Vom Inn an die Adria: Trieste

Städte am Meer üben eine besondere Anziehungskraft auf mich aus, und mein Vater inspirierte mich dazu, Joyce und Rilke zu lesen – auf deren Spuren im Süden wollte ich schon lange wandeln. Wenn es dann wahr wird, ist es doch so unfassbar, dass die Seele danach noch tagelang hinterherhinkt und viel später wieder zuhause ankommt als der Körper. Vielleicht auch, weil Triest relativ nah ist (vielleicht der nächstgelegene Meeresstrand zu Wasserburg?) – nach fünfeinhalb Stunden entspannter Fahrt auf der völlig leeren Tauernautobahn stiegen wir in Duino am Hafen aus dem Auto, setzten uns in der Sonne auf die Hafenmauer und zogen im Lauf der Minuten immer mehr aus… So ein abrupter Klimawandel ist für mich auch immer wieder unfassbar! Und das Licht! Und die Möwen! Tatsächlich war es uns bald zu warm und zu hell (meine Sonnenbrille ist längst unauffindbar im Winterschlaf).

Ich war gespannt darauf, was für eine Stadt Triest ist. Ganz am äussersten Rand Italiens gelegen und mit einer wechselvollen Geschichte im 20. Jahrhundert – erst fast 600 Jahre österreichisch, dann nach dem 1. Weltkrieg plötzlich italienisch, dann besetzt, dann ein freies Territorium und ein Gezerre zwischen Jugoslawien und Italien und erst ab 1975 definitiv italienisch – könnte es eingeschlafen und auf dem Abstellgleis wirken. Das Gegenteil ist der Fall, Triest ist definitiv italienisch. Nicht nur, weil im römischen Amphitheater die Katzen unbehelligt hausen, sondern weil die Einwohner eindeutige Italiener sind. Der Verkehr und die Parkplatzsuche am Freitag um halb fünf war derart rasant und infernalisch, dass ich meinem Brüderchen ewig dankbar sein werde, dass er sich ans Steuer setzte und und das Auto auch tatsächlich parken konnte – am Krankenhaus vor der Notaufnahme, wo ich mit meinen zerrütteten Nerven genau richtig war… Durch die Lage am Meer wimmelt es stadteinwärts an Einbahnstrassen. Oft dreispurig, aber gern fünfspurig befahren. Wir haben uns gefragt, warum an den Bushaltestellen solche Menschentrauben stehen und spätestens da wurde klar, dass das die beste Art ist, sich in Triest fortzubewegen. Ausser man hat ein altes verschrammtes Auto, das man nicht mehr liebt, und Spass an riskanten Manövern. Also echt! Ich bin in Neapel öfter Auto gefahren und fand das wesentlich entspannter als dieses vermeintlich kultiviertere Norditalien!

Die Einwohner von Triest weisen sich auch dadurch als echte Italiener aus, dass es in der Aperitivo-Stunde relativ geräuschvoll zuging und die Innenstadt von einer quirligen Menschenmasse bevölkert wurde. Trotz früherer Dunkelheit spielt sich das Leben noch draussen ab, mit Kerzen auf den Bartischen und Aperol-Spritz bis zum Abwinken. In München sieht man im Sommer weniger von diesen orange schillernden grossen Weingläsern als hier an Allerheiligen. Und jeder schien den anderen zu kennen – spontane, begeisterte Begrüssungen auf der Strasse wirkten, als hätten sich die Leute jahrelang nicht gesehen. Wahrscheinlich sind sie Nachbarn… Und was noch ganz charakteristisch war: während unseres
Aufenthalts bewegten sich die Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad, dazu wehte ein richtig warmer Wind vom Meer. Wenn sich bei uns im April ein solches Wetter ankündigt, hole ich meine dünnsten Strickjäckchen raus und überlege, ob ich ohne Strümpfe gehen kann. In Italien wird dieser Temperatursturz gefeiert mit dem Rauskramen der anscheinend zu wenig benutzten, aber geschätzten Winterklamotten. Die Herren in dicken Daunenjacken, die Damen in wunderschönen kniehohen Stiefeln, in denen man in Moskau getrost überwintern könnte, voluminösen Capes oder Mänteln und grauen, meterlangen grobgestrickten Schals. Und jeder dritte Hund war auch schon warm in sein Mäntelchen verpackt, zum Teil auch in die wattierte Daunenversion.

Da Entspannung oberstes Ziel für unseren Aufenthalt war (laut Familienangehörigen nicht grade meisterhaft erreicht), besichtigten wir für meine Verhältnisse wenig und gingen mehr in der prachtvollen Innenstadt und an den Molen spazieren. Trotzdem war zu wenig Zeit, um gepflegt in den von den Literaten frequentierten Kaffeehäusern zu sitzen, das kommt dann nächstes Mal! Nach einer eher skurrilen Nacht in einem kleinen, seltsam-sorgfältig eingerichteten Spukhaus, äh, Hotel in Miramare mit immerhin grandiosem Meerblick, in dem nachts die Leitungen seufzten und morgens trotzdem nur kaltes Wasser in der Dusche kam, zogen wir kurzerhand ins beste Hotel Triests und wohnten wahrhaft königlich, direkt an der Piazza und mit atemberaubenden Blick. Weil wir so spät anriefen, bekamen die Kleinen eine Suite zum Preis eines Doppelzimmers – ein Eckzimmer im 2. Stock mit Meer- und Piazzablick. Ich musste mit einem Einzelzimmer deluxe anstelle eines normalen Einzelzimmers vorlieb nehmen und konnte auch das Wasser sehen, wenn ich mich aus dem Fenster beugte. Ich habe
selten so traumhaft gewohnt! Und besonders schön war das opulente Frühstück unten in „Harrys Bar“ – ich hätte nie gedacht, dass ich jemals in einem Ableger von „Harrys Bar“ sitzen würde und sogar noch frühstücken könnte! Meer- und Piazzablick durch die meterhohen Fenster, plüschige Einrichtung, eine ganze Batterie von silbernen Teekännchen, die man sich am Samowar selber füllen konnte – diese Frühstücksstunden machten das zu wenige Kaffeehaussitzen für mich wett. Und es war eine solche Atmosphäre, dass man nur noch die Zeit anhalten wollte!

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