A morbid longing for the picturesque

11. April, 201713:35 von

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Am Wochenende war ich auf einer kleinen, feinen Fortbildung f├╝r Klavierlehrer, die bis zur letzten Sekunde interessant war. Oft d├╝mpelt grade die letzte Stunde von solchen Tagen m├╝hsam vor sich hin, begleitet von kaum verhohlenen Blicken auf die Uhr bis zur erl├Âsenden Frage, ob man nicht eine halbe Stunde fr├╝her aufh├Âren will. Hier hatten wir sogar ├╝berzogen, da es im kollegialen Austausch so viele Fragen zu kl├Ąren gab. Das Bereichernde war, dass es, anders als bei Fortbildungen von Verlagen oder den sehr wissenschaftlich ausgerichteten an der Hochschule, ausschliesslich um Fragen und Problemstellungen im Unterrichtsalltag ging. Und egal, wie lange man schon unterrichtet: man kann immer eine neue Erkenntnis, eine unbekannte Idee f├╝r sich und seine Sch├╝ler mitnehmen und startet beschwingter in die neue Unterrichtswoche.

Fast der ganze Vormittag war reserviert f├╝r die Vermittlung der Grundlagen im Anfangsunterricht. Als unverzichtbare Elemente wurden bearbeitet: Haltung, Notenlesen, Rhythmus, Technik. Am Rande gestreift wurde die Ausbildung der Klangvorstellung, die Wichtigkeit, auf Klangsch├Ânheit hinzuweisen und zu achten. Ich glaube, das war das einzige Mal an diesem Tag, dass der Begriff „Sch├Ânheit“ erw├Ąhnt wurde.

Dabei ist er f├╝r mich so elementar! Im Anfangsunterricht, bei den Fortgeschrittenen, ├╝berhaupt beim Klavierspielen, und im ganzen Leben! Wir diskutierten so detailliert, dass vor dem Mittagessen keine Zeit mehr blieb, sich entsprechend einzuklinken, und danach waren wir bei anderen Themen. Und wenn man eher abwegige Ideen hat, fragt man sich ja selber, ob diese Fragen von allgemeinem Interesse sind oder die anderen innerlich st├Âhnen, wenn man jetzt nachhakt. Und nat├╝rlich hat man Zweifel, wie man diesen so schwer zu definierenden Begriff ├╝berhaupt unterbringen will. Dabei bin ich ├╝berzeugt, dass alle von uns unterschreiben w├╝rden, dass Musik mit Sch├Ânheit zu tun hat. Und dass es letztlich das Ziel von diesem ganzen Notenlesen, der richtigen Haltung, der rhythmischen Sicherheit ist, Sch├Ânheit in die Seelen der Zuh├Ârer zu transportieren. Deshalb sollte eine gewisse ├Ąsthetische Erziehung von Anfang an zum Unterricht geh├Âren.

Vielleicht scheut man sich auch davor, das anzusprechen, weil es nicht nur enorm schwer ist, zu sagen, was Sch├Ânheit eigentlich ist, sondern weil es auch sehr subjektiv ist. F├╝r mich kann ein barbarischer, grausiger Bartok eine gewisse Art von haarstr├Ąubender Sch├Ânheit haben (denn die gibt es schon auch, oder?) – in der Runde gab es aber eine Kollegin, die den „Mikrokosmos“ kategorisch und eindeutig ablehnt und ihren Sch├╝lern nie so was vorsetzen w├╝rde. Es w├Ąre sinnlos, dar├╝ber zu diskutieren. Aber mit Sch├╝lern kann und muss man diskutieren, es geh├Ârt zur Erziehung dazu, sie im Dialog mit gegens├Ątzlichen Meinungen etwas zu provozieren und so einen eigenen Standpunkt finden zu lassen. Und grade weil das, was wir machen, unsichtbar ist, ist es wichtig, Bilder vor seinem inneren Auge zu haben.

