Vom Inn an den Tiber: Noch mehr Sehnsuchtsorte

8. Oktober, 201709:01 von

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Wer in seiner Jugend in den Genuss von Lateinunterricht gekommen ist, stolperte unweigerlich fr├╝her oder sp├Ąter ├╝ber die zweisprachigen „Tusculum“ – Ausgaben. Ich dachte anfangs, das ist halt ein poetischer Name f├╝r einen idealen Ort, an dem sch├Ângeistige Gespr├Ąche stattfinden, oder ein Verlagstrick, um staubtrockene alte Literatur irgendwie an den Mann zu bringen. Bis ich irgendwann mitbekam, dass Tusculum ein realer Ort ist, den man immer noch besuchen kann. Ab da stand er auf der Liste meiner Sehnsuchtsorte weit oben. Ich war und bin kein Cicero – Fan, aber es k├Ânnte nicht schaden, den Entstehungsplatz seiner „Tusculanae Disputationes“ zu sehen. Ausser ihm wohnten zahlreiche reiche und ber├╝hmte Staatsm├Ąnner und Dichter auf diesem H├╝gel im S├╝den Roms: der legend├Ąre Lucullus, Cato, Caesar (Grund f├╝r ├Ąhnlich langatmig sich hinziehende Lateinstunden wie Cicero…). Sie hatten sich bewusst diesen hochgelegenen H├╝gel mit der sagenhaften Rundumsicht in den Albaner Bergen ausgesucht, um Abstand zur Stadt und wahrscheinlich ein besseres Klima zu haben.

Stilecht w├Ąre ich gerne ├╝ber die Via Tuscolana aus Rom angekommen, aber wir wohnten ja im Osten und waren nach einem Katzensprung in Frascati. Zeitgenossen mit masochistischen Tendenzen k├Ânnten hier den Wanderrucksack auspacken und st├Ąndig bergan rauf nach Tusculum laufen. Der Weg entlang der einsamen Strasse ist auch wirklich sch├Ân, es gibt Oliven und Steineichen und gelegentlich Schatten – ich war aber doch dankbar f├╝r mein Auto, das uns mit leichtem Schnaufen innerhalb von Minuten auf die H├╝gelkuppe brachte. Denn es war unglaublich heiss und trocken. Und wie die anderen Orte, die wir besuchten, ist Tusculum kein Arch├Ąologie – Disneyland und kein bisschen f├╝r den Tourismus erschlossen. Keinerlei Infrastruktur, keine Bar, kein Wasser. Einzig und allein der menschenleere Parkplatz liess uns ahnen, dass wir hier aussteigen und loslaufen k├Ânnten.

Wir fanden einen schattigen, baumbestandenen Hohlweg mit glattgeschliffenen schwarzen Quadersteinen auf dem Boden, und – erstes Zeichen, dass wir doch an einem sehenswerten Ort waren – tats├Ąchlich eine Schautafel, die informierte, dass Tusculum ein wichtiges Ziel auf der Grand Tour war und besonders deutsche romantische Maler dieses Panorama sch├Ątzten. In der dr├╝ckenden Hitze h├Ąlt man es kaum f├╝r m├Âglich, dass in den letzten Jahrhunderten ├╝berhaupt jemand auf diesem H├╝gel gewesen war. Wir spazierten leicht bergan, vorbei an ├╝berwachsenen Fundamenten und umgekippten S├Ąulen, und die Aussicht auf die Albaner Berge wurde immer sch├Âner. Bis wir am h├Âchsten Punkt den Gipfel des Malerischen erblickten: ein weisses Einsatzfahrzeug einer Art Technischen Hilfswerks, und vier Feuerwehrm├Ąnner in voller Montur, die bei ge├Âffneten T├╝ren auf ihren Handys lesen. Wir stellten uns kurz zu ihnen, weil sie unter dem einzigen Baum weit und breit parken, und weil – Menschen! Lebendige Menschen! Man h├Ątte eine perfekte Aussicht in alle Himmelsrichtungen, um Waldbr├Ąnde zu entdecken. Aber ihre Handys sind ihnen wichtiger… Ihr Funkger├Ąt piept und zwitschert und ich finde diesen Einbruch des 21. Jahrhunderts in die antike Welt ziemlich absurd. Aber nat├╝rlich n├Âtig. Wir haben in den letzten Tagen mehrere Waldbr├Ąnde und L├Âschversuche mit Hubschraubern erlebt, und die Wiesen von Tusculum sind fast die vertrocknetsten, die wir gesehen haben. Und es ist heiss. So stelle ich mir Griechenland vor.

