„Schilderndes Element“

22. Oktober, 201012:21 von


Letzte Woche erarbeitete ich mit zwei Sch├╝lerinnen ein St├╝ck von Daniel Hellbach, „Solitude“. Eins der M├Ądchen spielte es ordentlich vor – Noten stimmten, Rhythmus stimmte, aber sonst war nicht viel passiert. Ich versuchte, ihr die Stimmung des St├╝cks besser verst├Ąndlich zu machen, indem wir uns zusammen eine Filmsequenz ├╝berlegten, die den Titel „Einsamkeit“ veranschaulichen sollte. Wir waren uns klar, dass wir in der melancholischen und ruhigen Szene eine Frau sehen, denn einsame M├Ąnner gehen joggen oder ins Internet. (Nun ja…) Die Frau steht im D├Ąmmerlicht am Fenster eines leeren Zimmers, der Dauerregen l├Ąuft an den Fensterscheiben hinunter – das waren die Ideen der M├Ądchen, die offenbar viel Spass am┬áErfinden hatten.

Ich f├╝gte mit dunkler Stimme hinzu: „Die Scheinwerfer eines Autos spiegeln sich im Asphalt der┬ámenschenleeren Fahrbahn.“

Loulou juchzte vor Freude: „Super, Frau Sommerer, schilderndes Element!“

„Wie bitte?“

„Wir machen in Deutsch grade Erlebniserz├Ąhlung, und man braucht immer ein schilderndes Element!“

Jetzt war ein Damm gebrochen und immer skurrilere „schildernde Elemente“ breitete sich vor uns aus, bis ich die Phantasie der M├Ądchen wieder in geordnetere Bahnen und zur├╝ck zum Klavier lenkte. Und als Loulou das St├╝ck jetzt spielte, war es so tr├╝bsinnig und hoffnungslos, dass uns anderen ganz kalt wurde. Sie sah vor ihrem inneren Auge die d├Ąmmrige Szene in Graut├Ânen und schaffte es auch, uns diese Stimmung ┬ázu vermitteln.

Die grosse Frage beim Unterrichten ist ja immer, wie man Musikalit├Ąt und Ausdruck vermittelt. Oft stecken wir so in Bewegungs- oder Verst├Ąndnisdetails fest, dass man von einer k├╝nstlerisch ausgereiften und wirklich pers├Ânlichen Interpretation nur tr├Ąumen kann. Wobei man so etwas leicht erreichen kann, wenn man hier ein crescendo beachtet, hier sich ein wenig Zeit l├Ąsst, hier kurz Luft holt… Doch vielleicht sollten wir im Klavierunterricht auch so technisch vorgehen wie im Deutschunterricht der 6. Klasse? Davon ausgehen, dass ein St├╝ck aus einer Aneinanderreihung von mehreren Elementen besteht? Richtige T├Âne, richtiger Rhythmus, richtige Lautst├Ąrken, Klangfarben, Artikulation, Pedal, Haltung, „schildernde Elemente“? Eigentlich unterrichte und ├╝be ich nicht so. Ich versuche, meinen Sch├╝lern zu erkl├Ąren, wie wichtig es ist, von Anfang an alle dieser Bausteine zu ber├╝cksichtigen. Es ist wenig sinnvoll, wie im obigen Beispiel die Stimmung erst am Schluss dr├╝berzugiessen wie Zuckerguss – das ganze St├╝ck sollte davon durchdrungen sein, damit es glaubhaft wirkt. Vielleicht gibt es aber Sch├╝ler, die eher analytisch an die Sache herangehen und am Schluss die Aufforderung brauchen, jetzt ein paar farbige Elemente einzubauen. Ich werde es ausprobieren!

Immerhin bin ich froh, eine Sch├╝lerin wie Loulou zu haben, die ├╝berhaupt in der Lage ist, so viele Gef├╝hle zu zeigen. Und ich bin richtig selig ├╝ber Sch├╝ler, die so etwas selber h├Âren: am selben Tag spielte ich einem Dreizehnj├Ąhrigen, der neu bei mir ist, vor, wie er eine Stelle von Tschaikowsky auch spielen k├Ânnte. Seine Reaktion: „Sie spielen das mit voll viel Gef├╝hl! Wie macht man das??“ Sind das nicht die allerbesten Voraussetzungen?!