Wo bleibt der Nebel?

DSCF8630„Früher, als ihr noch lange nicht auf der Welt wart und die Tante noch jung, da gab es richtig dunkle, kalte Herbsttage, an denen man es sich zuhause gemütlich machte. Manchmal lag im November schon Schnee. Auf jeden Fall gab es viel, viel Nebel. Morgens über dem kleinen Fluss unten im Tal, oder abends, wenn es langsam dunkel wurde und wir noch im Wald waren zum Kastanien- und Eichensammeln. Dann zogen die Nebelschleier langsam von den Wiesen hoch, es wurde kälter und feuchter und wir wussten, dass wir bald nach Hause mussten. Blätter haben wir auch gesammelt und gepresst und zwischen Transparentpapier geklebt, um dann Martinslaternen zu basteln. Mit denen wir tatsächlich singend durchs Dorf gezogen sind – es gab dunkle Stellen, an denen unsere schwankenden Lichtchen die einzige Beleuchtung waren. Wir waren in eine gemütliche, heimelige Dunkelheit gehüllt, die nichts Schlimmes hatte, weil wir wussten, dass ganz in der Nähe ein warmes Zuhause wartet, in dem Kerzen angezündet waren, heisser Kakao und vielleicht Gewürzkuchen wartete und wir für Advent basteln würden. Wir waren voller Vorfreude auf die ganzen gemütlichen Erlebnisse der dunklen Jahreszeit – Vorlesen, Adventskalender öffnen, Weihnachtslieder auf der Flöte üben, der ganze märchenhafte und ersehnte Glanz der Weihnachtszeit…“

Ich komme mir tatsächlich vor wie die uralte, weisshaarige Tante im Lehnstuhl, wenn ich an die Novembertage meiner Kindheit zurückdenke. Jetzt gibt es Halloween und vorgefertigte Verkleidungssets im Plastikbeutel – nix mehr mit Basteln oder Selbermachen. Und überhaupt – Halloween… Und das Wetter: im Moment werden wir mit Nebel nicht grade verwöhnt, und es fehlt mir enorm. Meine Haut, meine Haare, mein ganzes Ich blühen auf und werden lebendiger, wenn die Luft schön feucht und undurchsichtig ist. Und was haben wir? Seit ungefähr zehn Tagen die reinsten Frühlingstemperaturen. Ständig Sonnenschein und dunkelblauer Himmel. Gestern hatte es 20 Grad, als ich am Inn lief. Ohne Jacke oder Schal. So angenehm und schön das auch sein mag – es passt nicht. Ich bin schon auf anderes eingestellt und habe mich nach dem zu langen und heissen Sommer auf Dunkelheit und Kerzenlicht gefreut.

DSCF8617Gestern gab es ein völlig unzeitgemässes abendliches Erlebnis, das ich festhalten muss, weil es so im November eigentlich nicht vorkommt: eine Schülermutter fragte, ob sie was von unserem Lavendel im Garten haben könnte, weil sie mit den Kindern Seifen als Weihnachtsgeschenke basteln wollte. Wir tappten also nach der Klavierstunde ihres Kleinen in den fast ganz dunklen Garten. Es war warm, und Amseln zischten laut schimpfend über unseren Köpfen, als wäre April. Wir schnitten einen Haufen Lavendel ab (gut, dass ich bisher noch nicht zum Zurückschneiden gekommen bin!), und der Kleine piepste immer wieder: „Mama, da ist ein ganz saftiger!“. Und dann hatte ich die Idee, dass Rosen in den Seifen sicher auch gut wären. Madame Knorr, die allersüsseste Duftrose aller Zeiten, überliess uns noch drei betörend duftende Blüten. Und Madame Alfred Carrière, die immer höher in den Kirschbaum klettert, hatte noch zwei nach Nelken und Aprikosen duftende Blüten für uns. Eine traumhafte Ausbeute. Meine Schülermutter hielt mir ihre beiden Hände hin, voll mit Rosen und Lavendel, und sagte: „Riechen Sie mal. Wir sind wieder im Sommer“. Und es war wahr. Ich hätte nie gedacht, dass so späte Blüten noch so süss und intensiv duften können.

Für mich als Kind roch der November nach Zimt und Kartoffelfeuer und man konnte ohne Schal nicht raus. Mein kleiner Schüler erzählt möglicherweise in 40 Jahren, dass man im November noch keine Jacke brauchte und Rosen und Lavendel im Garten schneiden konnte. Seltsam.

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