Vom Inn an die Adria: Trieste

7. November, 201008:23 von

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St√§dte am Meer √ľben eine besondere Anziehungskraft auf mich aus, und mein Vater inspirierte mich dazu, Joyce und Rilke zu lesen – auf deren Spuren im S√ľden wollte ich schon lange wandeln. Wenn es dann wahr wird, ist es doch so unfassbar, dass die Seele danach noch tagelang hinterherhinkt und viel sp√§ter wieder zuhause ankommt als der K√∂rper. Vielleicht auch, weil Triest relativ nah ist (vielleicht der n√§chstgelegene Meeresstrand zu Wasserburg?) – nach f√ľnfeinhalb Stunden entspannter Fahrt auf der v√∂llig leeren Tauernautobahn stiegen wir in Duino am Hafen aus dem Auto, setzten uns in der Sonne auf die Hafenmauer und zogen im Lauf der Minuten immer mehr aus… So ein abrupter Klimawandel ist f√ľr mich auch immer wieder unfassbar! Und das Licht! Und die M√∂wen! Tats√§chlich war es uns bald zu warm und zu hell (meine Sonnenbrille ist l√§ngst unauffindbar im Winterschlaf).

Ich war gespannt darauf, was f√ľr eine Stadt Triest ist. Ganz am √§ussersten Rand Italiens gelegen und mit einer wechselvollen Geschichte im 20. Jahrhundert – erst fast 600 Jahre √∂sterreichisch, dann nach dem 1. Weltkrieg pl√∂tzlich italienisch, dann besetzt, dann ein freies Territorium und ein Gezerre zwischen Jugoslawien und Italien und erst ab 1975 definitiv italienisch – k√∂nnte es eingeschlafen und auf dem Abstellgleis wirken. Das Gegenteil ist der Fall, Triest ist definitiv italienisch. Nicht nur, weil im r√∂mischen Amphitheater die Katzen unbehelligt hausen, sondern weil die Einwohner eindeutige Italiener sind. Der Verkehr und die Parkplatzsuche am Freitag um halb f√ľnf war derart rasant und infernalisch, dass ich meinem Br√ľderchen ewig dankbar sein werde, dass er sich ans Steuer setzte und und das Auto auch tats√§chlich parken konnte – am Krankenhaus vor der Notaufnahme, wo ich mit meinen zerr√ľtteten Nerven genau richtig war… Durch die Lage am Meer wimmelt es stadteinw√§rts an Einbahnstrassen. Oft dreispurig, aber gern f√ľnfspurig befahren. Wir haben uns gefragt, warum an den Bushaltestellen solche Menschentrauben stehen und sp√§testens da wurde klar, dass das die beste Art ist, sich in Triest fortzubewegen. Ausser man hat ein altes verschrammtes Auto, das man nicht mehr liebt, und Spass an riskanten Man√∂vern. Also echt! Ich bin in Neapel √∂fter Auto gefahren und fand das wesentlich entspannter als dieses vermeintlich kultiviertere Norditalien!

Die Einwohner von Triest weisen sich auch dadurch als echte Italiener aus, dass es in der Aperitivo-Stunde relativ ger√§uschvoll zuging und die Innenstadt von einer quirligen Menschenmasse bev√∂lkert wurde. Trotz fr√ľherer Dunkelheit spielt sich das Leben noch draussen ab, mit Kerzen auf den Bartischen und Aperol-Spritz bis zum Abwinken. In M√ľnchen sieht man im Sommer weniger von diesen orange schillernden grossen Weingl√§sern als hier an Allerheiligen. Und jeder schien den anderen zu kennen – spontane, begeisterte Begr√ľssungen auf der Strasse wirkten, als h√§tten sich die Leute jahrelang nicht gesehen. Wahrscheinlich sind sie Nachbarn… Und was noch ganz charakteristisch war: w√§hrend unseres
Aufenthalts bewegten sich die Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad, dazu wehte ein richtig warmer Wind vom Meer. Wenn sich bei uns im April ein solches Wetter ank√ľndigt, hole ich meine d√ľnnsten Strickj√§ckchen raus und √ľberlege, ob ich ohne Str√ľmpfe gehen kann. In Italien wird dieser Temperatursturz gefeiert mit dem Rauskramen der anscheinend zu wenig benutzten, aber gesch√§tzten Winterklamotten. Die Herren in dicken Daunenjacken, die Damen in wundersch√∂nen kniehohen Stiefeln, in denen man in Moskau getrost √ľberwintern k√∂nnte, volumin√∂sen Capes oder M√§nteln und grauen, meterlangen grobgestrickten Schals. Und jeder dritte Hund war auch schon warm in sein M√§ntelchen verpackt, zum Teil auch in die wattierte Daunenversion.

Da Entspannung oberstes Ziel f√ľr unseren Aufenthalt war (laut Familienangeh√∂rigen nicht grade meisterhaft erreicht), besichtigten wir f√ľr meine Verh√§ltnisse wenig und gingen mehr in der prachtvollen Innenstadt und an den Molen spazieren. Trotzdem war zu wenig Zeit, um gepflegt in den von den Literaten frequentierten Kaffeeh√§usern zu sitzen, das kommt dann n√§chstes Mal! Nach einer eher skurrilen Nacht in einem kleinen, seltsam-sorgf√§ltig eingerichteten Spukhaus, √§h, Hotel in Miramare mit immerhin grandiosem Meerblick, in dem nachts die Leitungen seufzten und morgens trotzdem nur kaltes Wasser in der Dusche kam, zogen wir kurzerhand ins beste Hotel Triests und wohnten wahrhaft k√∂niglich, direkt an der Piazza und mit atemberaubenden Blick. Weil wir so sp√§t anriefen, bekamen die Kleinen eine Suite zum Preis eines Doppelzimmers – ein Eckzimmer im 2. Stock mit Meer- und Piazzablick. Ich musste mit einem Einzelzimmer deluxe anstelle eines normalen Einzelzimmers vorlieb nehmen und konnte auch das Wasser sehen, wenn ich mich aus dem Fenster beugte. Ich habe
selten so traumhaft gewohnt! Und besonders sch√∂n war das opulente Fr√ľhst√ľck unten in „Harrys Bar“ – ich h√§tte nie gedacht, dass ich jemals in einem Ableger von „Harrys Bar“ sitzen w√ľrde und sogar noch fr√ľhst√ľcken k√∂nnte! Meer- und Piazzablick durch die meterhohen Fenster, pl√ľschige Einrichtung, eine ganze Batterie von silbernen Teek√§nnchen, die man sich am Samowar selber f√ľllen konnte – diese Fr√ľhst√ľcksstunden machten das zu wenige Kaffeehaussitzen f√ľr mich wett. Und es war eine solche Atmosph√§re, dass man nur noch die Zeit anhalten wollte!