…und eine Begleiterin für Prüfungen

3. Mai, 201710:51 von

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Mein Neujahrsplan war ja, entspannt durch’s Jahr zu gehen. Bis jetzt hat das ganz gut geklappt – bis zur ersten Schulwoche nach den Osterferien. Eigentlich war ich erholt und hatte die Batterien gut aufgeladen. Aber gleich der erste Tag war ein Horror an Überstunden und Abendproben, und so blieb es die ganze Woche, bis der Spass am Freitag morgen ab zehn im Musikabitur kulminierte: ich hab begleitet, als wär’s mein einziger Job. Und diese Proben davor – stöhn. Die Mädchen wissen seit ungefähr zwölf Jahren, dass sie Abitur machen. Sie sind intelligent, liebenswert, tolle Musikerinnen. Man würde meinen, dass sie sich überhaupt gut organisieren können. Aber – grosse Augen – was, am Freitag ist Abitur? Könnten wir am Mittwoch mal proben?

Vom Organisationsstress abgesehen, war ich mal wieder schockiert, wie viel ich nicht weiss. Ich bilde mir ein, dass ich mich gut in der Kammermusik- und vor allem Violin – Literatur auskenne. Ich begleite seit fast dreissig Jahren, wurde schon vor dem eigenen Abitur an den Augsburger Schulen rumgereicht und hab im Abi neben dem eigenen Jahrgang noch Leute von anderen Schulen begleitet (so was wird heute übrigens überhaupt nicht mehr gemacht. Denn man muss sich ja aufs eigenen Spielen konzentrieren.) Ich habe über die Jahre konstant mit Geigern, einer Bratscherin, Cellisten konzertiert, die gängige Literatur rauf und runter. Dazu kam jahrelang Klaviertrio und Klarinettentrio, und in einer besonders glücklichen Phase die Zusammenarbeit mit einem Streichquartett und das riesige Vergnügen, die einschlägigen Werke von Schumann, Dvorak und Schubert aufzuführen. Seit ich unterrichte, begleite ich fortgeschrittene Schüler und angehende Studenten in Prüfungen und bei Wettbewerben. Deshalb dachte ich, dass ich mich langsam auskenne. Ich würde mir so wünschen, dass ich einfach mal ein bekanntes Stück vor die Nase gesetzt kriege und ganz cool sagen kann: klar, kein Problem, kenne ich, mache ich.

Die traurige Realität ist aber: ich kenne nur einen Bruchteil der Literatur. Auch wenn ich mich seit Jahrzehnten in diesem Feld tummele, ist es, als ob man eine Zehe in den Atlantik tauchen würde. Es ist kaum zu glauben, aber ständig tauchen Stücke auf, die ich nicht kenne.

Ich erinnere mich, wie ich kurz vor dem eigenen Abi eine Krise kriegte, weil ich einen Trompeter bei der Hindemith – Sonate begleiten sollte und mir das zeitmässig über den Kopf wuchs. Mein Lehrer, der Trompetenlehrer und die diversen Lehrer in der Schule bestärkten mich alle, sie doch zu lernen – es wäre vernünftig, weil man sie so oft spielen würde im Leben und immer brauchen kann.

Kein Mensch wollte seither diese Sonate mit mir spielen.

Dafür hab ich die für Flöte, Geige, Klarinette und Bratsche noch üben dürfen.

Und wenn ich mir so anschaue, was die Leute heutzutage in Prüfungen spielen, frage ich mich, wo die gängigen Stücke bleiben. Ist es auf einmal verpönt, Bekanntes zu spielen? Muss man in den entlegensten Winkeln der Musikgeschichte rumstöbern, um sich irgendwie abzusetzen? Mit den Pflichtstücken kommt man nicht drum rum, und der Lehrplan bietet da auch seltsame Besonderheiten und (zu Recht?) vergessene Kleinode. Und schon wieder der Trugschluss, dass man denkt, irgendwann muss man doch alle Pflichtstücke kennen… Irgendwann wird es hoffentlich der Fall sein, aber bei der Fülle kann das dauern. Und es sind Stücke dabei, die man sich nicht freiwillig einfach so mal draufschafft, falls sie eines Tages verlangt werden.

Als ich mir die Haare raufte, was ich da wieder alles üben darf, hab ich eine Liste für dieses Jahr erstellt. Mit dem heimlichen Vorsatz, mich irgendwann auf die geschätzten zweihundert Stücke zu beschränken, die ich schon kenne. Und wer was anderes spielen will, braucht einen anderen Begleiter. Dieses Jahr durfte ich seit Herbst neu üben:

Mozart Violinkonzert G – Dur

Mozart Violinsonate G – Dur

Rieding Violinkonzert G – Dur

Brahms Klarinettensonate Es- Dur op. 120

Niels Gade, Fantasiestücke für Klarinette und Klavier

Truillard, Serenade

Reger, Gavotte aus „Hausmusik“

Beriot, Scènes de Ballet

Mozart, Adagio E – Dur

Beethoven, Frühlingssonate

Smetana, Aus meiner Heimat

Mozart, Konzert für Flöte und Harfe

Briccialdi, Allegro romantico für Flöte

Bruch, Violinkonzert g-moll

Bloch, Nigun

Mozart, Sonate B – Dur KV 378

(Die Frühlingssonate kannte ich als einziges. Als einer der Prüfer im Abi meinte: „Mann, das ist aber ganz schön schwer für Klavier“, hätte ich fast hysterisch gelacht – das war die einfachste Übung des Tages!)

Und das ist noch ohne die Additums – Prüfung im Juni…

Es nimmt einfach kein Ende. An manchen Tagen finde ich es wunderschön und lebensspendend, ständig so tolle Sachen spielen zu dürfen. Extra – Bonus ist, dass ich technisch in guter Form bin, weil ich ständig viel üben muss. Und die Begegnung mit den vielen talentierten jungen Musikern ist eine Belohnung in sich selbst und bringt einem auch viel Energie und Schwung für andere Projekte.

Aber an manchen Tagen bin ich verzagt, dass ich Tantalus – mässig mein Leben lang dicke, fette Klavierauszüge üben muss.

Der Gatte, der selber als Geiger Musikabitur gemacht hat (mit schönen, begleiterfreundlichen Mainstream – Werken) und eine enzyklopädische Kenntnis der Violinliteratur hat, staunt auch allenthalben, was da nicht alles ausgegraben wird und auf welche schmalen, selten betretenen Pfade ich mich begeben muss. Kürzlich versuchte er beim Essen eine Prognose, was von den ganzen abwegigen Werken noch auf mich zukommen könnte in nächster Zeit: er tippt auf Bruch, Schottische Fantasie, und Dvorak, Violinkonzert. Ich liess die Gabel sinken. Mir verging wirklich der Appetit. Mir macht es nichts aus, wenn er beim Essen von seinen Operationen erzählt: Teilresektionen, Entnahme kompletter Organe wegen zu viel Tumorlast, Eiter, nekrotisches Gewebe oder Blutungen, die man kaum unter Kontrolle bekommt, sind Alltag für mich und kein Grund, mit weniger Genuss weiterzuessen.  Aber wirklich, die Schottische Fantasie?! Da werde ich weiss um die Nase…