Wir sehen uns noch die Reste des Amphitheaters an und schlendern ein bisschen ├╝bers Gel├Ąnde, bekommen aber fast einen Hitzschlag. Fazit: es ist wahnsinnig sch├Ân, die Fernsicht ist sagenhaft, aber mir ist es zu exponiert und zu sehr der Sonne ausgesetzt. Und die Geister dieser langatmigen Schriftsteller ┬á– lieber weg von hier, bevor uns ein Feuer den R├╝ckweg abschneidet. Eine Nacht mit Lucullus w├Ąre sicher vergn├╝glich, aber wenn dann Caesar und Cicero auftauchen und kein Ende finden… Schnell ins Auto!

Und runter von Frascati in die Ebene um Rom und ans S├╝dende der Via Appia Antica, das wir mit mehr Gl├╝ck als Verstand fanden. Hier wollte ich auch schon ewig hin, und wir hatten es einmal von der Stadt aus versucht, aber das war Fehlanzeige: der Bus bringt einen an den Anfang. Der ist noch touristen├╝berlaufen wegen der Calixtus – Katakomben und San Sebastiano, das zu den Hauptkirchen geh├Ârt und ein begehrtes Pilgerziel ist. Dann: haushohe Mauern, die sich gef├╝hlt kilometerlang hinziehen und Privatgrundst├╝cke abschotten. Wenn man nicht auf eine lange Wanderung eingestellt ist, ist der Abschnitt in Stadtn├Ąhe sehr entt├Ąuschend.

Wenn man bereit ist, sich in die geordnete Anarchie des Autobahnrings um Rom zu begeben und nicht davor zur├╝ckschreckt, das Auto neben einem wenig vertrauenerweckenden Wohnwagenpark gegen├╝ber vom Flughafen Ciampino abzustellen, kann man das herrliche, einsame S├╝dende der Via Appia finden. Und hier ist sie wie aus dem Bilderbuch: das glattgeschliffene schwarze Pflaster zieht sich schnurgerade und pinienbestanden Richtung Rom. Kein Mensch ist in Sicht bis auf gelegentliche Jogger, und wenn die in ihren grellen Outfits verschwunden sind, k├Ânnte man glauben, geradewegs in der Antike zu sein. Und dann tauchen auch noch Schafe auf den vertrockneten Wiesen auf… Es ist Idylle pur. Das Abendlicht wird immer sanfter und w├Ąrmer, w├Ąhrend wir langsam Richtung Stadt wandern, die warmen, trockenen Piniennadeln knirschen, wenn man drauftritt, und es riecht intensiv nach Harz aus den vielen abgefallenen Pinienzapfen. Ich hebe einen auf und habe fortan einen Harzklumpen an den Fingern, den ich immer wieder zur Nase f├╝hre – erinnert mich an meine ganzen Streicherfreunde und den leichten Kolophoniumgeruch, der sie manchmal umgibt. Das Parf├╝m der Via Appia… Hier kommen wir v├Âllig zur Ruhe. Wollen und Erleben schieben sich mit einem leisen „klick“ in einen wunderbaren Einklang ├╝bereinander und wir sind beide an dem seltenen Punkt, dass wir sagen: so soll es sein. Genau so, wie es jetzt ist, ist es perfekt. Ich w├╝rde nichts ├Ąndern wollen an diesem Augenblick.