Zu viel Weihnachten

12. Januar, 201710:43 von

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Geplant war: ein schönes Festessen fĂŒr die Familie am zweiten Weihnachtsfeiertag, ein opulentes Essen mit Freunden am Dreikönigstag mit Rezepten von der Titanic – weil danach alles vorbei ist und man lieber noch mal in Glanz und Gloria ein Fest feiert, als melancholisch und allein unter dem Christbaum zu sitzen. Dazwischen: viel Zeit zum Atemholen und Runterkommen nach einem ungewöhnlich arbeitsreichen Dezember. Vielleicht sogar Tage, an denen man lange schlĂ€ft und danach nur lesend auf dem Sofa liegt.

Davor, am 22., wĂ€re noch mein SchĂŒlerkonzert bei uns zuhause. 22 SchĂŒler und danach ihre Eltern zum Tee und Lebkuchenessen – das ist der alljĂ€hrliche Wahnsinn, nach dem das Erdgeschoss eine Grundreinigung braucht, aber darin hab ich schon Routine. Und danach hĂ€tte ich ja vermeintlich zwei Tage zum Ausspannen, bevor es weitergeht.

Das war der Plan.

Dann kam eine Silvester – Einladung, und kurz danach eine von neuen Freunden am 1. Januar um 13 Uhr, um das neue Jahr zu feiern. Dann unvermutet eine Kaffee – Einladung fĂŒr den 2., und noch ungeplanter eine fĂŒr den 4. Auch wenn Kaffee in MĂŒnchen einen halben Tag Abwesenheit bedeutet – zu so netten Leuten will man nicht nein sagen, oder? Als ich nach meinem SchĂŒlerkonzert mit dem Staubsauger durchs Haus fegte, klingelte es: eine mir unbekannte Frau stellte sich als Mutter unseres jungen Nachbarn vor und erklĂ€rte, dass er nach einem lebensgefĂ€hrlichen Unfall auf der Intensivstation in Salzburg liege und wir uns nicht wundern sollten, wenn sie hier aus und ein ging, sie sei jetzt ĂŒber die Feiertage hier. Allein, fragte ich? Ja, dann solle sie doch den Heiligabend bei uns verbringen. Denn an Heiligabend allein sein mit solchen Sorgen – das muss ja nicht sein. Wieder im Haus betrachtete ich den Kater, der offensichtlich ein  halb aufgegessenes Vanillekipferl unter dem Sofa gefunden hatte und auf dem Teppich damit spielte. Was hatte ich da grade gemacht?! (Aber: es war fast die schönste Einladung, weil sie sehr still und intensiv war und wir uns richtig gut unterhalten konnten mit der Unbekannten).

Am 23. unterrichtete ich bis abends, schaffte es aber davor und danach, gefĂŒhlt unsere verschiedenen LĂ€den leerzukaufen. Was fĂŒr ein GetĂŒmmel! War ich froh, dass ich’s hinter mir hatte!

Dachte ich.

Denn am 24., drei Stunden vor Ladenschluss, rief der weihnachtsmuffelige Bruder an, der alle Einladungen strikt abgelehnt hatte, und erzĂ€hlte eine phantasievolle Geschichte von einer Fliegerbombe ein paar Meter vor der HaustĂŒr und der Evakuierung der Augsburger Altstadt und noch so ein paar MĂ€rchen. Ich wollte sagen: sag doch einfach, dass euch langweilig ist und ihr nicht zum Einkaufen gekommen seid. Doch die Geschichte war so sorgfĂ€ltig konstruiert, dass ich ihn  nicht enttĂ€uschen wollte. Also fiel die Augsburger Verwandtschaft am 25. ein, inklusive zwei Vierbeinern. HĂ€tte ich das gewusst, hĂ€tte ich garantiert nicht so sorgfĂ€ltig geputzt – Hunde nach einem Winterspaziergang sind ein Kapitel fĂŒr sich..

Kurzfassung: wir hatten vom 22. 12. bis 6. 1. sage und schreibe zehn Einladungen. So nett jede einzelne fĂŒr sich war, so anstrengend war es letztlich. Aber ich war selber schuld: ich wollte grade zu dieser Jahreszeit aufgeschlossen und freundlich sein. Merkte aber danach: jedes „ja!“ zu einem anderen ist ein „nein“ zu mir selbst. Als dann nach Weihnachten der Schnee kam und ich immer wieder den Gehweg freischaufelte, dachte ich: so ist mein Leben jetzt. Ich schippe und schippe und schwitze, und dann schippe ich noch ein bisschen, um fĂŒr zwei Stunden Durchblick zu haben. So waren der November und Dezember, als ich mich durch Berge von Arbeit und sehr viele Extrastunden schleppte, und so sind diese vermeintlichen Ferien, in denen ich nicht einen Mittagsschlaf halten konnte und mich fast tĂ€glich in Schale warf und auf den Weg zu einer Einladung machte.

Wo sind denn die Menschen, die immer bedauert werden, weil sie Weihnachten allein verbringen? Können wir bitte nÀchstes Jahr tauschen?!

Im Gegensatz zu frĂŒheren Weihnachten, die ich bewusst und leise zelebriert habe, habe ich dieses Jahr nur zwei Mal einen Funken von Ruhe und Frieden gespĂŒrt: einmal, als ich mit meiner Mutter nach einem Ausflug in der DĂ€mmerung und dann Dunkelheit im Aran – CafĂ© in Tegernsee sass, direkt am dunklen See und mit Blick auf die Lichter am anderen Ufer. Und das andere Mal jetzt, als die Schule schon wieder begonnen hatte und eine kleine SchĂŒlerin, die auf ihre Stunde wartete, völlig versunken und fast hypnotisiert vor meiner kleinen Weihnachtspyramide kniete und ganz still den BĂ€umchen beim Drehen zuschaute. Das hat mich selber ruhig gemacht und ein bisschen vom Zauber des Fests zurĂŒckgebracht. Wahrscheinlich darf man nicht stĂ€ndige GlĂŒckseligkeit erwarten, sondern sollte dankbar sein fĂŒr solche geschenkten Momente, die letztlich die Essenz des Ganzen in sich tragen.

Es waren verrĂŒckte Weihnachten, aber im Januar werde ich gar nichts machen. Wirklich gar nichts. Ausser Unterrichten, AdditumsprĂŒfungen begleiten, Montagskonzert begleiten, fĂŒr beides ĂŒben, was das Zeug hĂ€lt – aber die Wochenenden sind fĂŒr mich. Und fĂŒr ein wunderbares neues Magazin, das FluchtplĂ€ne fĂŒr die nĂ€chsten Weihnachtsferien aufkeimen lĂ€sst…