Weihnachtsfeier mit meinen Sch├╝lern

23. Dezember, 201016:51 von


Kurz bevor meine Sch├╝ler zum Adventskonzert kommen, drehe ich eine letzte Runde durchs Wohnzimmer. Die zus├Ątzlichen St├╝hle passen wunderbar – wir werden alle bequem Platz haben. Die Lichterketten an den Fenstern sind an, ich z├╝nde die letzten Kerzen auf dem Kamin und dem Wohnzimmertisch an, habe es geschafft, mich umzuziehen, bunte Teller, drei Thermoskannen mit Tee und den dazu n├Âtigen Tassen herzurichten, und w├Ąhrend ich zufrieden den grossen goldenen Teller betrachte, auf dem rote Kugeln und Mandarinen im Schein der Teelichter leuchten, durchf├Ąhrt mich schon wieder so ein Angstblitz: wohin mit den siebzehn Jacken?! ├ťber die Schuhe hatte ich mir ja schon hinreichend Gedanken gemacht, ohne zu einer L├Âsung zu kommen. Wie konnte ich die Jacken ausblenden? Da klingelt es, und die ersten Kinder trappeln freudestrahlend herein, mit Schnee an den F├╝ssen und Eishauchwolken vor den Gesichtern.

H├Ątte mir jemand gesagt, dass ich mich im gef├╝rchteten Garderobenmoment auch noch um vier wundersch├Âne Winterstr├Ąusse k├╝mmern muss, h├Ątte ich vielleicht ├╝ber ein Hausm├Ądchen nachgedacht… Aber so nimmt alles seinen nat├╝rlichen Lauf. Durch die Enge im Flur ist das Eis schnell gebrochen, die Stiefelchen h├Ąufen sich und die Oberbekleidung organisiert sich planlos zu einem immer h├Âheren Jackengebirge, aus dem einzelne Schals und M├╝tzen purzeln. Es sah noch nie so chaotisch aus bei uns. Trotzdem ist alles gut.

Mir f├Ąllt immer wieder auf, wie anders meine Sch├╝ler sich verhalten, wenn die Eltern nicht dabei sind. Wenn sie allein sind, ist es nat├╝rlich eklatant, aber auch jetzt in der Gruppe ist alles ein bisschen – hm, inoffizieller, entspannter, lustiger? Ich tue mich schwer, es zu beschreiben, denn nat├╝rlich sind die Kinder zuhause am „inoffiziellsten“, und so kenne ich sie ja gar nicht. Aber jetzt herrscht sofort eine fr├Âhliche Atmosph├Ąre, die fast etwas komplizenhaftes hat, obwohl die Kinder vom Alter her sehr unterschiedlich sind. Von f├╝nf bis sechzehn ist alles vertreten, und oft nur ein Kind pro Jahrgangsstufe. Wirklich sehr unterschiedlich, aber eigentlich so, wie es fr├╝her in den grossen Familien war. Ach so, und die meisten kannten sich noch nicht! Doch die ersten Kichermomente vereinten┬áuns bald, sp├Ątestens nachdem eine der Kleineren kl├Ąglich meinte: „das wird so fl├╝ssig!“ und mir ihre Hand mit der total verformten, schmelzenden Lindorkugel hinhielt, die sie vorher beim R├Ątselraten gewonnen hatte. Zwischen den St├╝cken gab es kleine R├Ątselfragen zur Musik oder zu Theorie, und die Pr├Ąmie in Form von Lindor war so begehrt, dass selbst Geschwister, w├Ąhrend sie spielten, sich die Kugeln nicht gegenseitig zur Aufbewahrung ├╝berliessen, sondern sie lieber mit zum Fl├╝gel nahmen… Ich liebe es, meine Sch├╝ler von dieser Seite kennenzulernen!

Und es ist wundersch├Ân f├╝r mich, ihnen an so einem besonderen Tag, auf den wir lange hingearbeitet haben, zuzuh├Âren. Ich bin froh, dass dieses Vorspiel ohne Eltern war, denn auch f├╝r mich war es das erste Mal, dass ich viele von ihnen in so einer Situation erlebt habe. Es ist immer wieder erstaunlich, wie eigentlich selbstbewusste und forsche Kinder dann auf einmal verzagt und sehr, sehr dezent spielen – alles ist richtig und wunderbar, aber sie trauen sich nicht so recht, das auch f├╝r alle h├Ârbar zu machen. Das sind dann so Sachen, die wir vor dem n├Ąchsten Konzert ausb├╝geln k├Ânnen. Normalerweise bin ich penibel mit meiner Zeitplanung, aber durch die vielen Weihnachtslieder und eine eher freiwillige Gestaltung des Programms kamen wir gestern auf 90 Minuten – viiiel zu lang! Dennoch herrschte bis zum Schluss Ruhe und Aufmerksamkeit. Und nach meiner Einladung, oben im Esszimmer noch was zu sich zu nehmen, gingen wir auch in Sekundenschnelle in ruhiger, geordneter Prozession die Treppe hinauf – keiner blieb zur├╝ck, keiner kasperte und ich fand es nur lustig, wie die Aussicht auf eine Kleinigkeit zu essen die Massen beruhigen kann. Da die St├╝hle noch unten waren, standen wir zu achtzehnt um unseren grossen Esstisch. So wie vorher der Fl├╝gel die Hauptperson war, war es jetzt der Tisch und die Speisen darauf. Ich stand an einem Ende, schenkte immer wieder Tee nach und am├╝sierte mich dar├╝ber, dass sich die Keksteller nur langsam leerten, am anderen Ende mit den Chips aber ziemliche Stille und unentwegtes Knurpsen herrschte. Irgendwann im Advent ist man einfach abgef├╝llt mit S├╝ssem! Diese Minuten, als wir stehend vor uns hin assen und tranken, waren f├╝r mich die sch├Ânsten des Tages – diese Einigkeit und Harmonie, die vielen kleinen K├Âpfe, die sich ├╝ber Teller beugten, die Becher, die immer wieder zu mir gestreckt wurden. Der Fotoapparat lag hinter mir, und es w├Ąre sicher ein ganz goldiges Bild geworden, aber ich entschied mich bewusst dagegen. Ich sp├╝rte, dass der Moment viel zu sch├Ân zum fotografieren ist und ohnehin unvergesslich.

Nach und nach kamen die Eltern dazu und blieben auch noch auf einen Tee. Unser Esszimmer war noch nie so voll, und es war selten so lustig! Und nachdem der Jackenberg sich auf nat├╝rliche Weise wieder abgebaut hatte und die letzten gegangen waren, r├Ąumte ich nur schnell die Tassen in die Sp├╝lmaschine, die ├╝brigen Kekse in ihre Dosen, f├╝tterte das Katerchen, zog meinen Lippenstift nach und┬ámachte mich auf┬ázur n├Ąchsten Weihnachtsfeier. Als ich die Haust├╝r hinter mir zuzog, dachte ich: Gl├╝ckwunsch, das habe ich noch nie gemacht! Kr├╝mel auf dem Boden, Schneepf├╝tzen im Flur, leichteres Chaos in der K├╝che, und ich dreh allem nur den R├╝cken und es ist in Ordnung! Vielleicht werde ich doch noch zur entspannten Hausfrau, das w├Ąre gut. Und noch was habe ich heute gelernt: versch├Ąmt habe ich eine Packung Dominosteine zwischen meine eigenen Kekse verteilt und – keiner hats beanstandet oder kommentiert! Vielleicht darf man manchmal auch was Gekauftes anbieten?