Gl├╝cksplatz

21. Juli, 201507:28 von

0


DSCF8384Falls ich mich irgendwann mal komplett vor der Welt verstecken will, ausatmen, ein paar Tage wirklich und wahrhaftig die Seele baumeln lassen will – dann w├╝rde ich mich nach Goldegg begeben. Jetzt war ich hingefahren auf ehrgeiziger Entdeckungstour. Goldegg war nur einer von mehreren Orten, die ich mir anschauen wollte, haupts├Ąchlich wegen des Sees und der Moorbadeanstalt von 1912 aus Franziskas Buch. Ich hatte nicht geahnt, dass meine Seele derartig ausschlagen w├╝rde. Sie ist ja immer schnell begeistert, wenn Wasser in der N├Ąhe ist, und an diesem heissen Samstag sehnte ich mich nach der Wanderung auf der „Sonnenterrasse“ unglaublich nach einer Abk├╝hlung. Aber dann f├╝hlte sich noch mal alles anders an, als ich in dem dunkelgr├╝nen Wasser von einem Ende des kleinen Sees bis zum anderen und wieder zur├╝ck schwamm. Vom Ort hatte ich bisher nur die Kirche und das Schloss aus der Ferne gesehen, die hinter dem Schilf aufragten. Mit jeder Viertelstunde, die vom Kirchturm erklang, wurde ich ruhiger und gl├╝cklicher. Ich schwamm und schwamm und sp├╝rte einen inneren Frieden wie schon lange nicht mehr. Hatte das begl├╝ckende Gef├╝hl, wirklich bei mir anzukommen und v├Âllig eins mit mir zu sein, und noch dazu auf so wunderbare Weise umgeben von meinem Lieblingselement. Und schon dort dachte ich, es m├╝sste eigentlich perfekt sein, bei passendem Wetter ein paar Tage hier zu wohnen und nichts zu tun ausser Schwimmen, Essen und Lesen.

DSCF8405Nachdem ich mich endlich┬ávom┬áleicht glitschigen Moorwasser losgerissen hatte, beschloss ich, noch kurz durch das ├ľrtchen zu schlendern. Wie gut, dass ich nicht gleich weiter gefahren bin – Goldegg ist der bisher zauberhafteste und allersch├Ânste Ort, den ich auf meinen Touren rund um Salzburg kennengelernt habe. Fast ein bisschen zu sch├Ân, um wahr zu sein, denkt man im ersten Moment – aber es ist kein Museumsdorf und auch nicht so perfekt, wie es auf den ersten Blick wirkt. Ein bisschen Patina tr├Ągt dazu bei, dass das unglaublich geschlossene Ensemble alter, liebevoll verzierter┬áHolzh├Ąuser an der Hofmark trotzdem lebendig und belebt wirkt. Die Bauerng├Ąrten zwischen den H├Ąusern, die Vorg├Ąrten, Rosenb├Âgen, markanten alten Str├Ąucher an einer Hausecke quollen jetzt im Hochsommer ├╝ber von leuchtenden Farben: ein kobaltblauer Rittersporn neigte sich ├╝ber den Holzzaun, dahinter sattrote Rosen an der Wand und dunkelrote Stockrosen im Beet. Weisse Hortensien und weisser Phlox strahlten ├╝ber einem perfekt gepflegten Rasen. Die ganze Farbpalette war vertreten – es war das reinste Fest f├╝r die Augen und w├╝rde selbst dem h├╝bschesten englischen Cottagegarten echte Konkurrenz machen. Was f├╝r eine Entdeckung.

DSCF8404Und ein paar Schritte weiter noch eine Entdeckung: der Seehof, ein Hotel in einem beh├Ąbigen alten Haus. Ein paar Schritte von der wunderbaren Badeanstalt… Mein wahrgewordener Traum! Und, wie ich zuhause im Netz feststellen konnte, tats├Ąchlich ein Traumhotel mit ganz unterschiedlich eingerichteten Zimmern, die alle ein eigenes Thema haben. Und einem blauen Lesesalon, f├╝r den regelm├Ąssig alle Suhrkamp-Neuerscheinungen angeschafft werden. Das gibt’s doch nicht! Lesen und Schwimmen! Jetzt noch ein Klavier, und ich w├╝rde es sicher auch zwei Wochen aushalten in Goldegg. Weiss aber nicht, was das mit mir anstellen w├╝rde – ich f├╝hle mich schon nach den drei Stunden derart verzaubert und begl├╝ckt, dass es kaum mit rechten Dingen zugehen kann.

Ich finde, in der Neuauflage der „66 Lieblingspl├Ątze“ sollte Goldegg vom Wasserkapitel ins Kapitel mit den Gl├╝ckspl├Ątzen verschoben werden!