dass ein Komponist erst mal jahrelang abgelehnt wird – auch in Ordnung, es gibt genug andere, und meistens kommt man in seinem Entwicklungsprozess irgendwann an den Punkt, an dem man alte Meinungen revidiert. Wichtig ist mir, dass sie ├╝berhaupt einen Standpunkt haben und sich auch trauen, den zu vertreten. Und, wenn sie nach einem Sch├╝lerkonzert gefragt werden, warum sie dieses St├╝ck gew├Ąhlt haben, nicht stammeln und stottern, sondern selbstbewusst ihren pers├Ânlichen Bezug zu dem St├╝ck erkl├Ąren k├Ânnen.

Wir brauchen keine weiteren Tausend Wunderkinder, die uns verbl├╝ffen. Wir brauchen Kinder, die gern und von ganzem Herzen Musik machen, die ihre Seele in die Musik legen k├Ânnen und dadurch zu innerem Gleichgewicht kommen, die ein Leben lang Freude an der Musik haben werden, egal, ob sie weiterhin selber spielen oder die Konzertbesucher von morgen werden. W├╝rde Amy Chua auf der Suche nach einem Lehrer meinen Lebenslauf lesen, w├╝rde sie mir ihre Tochter sicher nicht anvertrauen: meine Sch├╝ler haben nur bescheidene Erfolge in bescheidenen regionalen Wettbewerben und sind nur ganz normale Kinder. In dem Sinne bin ich keine erfolgreiche Lehrerin. Doch wenn mich ehemalige Sch├╝ler Jahre nach dem Abitur anrufen, mich aus Gewohnheit mit meinem M├Ądchennamen ansprechen und erz├Ąhlen, dass sie in einem tollen Klavierabend waren oder mal wieder Zeit hatten, jene Beethovensonate zu spielen – dann f├╝hle ich mich enorm erfolgreich und begl├╝ckt!

(ver├Âffentlicht in „Pianonews“ 6/2011)