Wo bleibt der Nebel?

11. November, 201511:16 von

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DSCF8630„Fr├╝her, als ihr noch lange nicht auf der Welt wart und die Tante noch jung, da gab es richtig dunkle, kalte┬áHerbsttage, an denen man es sich zuhause gem├╝tlich machte. Manchmal lag im November schon Schnee. Auf jeden Fall gab es viel, viel Nebel. Morgens ├╝ber dem kleinen Fluss unten im Tal, oder abends, wenn es langsam dunkel wurde und wir noch im Wald waren zum Kastanien- und Eichensammeln. Dann zogen die Nebelschleier langsam von den Wiesen hoch, es wurde k├Ąlter und feuchter und wir wussten, dass wir bald nach Hause mussten. Bl├Ątter haben wir auch gesammelt und gepresst und zwischen Transparentpapier geklebt, um dann Martinslaternen zu basteln. Mit denen wir tats├Ąchlich singend durchs Dorf gezogen sind – es gab dunkle Stellen, an denen unsere schwankenden Lichtchen die einzige Beleuchtung waren. Wir waren in eine gem├╝tliche, heimelige Dunkelheit geh├╝llt, die nichts Schlimmes hatte, weil wir wussten, dass ganz in der N├Ąhe ein warmes Zuhause wartet, in dem Kerzen angez├╝ndet waren, heisser Kakao und vielleicht Gew├╝rzkuchen wartete und wir f├╝r Advent basteln w├╝rden. Wir waren voller Vorfreude auf die ganzen gem├╝tlichen Erlebnisse der dunklen Jahreszeit – Vorlesen, Adventskalender ├Âffnen, Weihnachtslieder auf der Fl├Âte ├╝ben, der ganze m├Ąrchenhafte und ersehnte Glanz der Weihnachtszeit…“

Ich komme mir tats├Ąchlich vor wie die uralte, weisshaarige Tante im Lehnstuhl, wenn ich an die Novembertage meiner Kindheit zur├╝ckdenke. Jetzt gibt es Halloween und vorgefertigte Verkleidungssets im Plastikbeutel – nix mehr mit Basteln oder Selbermachen. Und ├╝berhaupt – Halloween… Und das Wetter: im Moment werden wir mit Nebel nicht grade verw├Âhnt, und es fehlt mir enorm. Meine Haut, meine Haare, mein ganzes Ich bl├╝hen auf und werden lebendiger, wenn die Luft sch├Ân feucht und undurchsichtig ist. Und was haben wir? Seit ungef├Ąhr zehn Tagen die reinsten Fr├╝hlingstemperaturen. St├Ąndig Sonnenschein und dunkelblauer Himmel. Gestern hatte es 20 Grad, als ich am Inn lief. Ohne Jacke oder Schal. So angenehm und sch├Ân das auch sein mag – es passt nicht. Ich bin schon auf anderes eingestellt und habe mich nach dem zu langen und heissen Sommer auf Dunkelheit und Kerzenlicht┬ágefreut.

DSCF8617Gestern gab es ein v├Âllig unzeitgem├Ąsses abendliches Erlebnis, das ich festhalten muss, weil es so im November eigentlich nicht vorkommt: eine Sch├╝lermutter fragte, ob sie was von unserem Lavendel im Garten haben k├Ânnte, weil sie mit den Kindern Seifen als Weihnachtsgeschenke basteln wollte. Wir tappten also nach der Klavierstunde ihres Kleinen in den fast ganz dunklen Garten. Es war warm, und Amseln zischten laut schimpfend ├╝ber unseren K├Âpfen, als w├Ąre April. Wir schnitten einen Haufen Lavendel ab (gut, dass ich bisher noch nicht zum Zur├╝ckschneiden gekommen bin!), und der Kleine piepste immer wieder: „Mama, da ist ein ganz saftiger!“. Und dann hatte ich die Idee, dass Rosen in den Seifen sicher auch gut w├Ąren. Madame Knorr, die allers├╝sseste Duftrose aller Zeiten, ├╝berliess uns noch drei bet├Ârend duftende┬áBl├╝ten. Und Madame Alfred Carri├Ęre, die immer h├Âher in den Kirschbaum klettert, hatte noch zwei nach Nelken und Aprikosen duftende Bl├╝ten f├╝r uns. Eine traumhafte Ausbeute. Meine Sch├╝lermutter hielt mir ihre beiden H├Ąnde hin, voll mit Rosen und Lavendel, und sagte: „Riechen Sie mal. Wir sind wieder im Sommer“. Und es war wahr. Ich h├Ątte nie gedacht, dass so sp├Ąte Bl├╝ten noch so s├╝ss und intensiv duften k├Ânnen.

F├╝r mich als Kind roch der November nach Zimt und Kartoffelfeuer und man konnte ohne Schal nicht raus. Mein kleiner Sch├╝ler erz├Ąhlt m├Âglicherweise in 40 Jahren, dass man im November noch keine Jacke brauchte und Rosen und Lavendel im Garten┬áschneiden konnte. Seltsam.