Ein Begleiter f├╝rs Leben

28. M├Ąrz, 201709:07 von

3


Im allj├Ąhrlichen Pand├Ąmonium in unseren normalerweise heiligen Hallen – dem Tag der offenen T├╝r f├╝r die Viertkl├Ąssler – gab es┬átrotz der enormen Ger├Ąuschkulisse und dem endlosen Herumwuseln einen richtig sch├Ânen Moment: unser Fachbereichsleiter erkl├Ąrte den Eltern in einer kurzen Ansprache, dass sie ihren Kindern einen Begleiter f├╝rs Leben geben, wenn sie sich f├╝r den musischen Zweig entscheiden. Sollte das Kind dann mal in Rostock oder Stralsund studieren (ich musste grinsen ├╝ber die Auswahl der St├Ądte – offensichtlich kann man damit richtig gut ├ängste sch├╝ren im Erdinger Landkreis!), kann das Kind in den Unichor oder ins Orchester gehen und wird nie allein sein. Das ist doch mal ein Argument… Hat mir wirklich gefallen, und ich werde mir angew├Âhnen, auch auf diese Art auf die angenehmen Langzeitfolgen von Musikunterricht hinzuweisen. Denn es ist wahr: man macht seinem Kind damit ein Geschenk f├╝rs ganze Leben. Das ist nat├╝rlich mit allem so, was man lernt, sei es eine Sprache oder Naturwissenschaften, und es gibt ganz definitiv das gef├╝rchtete Zeitfenster, in dem dieses Lernen einfach stattfinden sollte. Aber Musik hat noch einen besonderen emotionalen und sozialen Aspekt, der unsch├Ątzbar ist.

Und es g├Ąbe wunderbare „Erfolgsgeschichten“, die wir erz├Ąhlen k├Ânnen, Geschichten, in denen Kinder, deren Eltern sich den Klavierunterricht vielleicht nicht leisten k├Ânnten, dank des kostenlosen Instrumentalunterrichts am bayerischen Gymnasium erfolgreich und mit Freude einen von Musik begleiteten Lebensweg einschlagen. Wie meine Sch├╝lerin, die jetzt Abitur macht – sie hat freiwillig f├╝rs letzte Halbjahr Messiaen, Poulenc und Bartok gew├Ąhlt und wir haben den Spass unseres Lebens dabei, uns f├╝r die unglaublich unterschiedlichen St├╝cke Szenarien, Ausstattung und sogar D├╝fte auszumalen. Wenn man mal so dr├╝ber steht, dass die genialen Kinderchen sich im 20. Jahrhundert so gut auskennen, hat man Freir├Ąume, um tiefer zu graben und tiefer einzutauchen. Weil sie auch gern und leicht schreibt, hab ich ihr vorgeschlagen, ├╝ber jede Szene ein Gedicht zu schreiben – bin sehr gespannt… Und ich bin stolz ohne Ende, wenn sie den Messiaen so zart und transzendent wie einen Hauch spielt, zehnstimmige Griffe hin oder her, und beim Bartok so barbarisch reinlangt, als g├Ąbe es kein Morgen. Das M├Ądchen hat seinen Begleiter, keine Frage.

W├Ąhrend mein Kollege redete, sah ich in meinem romantischen, museumsbesuchs├╝berf├╝llten Geist nat├╝rlich alle Arten von Verk├Ârperungen dieses unsichtbaren Begleiters, die schutzengelartig neben den Kindern schwebten: f├╝r die Kleine mit dem halb offenstehenden M├╝ndchen eine Marmornymphe mit Schmetterlingsfl├╝geln, die ich in Rom gesehen habe, f├╝r den Pimpf im Fussballtrikot ein hehrer Apollo aus dem Mus├ęe d’Orsay, und f├╝r das M├Ądchen mit den langen blonden Haaren, die selber wie ein Engelchen aussieht, eine Klimtfrau, die auf einer Leier spielt… Wie sch├Ân, zu wissen, dass sie nicht allein durchs Leben gehen m├╝ssen.

Und dass dieser Begleiter immer da sein wird, auch nach dem Studium im nicht – bayerischen Exil und noch viel l├Ąnger danach. Ich bin jetzt in dieser seltsamen Phase von eher passiver Rezeption angekommen, die ich bei anderen ├Ąlteren Menschen immer unverst├Ąndlich und befremdlich fand: ich h├Âre mit allergr├Âsstem Genuss Streichquartette. Abends auf dem Sofa liegend, ohne was anderes zu tun. Ich starre an die Decke oder mal in den Garten, aber ich konzentriere mich v├Âllig auf die Musik und versinke komplett darin. Ich w├╝rde es nicht ├╝berleben, abends auch noch Klaviermusik zu h├Âren, aber dieses ganz andere Genre, diese wunderbare Vielstimmigkeit und die herzzerreissenden letzten Wahrheiten in den sp├Ąten Beethoven – oder den Schubert – Quartetten sind im Moment genau richtig. Ich m├Âchte einfach nur pure Substanz und Inhalt. Keine Unterhaltung oder Zerstreuung. Und dann mache ich die CD auch bewusst wieder aus. Und selbst wenn wieder Stille ist – ich bin nicht allein. Mein unsichtbarer Begleiter schwebt noch ├╝ber dem Sofa…

Und wer weiss, vielleicht geht es so bis zum letzten Atemzug? K├╝rzlich h├Ârte ich auf dem Weg nach Erding Dvorak’s Klavierquintett, zum ungef├Ąhr zehnten Mal in zwei Wochen, und war trotzdem so entr├╝ckt und der Welt enthoben (ich weiss ja nicht, was diese Diskussionen ├╝bers Handy am Steuer immer sollen – ich finde Musikh├Âren wesentlich gef├Ąhrlicher), dass ich etwas zu knapp auf die B12 einbog und fast von einem Laster erfasst wurde, auf dem – DVORAK stand. Nach dem ersten Schreck fand ich das richtig gelungen. Was g├Ąbe es Beruhigenderes, als auf Wogen von Dvorak und durch Dvorak ins Jenseits zu schweben? Und im Lebenslauf macht es sich auch gut.

Seither fordere ich das Schicksal heraus, zur Zeit besonders gern mit dem langsamen Satz aus dem ┬áF-Dur – Quartett, aber: ich treffe nur auf sehr allt├Ągliche Laster. Lettl, Gartner, Prunster. Da bremse ich dann doch lieber. Bin schon ein Snob, was mein Ableben anlangt.