„Hingabe an seine Arbeit“

12. Februar, 201108:29 von


„Es war tr├Âstlich zu wissen, dass sie doch nicht ganz so merkw├╝rdig war, dass es noch andere Menschen gab, die Freude an stillen Herausforderungen und einem ruhigen Leben fanden. Menschen, die so sehr in ihren Gedanken wie in der realen, dinglichen Welt lebten. Es erinnerte sie daran, dass wahre Hingabe an seine Arbeit, an seine Kunst – egal wie klein oder geringf├╝gig diese auch erscheinen mochte – in Wahrheit einen Glauben und eine feste Bindung an das Leben ausdr├╝ckte.“

Daphne Kalotay, „Die T├Ąnzerin im Schnee“

Eigentlich sollten dieses Zitat und das Bild der ganze inspirierende Artikel sein, doch drei Stunden nach der Ver├Âffentlichung hatte ich meine Schw├Ągerin auf dem Anrufbeantworter: „Du hast in deinem neuen Artikel anscheinend den Titel vergessen, deshalb k├Ânnen wir ihn nicht ganz lesen. ├änder das mal, wir sind schon gespannt.“ Nun ja. Warum hat mich diese Passage aus dem Roman so angesprochen?

Vorgestern war ich bei meinem wirklich netten Steuerberater, der zum Abschluss unseres Gespr├Ąchs meinte: „Ich k├Ânnte nie Kinder unterrichten!“, worauf ich voller Inbrunst entgegnen konnte „Ich k├Ânnte mich nie den ganzen Tag mit Steuerangelegenheiten befassen!“. Und schon fr├╝her merkte ich, dass ihm leicht schleierhaft ist, was ich eigentlich den ganzen Tag treibe. Laut eigener Aussage kennt er sich ├╝berhaupt nicht mit Musik aus. Ich denke, da ist er repr├Ąsentativ f├╝r den gr├Âssten Teil der Bev├Âlkerung. Und dann gibt es die, die sich durchaus auskennen und glauben oder wissen, dass Instrumentallehrer nicht unbedingt Grossverdiener sind und eigentlich eher unser Mitleid verdienen. Manchmal macht es mich richtig traurig, wenn ich sp├╝re, wie wenig Ansehen unser Beruf in einer Welt hat, in der Kompetenz und Erfolg┬áhaupts├Ąchlich am Kontostand gemessen werden. Andererseits bin ich es leid, mich zu rechtfertigen, dass es mir gar nicht so schlecht geht. Sogar so gut, dass ich einen Steuerberater brauche! Und mein immaterieller Reichtum, der sich anh├Ąuft aus Fortschritten,Wettbewerbserfolgen oder gelungenen Konzertauftritten ┬ámeiner Sch├╝ler, ist so gross, dass ich froh sein kann, dass man den nicht auch noch versteuern muss. Wenn, dann sollte das unter „Vergn├╝gungsteuer“ fallen…

Auf dem Heimweg am Fluss entlang war ich dann doch nachdenklich, ob man sich in unserer Gesellschaft so ausschliesslich der Sch├Ânheit und Pflege unseres kulturellen Erbes widmen darf. Ob es nicht moralisch besser w├Ąre, Leben zu retten, Leid zu lindern, oder zumindest andere sicher durch den Paragraphendschungel der Steuergesetzgebung zu leiten. Wenn es sein m├╝sste, k├Ânnte ich sicher auch ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein. Doch ich bin in der luxuri├Âsen und geschichtlich sicher nicht oft dagewesenen Lage, mich als Frau einfach meinen Neigungen widmen zu k├Ânnen. Also zum Broterwerb! Und mir ist klar, dass die Musik┬á meinem Leben viel Sinn gibt. Wie es oben heisst: dass wahre Hingabe an seine Arbeit den Glauben an das Leben ausdr├╝ckt. Und ich bin in der wundersch├Ânen Lage, dass diese Arbeit nicht mit dem Erreichen irgendeines Rentenalters vorbei sein muss. Ich weiss nicht, ob die Kinder noch so gern zu mir kommen, wenn ich mal alt und runzlig bin, aber ich kann hoffentlich immer noch spielen und schreiben, und ich werde jeden Tag etwas haben, f├╝r das es sich aufzustehen lohnt. Deshalb halte ich mich f├╝r unglaublich reich und privilegiert!

Als nachmittags ein Sch├╝ler in letzter Minute absagte, machte ich mir einen Tee und vertiefte mich auf dem Sofa wieder in „Die T├Ąnzerin im Schnee“. (Genau so stellt sich mein Steuerberater wahrscheinlich mein Dasein vor…) Und dann stolperte ich ├╝ber diese Stelle – es war wie ein Wink vom Schicksal, ich f├╝hlte mich best├Ątigt in dem, was ich tue, und dachte gleich“ Das muss in den Blog!“. Auch, um diesen wunderbaren Roman ein bisschen bekannter zu machen. Eine Zufallsentdeckung in der Buchhandlung letztes Wochenende, als ich mich┬áf├╝r die vielen Extraproben,┬áExtrakonzerte und den anstrengenden „Jugend musiziert“-Tag selber belohnen wollte. Ich g├Ânne mir sehr selten gebundene B├╝cher, obwohl ich die viel lieber habe. In diesem Fall bin ich richtig froh, dass ich zugeschlagen habe, denn ich werde es jedem aufs Auge dr├╝cken, der es leihen mag! ┬áEs ist eins der B├╝cher, bei dem man┬árichtig k├Ârperlich traurig wird, wenn man es zu Ende gelesen hat. Und – ich habe┬áam gleichen Abend noch mal ┬áin der zweiten H├Ąlfte angefangen, weil ich die Figuren noch nicht verlassen wollte und auch den beneidenswerten Schreibstil von Daphne Kalotay weiter geniessen wollte. Zur allgemeinen Handlung findet man genug im Internet, nur kurz zu den beiden Personen, die das Zitat betrifft: sie hat Kunstgeschichte studiert und ist Juwelenexpertin f├╝r ein Auktionshaus, er ist Professor f├╝r russische Literatur und ├╝bersetzt das ├╝bersichtliche Werk eines kaum gelesenen Lyrikers. Was f├╝r eine wunderbare Best├Ątigung f├╝r mich, dass es Leute gibt, die ├Ąhnlich exotische Berufe wie ich haben und trotzdem eine Daseinsberechtigung auf dieser Welt! Das war genau das, was ich an diesem Tag gebraucht habe!