Mittagstisch

21. Oktober, 201508:27 von

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DSCF2435Je l√§nger ich unterrichte, desto mehr Ideen habe ich, wie man die Hochschulausbildung praxisn√§her gestalten k√∂nnte. Vielleicht – hoffentlich – hat sich auch viel ge√§ndert seit meinen Studientagen.¬†Oder m√∂glicherweise sollen ehrgeizige Liszt-Nachfolger/innen, die nur aus Vernunftgr√ľnden das p√§dagogische Diplom dranh√§ngen, nicht komplett abgeschreckt werden? Fakt ist aber, dass ein Praktikum im Kindergarten nicht schaden w√ľrde f√ľr das ganze Drumherum mit kleinen Menschen, das unversehens auf einen zukommt. Allein das Reinkommen und¬†Jacken aufh√§ngen und noch mehr: das Gegenteil. Wie viele eingeklemmte Reissverschl√ľsse habe ich schon befreit? Wie viele verhedderte Schuhb√§nder aufgedr√∂selt, und wie viel Geduld aufgebracht, wenn der n√§chste schon auf dem Klavierstuhl sitzt, der Vorherige mir aber zeigen muss, dass er schon Schleifen binden kann (in Zeitlupe…). Wie viele vergessene Fahrradhelme hab ich schon durch Wasserburg getragen?! Wer allein von diesem Anblick auf meinen Job schliessen sollte, w√ľrde sicher nicht auf das kommen, was ich eigentlich tue. Eher Fahrradhelmvertreterin oder vierfache Mutter…

Mit den Grundschulkindern passiert es unversehens, dass man eine Art nette Tante wird, die Pflaster, Taschent√ľcher und Hustenbonbons parat hat, bei akuten Hungeranf√§llen eine Banane oder ein Butterbrot herbeizaubert und sich manchmal auch die wirklich traurigen Geschichten aus einem Kinderleben anh√∂ren muss. Gestorbene Haustiere, Ungerechtigkeiten bei der Rollenverteilung im Krippenspiel, Treulosigkeiten von neunj√§hrigen Klasskameraden, die so fest beteuert hatten, dass sie einen heiraten w√ľrden – da kann man nicht einfach zum Tagesgesch√§ft √ľbergehen und Klavier spielen.

Manchmal f√ľrchte ich aber doch, dass ich ein Problem habe, mich abzugrenzen. Mit den Grossen und Nachholstunden und solchen Sperenzchen habe ich es wirklich gut im Griff, seit ich erkannt habe, dass ich sonst kein bisschen Freizeit mehr haben w√ľrde. Aber wenn eine Drittkl√§sslerin ihre Mutter beim Abholen fragt, wann sie hier einziehen kann – nicht etwa,¬†ob –¬† , muss ich schon schlucken. √úberhaupt wundere ich mich, wie oft Eltern ihre Kinder bei mir „vergessen“. Vielleicht w√§re das nicht der Fall, wenn ich ein bisschen miesepetriger w√§re. Nicht abgeholte Kinder werden gnadenlos zum Arbeiten eingesetzt, aber selbst das hat keinen abschreckenden Charakter. Im Gegenteil. Sie fragen, wann sie wieder mit mir Kartoffeln sch√§len, Erdbeeren pfl√ľcken, Algen aus dem Teich holen d√ľrfen. (Das einzige Mittel, das hilft: solche F√§lle nicht vor die Pause oder ans Unterrichtsende legen, wenn es m√∂glich ist. Aber man muss erst mal rausfinden, wer so viele Kinder hat, dass er erst neunzig Minuten sp√§ter merkt, wenn eins davon abgeht…)

DSCF2408Es gibt Zeiten, da denke ich, ich hab in der Hinsicht schon alles erlebt. Aber an den Punkt kommt man wohl nie… Als ich mit einer Mutter √ľber den bevorstehenden Geburtstag ihres Sohnes¬†redete und mehr konversationshalber fragte, was sie backen wird, stutzte sie und fragte tats√§chlich: „Richten Sie eigentlich auch Kindergeburtstage aus? Ihre Parties sind immer so gelungen.“ Mit „Party“ meinte sie meine durchdacht und aufwendig gestalteten Konzerte, bei denen es danach halt auch Muffins gibt.¬†Ist ja super, wenn es so ankommt, ich bin ja auch beruhigt, wenn es f√ľr meine Sch√ľler eher Spass als Pr√ľfungssituation ist, aber – ein bisschen mehr Respekt vor meiner Ausbildung, bitte!

Oder k√ľrzlich, da¬†fragte die Mutter eines M√§dchens vom Gymnasium, das direkt von der Schule zu mir kommt und keine M√∂glichkeit zum Mittagessen hat, ob ich gegen Bezahlung auch einen Mittagstisch anbieten w√ľrde. Da dachte ich wirklich, ich habe mich verh√∂rt. Erstens: wieso denkt sie, dass ich kochen kann/ werktags √ľberhaupt warm esse? Zweitens: nie w√ľrde ich auf meine einsamen Mittagessen, die mehr der Lekt√ľre als der Nahrungsaufnahme dienen, verzichten. Dieses bisschen Ruhe vor dem Sturm ist f√ľr meine seelische Gesundheit enorm wichtig. Vielleicht hatte sie ja eine idyllische Vorstellung, dass ich selber Kinder habe, f√ľr die ich t√§glich koche, und der Mann wom√∂glich auch noch dazu kommt und dann ein Kind mehr oder weniger nicht ins Gewicht f√§llt. Wahrscheinlich ist sie einfach von ihrem eigenen Leben ausgegangen, wie man das immer tut. Aber mich hat die Frage nachhaltig verst√∂rt. Ich lausche seither unauff√§llig, ob dem armen Kind in der Klavierstunde der Magen knurrt (dann w√ľrde ich wohl umkippen.) Gr√ľbele, ob ich zu asozial und einsiedlerisch lebe, wenn ich nicht mal spontan jemand zu einem existierenden Essen einladen k√∂nnte. Komme, wenn ich meinen Stundenlohn zugrunde lege, aber zu einem Preis, bei dem sich das M√§dchen ein¬†Men√ľ vom besten Restaurant¬†der Stadt¬†direkt in die Schule liefern lassen k√∂nnte, inklusive Service.

Aber vielleicht w√§re das eine neue Gesch√§ftsidee. Platz genug h√§tten wir. Ich k√∂nnte franz√∂sische Konversation, Tischmanieren, das stilvolle Beantworten von Briefen anbieten, zus√§tzlich zu den t√§glichen Klavierstunden. Und w√§re endg√ľltig im 19. Jahrhundert angekommen…