Ich hab im Lauf meines Lebens mit Erstaunen festgestellt, dass es Menschen gibt, die weniger sch├Ânheitss├╝chtig sind als ich, oder sogar ├╝berhaupt nicht. (Was man nicht aller lernt!) Auf eine gewisse Art beneide ich Menschen, die gar kein Interesse daran haben, hinter die Dinge zu sehen und nach ihrer Geschichte zu fragen, oder sich zu fragen, wie man gewisse Bilder und Farben und Gef├╝hle verkn├╝pfen kann. Ich f├╝rchte, diese Realisten und Pragmatiker haben es leichter im Leben und kommen schneller dahin, wo sie hinwollen. Ich bewundere sie, weil ich mich immer zu viel mit der „morbiden Sehnsucht nach dem Malerischen“, wie Donna Tartt es so wundersch├Ân ausdr├╝ckt, aufhalte. Trotzdem ist und bleibt sie mir wertvoll, diese Sehnsucht, und ich versuche, auch den aller – realistischsten Pragmatikern unter meinen Sch├╝lern ein bisschen von diesem Zauberpulver mitzugeben. Denn auch das ist nur Erziehungssache. Manche m├╝ssen sich vielleicht mehr anstrengen, um Bilder zu sehen – andere erz├Ąhlen mir spontan und ungebremst, was sie f├╝hlen, oder malen es auf bis zur n├Ąchsten Stunde, oder schreiben Gedichte dar├╝ber.

Abgesehen von allem anderen, was wir den Sch├╝lern mitgeben wollen, ist es einfach sch├Ân, ihnen die Augen zu ├Âffnen f├╝r Momente – seien es musikalische oder optische in der ganz normalen, sichtbaren Welt. Wie die wertvollen Sekunden, wenn der See hinter unserem Grundst├╝ck im Abendlicht aufleuchtet. Man sieht das nur im M├Ąrz, wenn die B├Ąume noch kahl sind und die Sonne in einem gewissen Winkel steht. Pl├Âtzlich f├Ąngt das Klavierzimmer an, gelb und golden zu strahlen. Lange, warme Sonnenstrahlen und Reflexe vom Wasser zittern hinter uns ├╝ber die Wand, und egal, wie oft ich es schon erlebt habe: es ist immer ein magischer Moment. K├╝rzlich passierte es, quasi als Zugabe von oben, als ich mit einem ├Ąlteren Sch├╝ler Ravels „Pavane pour une infante d├ęfunte“ ├╝bte, die vierh├Ąndige Fassung f├╝r den Klaviersommer. Er ist sehr weit und einfach schon ein richtiger Musiker, und wir verloren uns in der zarten Traurigkeit und zeitlosen Sch├Ânheit dieser Erinnerung an eine tote Prinzessin. Und als wir wortlos die Zeit dehnten und anhielten und wieder fliessen liessen – kam dieses vom Wasser reflektierte Strahlen und h├╝llte uns noch mehr ein als die Musik. Wir spielten weiter, schauten uns aber kurz an – ich glaube, er hat das gleiche gedacht wie ich. Zwei Tage sp├Ąter sass ich mit einem Kleineren an der selben Stelle, als die Sonne kurz vor dem Untergehen wieder ins Zimmer schien. Der Kleine wurde still, schaute um sich und in den Garten und sagte: „Der Teich ist in Gold getaucht.“ Und ich denke gleichzeitig, ganz ├╝berw├Ąltigt: wo schreib ich das auf? Wo ist ein Taschentuch f├╝r mich? Super, der Kleine hat sein Abschlusszeugnis in ├Ąsthetischer Erziehung praktisch in der Tasche… (Und ich mag den Racker genau so gern, wenn er sich beim Stundenwechsel dramatisch seinem Bruder entgegenschmeisst und ruft: „Endlich bist du da! Rette mich aus dieser H├Âlle!“)