Körpergedächtnis Teil I

3. März, 201118:38 von


Eine Freundin hat uns Gänseeier mitgebracht von ihren eigenen Gänsen. Ich habe zum ersten Mal im Leben eines in der Hand und wundere mich, wie überdimensioniert und schwer es ist. Man staunt über die veränderten Proportionen – als würde man nur Geigen kennen und plötzlich ein Cello sehen. Wir freuen uns auf ein grosses Rührei zum Frühstück. Doch als ich das Ei am Pfannenrand aufschlagen will mit der üblichen, jahrzehntelang an Hühnereiern praktizierten kurzen Handgelenksbewegung, tut sich ÜBERHAUPT nichts. Wirklich gar nichts! Ich versuche es noch mal, und noch mal, mit immer zunehmender Kraft, und ich wundere mich, wie unglaublich stabil und hart die Schale ist. Bald hämmere ich mit Gewalt auf die Pfanne ein und komme mir vor wie der Vogel im Fernsehen, der mit einem Stein im Schnabel ausdauernd ein Straussenei attackiert. Irgendwann habe ich es geschafft. Doch beim zweiten Ei ist es wieder dasselbe. Mein Körper hat einfach die Bewegung gespeichert, die man zum Eieraufschlagen braucht, gleichzeitig mit der Information „Vorsicht, nicht zu schnell, es könnte eine Sauerei geben!“, und ich muss mich richtig überwinden, fest auf die Pfanne zu hauen. Wenn ich morgen mit den restlichen Eiern den geplanten Napfkuchen backe, wird wieder alles anders sein, da sich die Eierschalen am Rand der Rührschüssel wieder unterschiedlich verhalten werden. Und wahrscheinlich müsste ich Hunderte von Gänseeiern aufschlagen, um ein Gefühl für die Schnelligkeit und Stärke der Bewegung ins Handgelenk zu bekommen, die es dazu braucht.

Als der riesige Dotter endlich in der Pfanne brutzelt, bin ich mal wieder verblüfft, wie gut sich der Körper selbst feinste Bewegungen merkt. Mir fallen Schüler ein, die aus welchen Gründen auch immer nur ein E-Piano haben und hier im Unterricht immer zu leise und zaghaft spielen. Kein Wunder! Unsere Finger speichern das Tastengewicht und die Schnelligkeit, die es für eine bestimmte Lautstärke oder Anschlagsart braucht, ab, und zwar jedes Mal wieder, wenn wir diese Tasten berühren. Deshalb spiele ich auch vor Konzerten nicht mehr auf einem anderen Klavier in irgendeinem Einspielraum, wenn ich mich vorher auf dem Flügel im Saal einspielen konnte, denn es gibt auch ein ganz kurzfristiges Fingergedächtnis. Und kleine Fingerchen, die noch formbar und beeinflussbar sind, sollten für ihr tägliches Üben nur „richtige“ Tasten kennen mit einem bestimmten Gewicht und einem echten Hammer am anderen Ende. Man spart wirklich am falschen Ende, wenn man denkt, dass für Anfänger irgendein ausgeleiertes altes Klavier oder gar ein E-Piano schon passt. Gerade die Kleinsten sollten den besten Unterricht und angemessene Instrumente haben, denn hier wird der Grundstein gelegt für das ganze spätere Verhalten. Was man hier versäumt, kann nur schwer und mühsam nachgeholt werden. Hat man Bewegungen und Gewohnheiten erst mal anders verinnerlicht – ich will nicht sagen, dass sie falsch sind, aber sie führen einfach nicht zum gewünschten Ergebnis – ist es extrem schwer, sie zu ändern. Das kann jeder ausprobieren, indem er sich einmal mit der anderen als der üblichen Hand die Zähne putzt. Es ist erstaunlich, was hier schon feinmotorisch abläuft. Und wie viel mehr noch beim Klavierspielen passiert, wo man jahrelang geduldig gewisse Bewegungen einübt und immer wiederholt.

(Teil II folgt nächste Woche)