Ausreden: Innerer Kritiker

13. April, 201108:45 von


Egal, wie alt ich werde, bleibt meine Lieblingsausrede, dass andere es ohnehin besser k├Ânnen. Inzwischen weiss ich, dass es schon immer so war und immer so bleiben wird. Aber ist das ein Grund, seine Kunst zu vernachl├Ąssigen? Es sollte uns anspornen und jeden Tag neu motivieren, auch so gut zu werden. Und obwohl es messbare Kriterien gibt, was gut ist und was nur mittelm├Ąssig, k├Ânnten wir versuchen, es wertfreier zu formulieren: die anderen spielen es anders. Wir bem├╝hen uns um die bestm├Âgliche Interpretation, beachten die Tempovorschriften ganz genau, ├╝ben und ├╝ben, bis wir auch die schwersten L├Ąufe in diesem Tempo meistern k├Ânnen, und auch wenn es dann nicht die g├╝ltige Auff├╝hrung wird, ist es doch unsere ganz individuelle, mit der wir unsere eigene Botschaft ├╝berbringen k├Ânnen. Wenn ich an die paar bemerkenswerten Auff├╝hrungen zur├╝ckdenke, die man in einem Leben ├╝berhaupt erleben kann, dann kann┬á ich nicht mehr sagen, ob die Metronomzahlen exakt gepasst haben oder alle Zweiunddreissigstel gleich brillant waren ÔÇô was mich in dem Moment ber├╝hrt hat, war etwas ganz anderes: ein zeitloser Moment der Kommunikation mit einem l├Ąngst verstorbenen Komponisten, ein Blick in die Ewigkeit und das Gef├╝hl ÔÇ×genau so ist es gemeintÔÇť. Unser h├Âchstes Ziel sollte es nicht sein, so perfekt wie eine bewunderte Aufnahme zu werden, sondern so gut zu spielen, dass wir unsere Zuh├Ârer in der Seele ber├╝hren.

Eine andere innere Stimme, die genau so destruktiv wirken kann, sollten wir auch ignorieren: den immer gegenw├Ąrtigen inneren Kritiker. Man kann ihn auch Zweifel oder Skepsis nennen ÔÇô letzlich ist es ein seltsamer Teil von uns, der unsere kreativen Bem├╝hungen sabotieren will und dem wir nur zu leicht nachgeben. Soll ich wirklich einen Kuchen mitbringen, wenn XY kommt, die es so viel besser kann? Soll ich ihr was Selbstgestricktes schenken, wo sie doch viel Sch├Âneres produziert? Wieso soll ausgerechnet ich Ravel spielen k├Ânnen, mir fehlt die ganze Eleganz und Leichtigkeit? Dieses Ph├Ąnomen wird von Julia Cameron in ÔÇ×Der Weg des K├╝nstlersÔÇť beschrieben, und erst, als ich es in ihren Worten las, wurde mir der ganze Sachverhalt bewusst. L├Ąsst man sich auf zerm├╝rbende Diskussionen mit dem inneren Kritiker ein, ist das Projekt in genau dem Moment zum Scheitern verurteilt, vor allem, wenn es sich in einem fr├╝hen Stadium befindet. Man kann ja erst mal arbeiten und ├╝ben und dann eine wohlwollendere, aber auch kritische Bestandsaufnahme mit dem Skeptiker unternehmen. Selbstkritik ist unerl├Ąsslich und auch eine hohe Kunst. Wir sollten jedoch nicht zulassen, dass sie auf destruktive Art alle unsere Bem├╝hungen im Keim erstickt.