Ausreden: Kunst und K├╝nstler

1. April, 201108:44 von


Als mir k├╝rzlich bewusst wurde, dass ich ohne triftigen Grund und quasi aus Versehen fast 20 Jahre gewartet habe,┬á um ein bestimmtes St├╝ck einzustudieren, fing ich an zu ├╝berlegen, was uns manchmal an der Aus├╝bung unserer Kunst hindert. Wenn ich mein Klavierspielen, mein Schreiben, mein Kochen und Backen, kurz meine ganzen kreativen Bet├Ątigungen ganz hochgestochen┬á als ÔÇ×KunstÔÇť bezeichnen darf, bemerke ich den grundlegenden Unterschied, dass die Musik einfach mit akustischen Emissionen verbunden ist, die von anderen als st├Ârend empfunden werden k├Ânnten. Daher sind die Zeiten, in denen man ernsthaft am Klavier und nicht am E-Piano ├╝ben kann eingeschr├Ąnkt. Was wieder Raum f├╝r Ausreden geben k├Ânnte. Seit ich entdeckt habe, wie gern ich schreibe, merke ich, wie produktiv ich in den ganz fr├╝hen Morgenstunden bin. Wie sch├Ân w├Ąre es, wenn ich diese Energie auch f├╝rs Klavierspielen nutzen k├Ânnte! Manchmal habe ich abends auch noch mal ein kreatives Hoch, wenn ich im Advent am Marmortisch im Wintergarten endlos und selbstvergessen Pl├Ątzchen zusammensetze und verziere. Doch normalerweise bin ich immer an feste ├ťbezeiten gebunden und muss meinen Tag entsprechend ausrichten. Wenn die Muse dann grade Pause hat, kann alles etwas m├╝hsam werden ÔÇô aber ich habe gelernt damit umzugehen.

Das d├╝rfte aber die einzige ├Ąusserliche Ausrede sein, warum man etwas vor sich herschiebt. Alles andere ist selbstgemacht. Es geht schon mit dem Selbstverst├Ąndnis los, dass ich mich schwertue, meinen Lebensinhalt als ÔÇ×KunstÔÇť zu bezeichnen. Aber was soll es sonst sein? Es ist definitiv etwas, das ├╝ber den Alltag hinausgeht und im besten Fall Jahrhunderte ├╝berdauert. Kunst bringt Sch├Ânheit, Trost und Sinn in unser Leben. Gerade weil immer wieder daran gespart wird und ├╝berlegt wird, wie viel davon in der allgemeinen Bildung n├Âtig und bezahlbar ist, sollten wir uns selbstbewusst daf├╝r einsetzen. Einfach mit dem Argument, wie die Welt denn ohne Kunst auss├Ąhe ÔÇô eine Hochzeit ohne Musik, ein kahles Krankenhaus ohne Bilder an den W├Ąnden, ein stummes Tanzvergn├╝gen. Egal, wie bescheiden unsere Anstrengungen sind, sollten wir uns trauen, sie als ÔÇ×KunstÔÇť zu bezeichnen und ihnen eine Daseinsberechtigung in unserem Leben zugestehen. Es mag egoistisch erscheinen, sich am Tag eine Stunde ganz f├╝r sich allein zu reservieren. Doch wenn man sich bewusst macht, dass es letzlich der geistigen und seelischen Ausgeglichenheit dient und wir dadurch f├╝r unsere Umwelt umg├Ąnglicher werden, ist die Zeit gut investiert.

Zum Selbstverst├Ąndnis geh├Ârt es auch, das Bild des K├╝nstlers anders zu definieren. Mit einem ÔÇ×richtigenÔÇť K├╝nstler verbindet man sch├Âpferisches Chaos, kreative Anf├Ąlle mitten in der Nacht und daraus resultierend wenig b├╝rgerliche Schaffenszeiten, ein unkonventionelles Leben, exzentrisches Verhalten, exzessive Gen├╝sse. Sicher gibt es einige, die wirklich so sind, aber genau so sicher gibt es mehr als genug, die nur so tun, als ob, und alle vermeintlichen Vorteile dieser Sonderstellung mitnehmen wollen. Mein Vorbild eines kreativ Schaffenden sind Thomas Mann und Richard Strauss, die sich Morgen f├╝r Morgen in ihrem b├╝rgerlichen Heim an ihren b├╝rgerlichen Schreibtisch gesetzt haben und einfach diszipliniert vier Stunden lang geschrieben haben. Was bei dieser Konsequenz und Zur├╝ckgezogenheit entstanden ist, ist atemberaubend. Und auch wenn das, was wir produzieren, im Vergleich zu diesen Gr├Âssen h├Âchst bescheiden ist und eigentlich nicht in einem Atemzug mit den beiden genannt werden sollte, spornt es mich an, nicht nur Hausfrau und Lehrerin zu sein, sondern in meiner kleinen Welt auch ÔÇ×K├╝nstlerinÔÇť. Und zwar in einem Umfang, in dem ich mich selber wohl f├╝hle. Wenn die B├╝gelw├Ąsche liegen bliebe, k├Ânnte ich nicht mehr entspannt ├╝ben. Andererseits kann ich aus dem Kuchenbacken oder G├Ąrtnern auch ein kreatives Ereignis machen, das meine Seele tagelang befriedigt. Und mich wieder zu anderem inspiriert. Ich bin sozusagen eine ÔÇ×undercoverÔÇť-K├╝nstlerin, und das ist im Moment genau das Richtige: ich kann verschiedene Lebensstile vereinen, mich ausleben und trotzdem genug f├╝r meine Umwelt da sein. Wahrscheinlich muss man sich vom ÔÇ×ganz oder gar nichtÔÇť- Anspruch verabschieden. Auch wenn man auf diese Art nie die h├Âchsten H├Âhen erklimmen wird, kann man doch ein sehr reiches und erf├╝lltes Leben f├╝hren. Und das ist sicher besser, als die Kunst ganz auszuklammern und unbewusst deshalb frustriert zu sein.

(in einer l├Ąngeren Version ver├Âffentlicht in „Pianonews“ 6/2012)