Glücksplatz

DSCF8384Falls ich mich irgendwann mal komplett vor der Welt verstecken will, ausatmen, ein paar Tage wirklich und wahrhaftig die Seele baumeln lassen will – dann würde ich mich nach Goldegg begeben. Jetzt war ich hingefahren auf ehrgeiziger Entdeckungstour. Goldegg war nur einer von mehreren Orten, die ich mir anschauen wollte, hauptsächlich wegen des Sees und der Moorbadeanstalt von 1912 aus Franziskas Buch. Ich hatte nicht geahnt, dass meine Seele derartig ausschlagen würde. Sie ist ja immer schnell begeistert, wenn Wasser in der Nähe ist, und an diesem heissen Samstag sehnte ich mich nach der Wanderung auf der „Sonnenterrasse“ unglaublich nach einer Abkühlung. Aber dann fühlte sich noch mal alles anders an, als ich in dem dunkelgrünen Wasser von einem Ende des kleinen Sees bis zum anderen und wieder zurück schwamm. Vom Ort hatte ich bisher nur die Kirche und das Schloss aus der Ferne gesehen, die hinter dem Schilf aufragten. Mit jeder Viertelstunde, die vom Kirchturm erklang, wurde ich ruhiger und glücklicher. Ich schwamm und schwamm und spürte einen inneren Frieden wie schon lange nicht mehr. Hatte das beglückende Gefühl, wirklich bei mir anzukommen und völlig eins mit mir zu sein, und noch dazu auf so wunderbare Weise umgeben von meinem Lieblingselement. Und schon dort dachte ich, es müsste eigentlich perfekt sein, bei passendem Wetter ein paar Tage hier zu wohnen und nichts zu tun ausser Schwimmen, Essen und Lesen.

DSCF8405Nachdem ich mich endlich vom leicht glitschigen Moorwasser losgerissen hatte, beschloss ich, noch kurz durch das Örtchen zu schlendern. Wie gut, dass ich nicht gleich weiter gefahren bin – Goldegg ist der bisher zauberhafteste und allerschönste Ort, den ich auf meinen Touren rund um Salzburg kennengelernt habe. Fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein, denkt man im ersten Moment – aber es ist kein Museumsdorf und auch nicht so perfekt, wie es auf den ersten Blick wirkt. Ein bisschen Patina trägt dazu bei, dass das unglaublich geschlossene Ensemble alter, liebevoll verzierter Holzhäuser an der Hofmark trotzdem lebendig und belebt wirkt. Die Bauerngärten zwischen den Häusern, die Vorgärten, Rosenbögen, markanten alten Sträucher an einer Hausecke quollen jetzt im Hochsommer über von leuchtenden Farben: ein kobaltblauer Rittersporn neigte sich über den Holzzaun, dahinter sattrote Rosen an der Wand und dunkelrote Stockrosen im Beet. Weisse Hortensien und weisser Phlox strahlten über einem perfekt gepflegten Rasen. Die ganze Farbpalette war vertreten – es war das reinste Fest für die Augen und würde selbst dem hübschesten englischen Cottagegarten echte Konkurrenz machen. Was für eine Entdeckung.

DSCF8404Und ein paar Schritte weiter noch eine Entdeckung: der Seehof, ein Hotel in einem behäbigen alten Haus. Ein paar Schritte von der wunderbaren Badeanstalt… Mein wahrgewordener Traum! Und, wie ich zuhause im Netz feststellen konnte, tatsächlich ein Traumhotel mit ganz unterschiedlich eingerichteten Zimmern, die alle ein eigenes Thema haben. Und einem blauen Lesesalon, für den regelmässig alle Suhrkamp-Neuerscheinungen angeschafft werden. Das gibt’s doch nicht! Lesen und Schwimmen! Jetzt noch ein Klavier, und ich würde es sicher auch zwei Wochen aushalten in Goldegg. Weiss aber nicht, was das mit mir anstellen würde – ich fühle mich schon nach den drei Stunden derart verzaubert und beglückt, dass es kaum mit rechten Dingen zugehen kann.

Ich finde, in der Neuauflage der „66 Lieblingsplätze“ sollte Goldegg vom Wasserkapitel ins Kapitel mit den Glücksplätzen verschoben werden!

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