Vom Inn an den Tiber: Probewohnen

3. Oktober, 201710:00 von

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Als wir in Blera ankommen, ist es vier Uhr nachmittags. Alles schl√§ft. Das ganze h√ľbsche St√§dtchen befindet sich im Dornr√∂schenschlaf, und w√§re es nicht so gut erhalten und gepflegt, w√§ren da nicht unz√§hlige bepflanzte Blument√∂pfe vor den Haust√ľren und auf den Treppchen, k√∂nnte man meinen, die Stadt sei ausgestorben. Wir schleichen in der Sp√§tsommerhitze durch die engen G√§sschen und sind begeistert, wie stimmungsvoll und malerisch der kleine Ort ist, selbst wenn alle Fensterl√§den zu sind.

Blera ist eines der vielen kleinen St√§dtchen n√∂rdlich von Rom, die auf einem langgezogenen Tuffsteinfels thronen. Lauter kleine, hochgebaute Steinh√§uschen dr√§ngen sich dicht an dicht. Die schattigen Gassen sind so eng, dass man mit ausgestreckten Armen fast beide H√§userzeilen ber√ľhren kann. In der Mitte des kleinen Ortes √∂ffnen sich die Gassen auf eine √§hnlich kleine und enge Piazza, deren Mittelpunkt ein Brunnen ist. Danach wird es wieder eng, und der Weg f√ľhrt leicht abw√§rts auf der alten Via Claudia.

Auch wenn der Ort schlief, hatten wir das Gef√ľhl, ganz in der Zivilisation zu sein. Ein paar Schritte abw√§rts durchs Stadttor und auf einen kleinen Feldweg, der staubig an Schreberg√§rten vorbeif√ľhrte, und wir entfernten uns mit jedem Meter mehr aus der Gegenwart. Der olivenbestandene Hohlweg f√ľhrte best√§ndig bergab, die Schatten der Nachmittagssonne warfen das Muster der Olivenzweige in den Staub vor uns. Hier in den G√§rten und auch oben in der Stadt hatten wir keine Seele gesehen, aber je n√§her wir der Etrusker – Nekropole kamen, die laut Landkarte irgendwo hier unten sein musste, desto mehr regte sich in der Luft und in der Atmosph√§re. Einbildung? Hitzeflimmern? Zu wenig Wasser dabei? Wie auch immer, der spontane Ausflug wurde eine magische Reise in die Antike. In die richtig ferne Antike. Laut F√ľhrer war die Gr√§berstadt von 700 bis 500 vor Christus in Benutzung – da lebte Homer noch, so ungef√§hr… Und da waren die Etrusker schon so lange hier sesshaft, dass die Ersten sich ins Jenseits verabschiedeten und angemessene Wohnungen daf√ľr brauchten. Ich liebe solche Orte mit Vergangenheit…

Und unversehens ging es schon los mit den Grabkammern. Wir dachten, die sind alle unten in der Schlucht, aber rechts von uns tauchten die ersten √Ėffnungen auf, in italienischer Manier als Ger√§teschuppen oder Viehst√§lle mit halben T√ľren zweckentfremdet. Dann kamen offene, leere Gr√§ber, k√ľhl und schattig und ger√§umiger, als ich dachte: Dreiergr√§ber, F√ľnfergr√§ber, auch mal ein querliegendes Einzelgrab f√ľr die eher Introvertierten. Anfangs waren wir ganz leise und ehrf√ľrchtig, schauten uns vorsichtig um, atmeten unwillk√ľrlich langsamer. Dann kam noch ein Grab. Und noch eins. Und der Entdeckergeist wurde etwas √ľbers√§ttigt. Es war auch nett, zwischendurch wieder raus in die Sonne zu gehen und die W√§rme zu sp√ľren. Dabei entdeckte ich haufenweise Brombeeren, die aus und √ľber Gr√§bern wuchsen, und sogar einen Feigenbaum mit dunkellila Fr√ľchten. Ich tr√∂delte ein bisschen beim Obst, der Gatte explorierte weiter – „Guck mal hier, das Modell „Andante“!“ Mit einer Handvoll Brombeeren schlenderte ich zum n√§chsten Grab, einem richtig ger√§umigen, gem√ľtlichen, und dachte mir drinnen spontan: was, wenn ich schwarze Fr√ľchte, die aus Gr√§bern wachsen, in einem Grab esse? Vielleicht tut sich da was? Vielleicht finde ich endlich den Fahrschein in die Vergangenheit? Es ist einen Versuch wert. Ich schliesse die Augen, esse ein paar Brombeeren, w√ľnsche mich ganz sehr ein paar Tausend Jahre zur√ľck und warte. Alles ist still und k√ľhl, aber – das ist es auch schon. Als ich die Augen wieder aufmache, strahlt die Sonne vor dem s√§uberlich gehauenen Steinrechteck der T√ľr√∂ffung aufs gelbe Gras. Eine Eidechse flitzt vorbei. Ich f√ľrchte, ich bin immer noch hier.

Und auch unten in der eigentlichen Nekropole hat’s mit der Magie nicht geklappt. Obwohl der Ort ohne Zweifel sehr magisch und einsam ist. Wir kletterten an dem gigantischen Felsen aus r√∂tlichem Tuffstein herum, schauten uns noch in ein paar Gr√§bern um, waren selig und sprachlos, an so einem wundersch√∂nen, besonderen Ort ganz f√ľr uns zu sein. Auch hier: Brombeeren, Haseln√ľsse und wilder Dill, der auch sehr lecker schmeckte, und Pfefferminze in rauhen Massen. (Auch lecker. Und mehr kann man sich bei einer Friedhofsbesichtigung wohl kaum in den Mund stecken zum Zwecke der Zeitreise. Also: Experiment gescheitert.)

Wieder zur√ľck √ľber die kleine gebogene Steinbr√ľcke, und wir probierten einen anderen R√ľckweg aus, der links steil durch den Wald nach oben f√ľhrte. Innerhalb kurzer Zeit muss man hier die ganze Steigung bew√§ltigen, die man vorher in einer Viertelstunde bergab gegangen war, und gelangt oben an ein handgeschriebenes Holzschildchen „Belvedere“. Das musste die urspr√ľngliche etruskische Akropolis gewesen sein, auf die im Ort hingewiesen wurde. Die Siedlung wurde im Mittelalter als Steinbruch genutzt, um Blera etwas weiter hinten aufzubauen – es ist √ľberhaupt nichts mehr von einer Stadt zu sehen. Aber ganz am Ende des Abhangs ein traumhafter Blick auf die Schlucht und die Felsen der Gr√§berstadt, in der wir grade noch gewesen waren: gr√ľn, so weit das Auge blickt, dunkelgr√ľn, und dann die erdfarbenen Tuffsteinfelsen.

Unser v√∂llig ungeplanter Spaziergang von etwa einer Stunde war einer der zauberhaftesten Momente der Reise. Gut, dass uns in Blera keine Bar und keine Katzen abgelenkt hatten. (Und als wir zur√ľckkamen, war der Ort kaum wieder zu erkennen: quirliges Leben, eine moderne Apotheke, ein Optiker, Leute mit Einkaufstaschen, alte M√§nner vor der Bar… Diese Metamorphose ist immer wieder erstaunlich!)