Demut

1. Juni, 201108:24 von


Langsam beginne ich, meine „Zeugnisse“ zu schreiben – ein schriftlicher R├╝ckblick ├╝ber das vergangene Schuljahr, in dem ich festhalte, was f├╝r Literatur verwendet wurde, was gut gelaufen ist, und als Ausblick: woran wir im n├Ąchsten Schuljahr besonders arbeiten m├╝ssen. Ich muss mich sehr anstrengen, um pro Sch├╝ler eine DinA4-Seite nicht zu ├╝berschreiten, denn schliesslich haben die Eltern mehr zu tun, als Beobachtungen, die f├╝r mich so bedeutsam sind, zu lesen…

Nat├╝rlich bleibt es nicht aus, dass man im Kopf Quervergleiche zieht, auf Erfahrungswerte zur├╝ckgreift oder einfach die aktuellen Sch├╝ler miteinander vergleicht. In diesem Fall, und wenn es nur in meinem Kopf bleibt, hat es ja nichts Destruktives. Und ich bin jedes Jahr wieder auf der Suche nach DEM Rezept, nach DEM Wundermittel, um Kinder m├Âglichst schnell und effektiv fit zu machen auf dem Klavier. Ich glaube, dieses Jahr bin ich ihm ein bisschen auf
die Spur gekommen. Allerdings ist es kein Zaubertrank, den man den Kindern auf die Finger spr├╝hen k├Ânnte, sondern es ist eine in der heutigen Zeit seltene Eigenschaft, die die Sch├╝ler schon in sich haben m├╝ssen: Demut.

Letzten Herbst haben zwei Siebzehnj├Ąhrige bei mir angefangen. Das ist extrem sp├Ąt. Bis auf wenige noch sp├Ąter berufene Erwachsene hatte ich noch nie so „alte“ Anf├Ąnger, doch beide schienen sehr motiviert und hatten so sehr den Wunsch, Klavier zu spielen, dass ich zustimmen musste. Nat├╝rlich habe ich mir den Kopf zerbrochen, mit welcher Literatur wir beginnen. Auch wenn sie vielleicht schon Noten im Violinschl├╝ssel lesen konnten und sich generell mehr auskannten als Sechsj├Ąhrige, wollte ich nicht zu viel voraussetzen und vor allem keine wichtigen Schritte auslassen. Und so entschied ich mich mit halb schlechtem Gewissen f├╝r Kinder- Klavierschulen – einmal f├╝r „Mein erstes Jahr Klavierunterricht“, weil es von einer Freundin vorhanden war, einmal f├╝r die „Klavierboutique“, weil die immerhin etwas schneller vorangeht. Wie gesagt, ich kam mir selbst etwas komisch dabei vor, ausgewachsene Jugendliche, die F├╝hrerschein machen und leider noch nicht erwachsen genug sind, um nicht zu rauchen, mit diesen Babyschulen mit bunten Bildchen zu konfrontieren. Aber es war ein guter Weg, und beide haben sich mit sehr wenig Grummeln diesem Vorschlag unterworfen und ganz ernsthaft die Grundlagen gelernt und ge├╝bt. Zusammen mit den Burnam-├ťbungen, meinen eigenen F├╝nfton-├ťbungen und sp├Ąter Tonleitern hatten wir nach drei, vier Monaten eine gute Basis, um begleitend zur Klavierschule mit etwas spannenderen kleinen St├╝cken zu beginnen. Inzwischen sind sie bei leichteren Chopin-Walzern und Pr├ęludes angelangt, spielen Satie und Burgm├╝ller, nat├╝rlich „River flows in you“ und Yann Tiersen rauf und runter. Der eine hat beim Sommerkonzert wundersch├Ân den ersten Satz der Mondscheinsonate gespielt, aber so, als w├╝rde er schon mehrere Jahre spielen und nicht nur Monate. Und ich bin ├╝berzeugt: das Geheimnis liegt bei beiden in ihrer dem├╝tigen Grundhaltung. Darin, zu beschliessen: ich durchlauf im Schnelldurchgang, aber Schritt f├╝r Schritt und ohne was auszulassen, diese ganze Prozedur und bin nicht zu cool f├╝r Babyst├╝cke. Ich verlass mich drauf, dass die Lehrerin weiss, was gut f├╝r mich ist, und mach das einfach, egal, wie bl├Âd es im Moment klingt.

Das andere Extrem hatte ich leider viel, viel ├Âfter, seit ich unterrichte: Sch├╝ler, die sich zu gut sind f├╝r eine Klavierschule. Die nach k├╝rzester Zeit mit eselsohrigen Raubkopien ankommen und nach einem Jahr F├╝r Elise, die Sonata facile oder gleich ein Chopin-Nocturne spielen wollen und alle Zwischenschritte oder technischen ├ťbungen als sinnlose Zeitverschwendung ansehen. Eltern, die mir vorrechnen, dass eine Freundin der Kleinen nach vier Jahren aber dieses oder jenes St├╝ck gespielt habe und ihr Kind jetzt gef├Ąlligst auch soll. Eltern, die ungebeten gleich mal Noten kaufen und erwarten, dass es so funktioniert. Kurz: Leute, die pushen und denken, dass man mit Gewalt schneller vorankommt und Klavierspielen an einem einzigen St├╝ck lernen kann.

Ich merke erst jetzt, wie „erwachsen“ und reif meine grade noch nicht vollj├Ąhrigen Anf├Ąnger dieses Jahr sind. Wieviel Weisheit sie zeigen, indem sie dem├╝tig alles gemacht haben, was ich verlangte. Dass sie, frei nach Pascal Mercier, nicht tanzen wollten, bevor sie laufen konnten. Und wie viel Energie freigesetzt wird, wenn sie eine gutgelaunte Lehrerin haben, die zufrieden ist, weil alles nach ihrer Pfeife tanzt und keine kr├Ąfteraubenden Grundsatzdiskussionen stattfinden m├╝ssen… So eine von gegenseitigem Vertrauen gepr├Ągte Unterrichtssituation ist sicher der Idealfall. Doch wenn ich im R├╝ckblick feststelle, dass das Lernen wie im Zeitraffer stattfinden kann und man im Lauf eines Jahres dahin kommen kann, wof├╝r andere sieben Jahre ben├Âtigen, dann frage ich mich: warum sollte man sich mit weniger zufrieden geben?

(ver├Âffentlicht in „Pianonews“ 5/2011)