Hitzefrei – und jetzt?

2. August, 201515:32 von

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DSCF6470Vor drei, vier Wochen habe ich direkt danach gelechzt, Zeit fĂŒr mich zu haben, die ich mit schönen Dingen verbringen könnte. Wie draussen zu schwimmen oder einfach auf einem Steg zu sitzen und die Beine baumeln zu lassen. Jede Minute, die ich bei der Hitzewelle in geschlossenen RĂ€umen verbringen musste, kam mir wie vergeudete Lebenszeit vor. Ich hab direkt gelitten, wenn ich, selber schwitzend, meinen hart arbeitenden SchĂŒlern im ĂŒberhitzten Gymnasium mit Noten Luft zufĂ€chelte und dachte: mei, dem MĂ€dchen ringeln sich auf der Stirn schon die feinen HĂ€rchen vor Feuchtigkeit – am Clementi kann’s nicht liegen, aber bald kollabiert sie. Ich habe nicht unter unserem disziplinierten Spielen gelitten, sondern darunter, dass schon wieder Minuten, die man sinnvoller am See verbringen könnte, unwiderruflich verflossen.

Wenn ich endlich dort war, habe ich es mit jeder Faser meines Körpers und in vollen ZĂŒgen genossen. Wohl wissend, dass meine Zeit fĂŒr solche VergnĂŒgungen limitiert ist und irgendwann der nĂ€chste Termin lauert. Ich bin so lange geschwommen, bis meine Fingerspitzen ganz verschrumpelt waren. Und die zwei Tage Sommerfrische im Salzburger Land: ich war glĂŒcklich ĂŒber jede einzelne Sekunde und war mir auch bewusst, wie privilegiert ich bin, dass ich mir inmitten der Sommerkonzerte, der letzten Noten, die eingetragen werden mussten, und der letzten Fachschaftssitzung so eine erfrischende und malerische Auszeit gönnen konnte.

Und jetzt? Liegen sechs völlig freie Ferienwochen vor mir. Und mein Antrieb, irgendwas auf die Beine zu stellen, ist so winzig, dass man ihn vergessen kann. Schwimmen gehen? Hm, heute ist es ein bisschen kalt. (Wobei 20 Grad und Regen der typische Ferienanfang bei uns sind – deshalb war ich ja wĂ€hrend des schönen Wetters so wepsig, nichts zu versĂ€umen.) Und ich kann ja morgen noch gehen. Und irgendwo hin fahren und wo ganz anders schwimmen, im Salzkammergut oder so? WĂ€r schon gut, aber das geht ja nĂ€chste Woche auch noch, und vielleicht ist heute viel Verkehr. Intensiv und hochkonzentriert eine halbe Stunde ĂŒben, weil man dann bis zum nĂ€chsten Tag nicht dazu kommt – auch uninteressant, man kann ja spĂ€ter am Nachmittag dafĂŒr drei Stunden spielen.
Kurz gesagt: bodenlos, wie hier mit der Zeit umgegangen wird! Und wie entspannt ich dabei bin! Es ist ein sonderbares PhĂ€nomen, aber so alt wie die Menschheit selber. Und ich habe so das GefĂŒhl, Seneca und Montaigne haben sich schon kompetenter dazu geĂ€ussert – wenn ich es finde, liefere ich ein Zitat nach. Es ist einfach so: ist etwas im Übermass vorhanden, ist es nichts mehr wert. Egal, ob es sich um Essen, Zuneigung, Musik, freie Zeit handelt. Gibt es zu viel davon, weiss man nicht mehr, wie man damit umgehen soll und ist möglicherweise irgendwann ĂŒbersĂ€ttigt. Weil man es nicht schafft, selber „stop!“ zu sagen, so wie ich bei den Zimtschnecken gestern… Weil man nicht klug mit seinen Ressourcen umgeht.

Das umgekehrte PhĂ€nomen sind limitierte Ereignisse, die die grössten Begehrlichkeiten wecken: eine Kult-Handtasche mit Warteliste, Karten fĂŒr die Bayreuther Festspiele, ein Preview von irgendwas, bevor es normale Sterbliche zu sehen bekommen – es gibt Menschen, die unglaublich viel Energie und Geld auf so was verwenden. Und an ihrer Vorfreude wahrscheinlich mehr haben als am erreichten Gut. GĂ€be es diese Dinge im Übermass, wĂ€ren sie so uninteressant wie meine langen Ferien.

Warum ist man so? So menschlich? Und kann man was dagegen tun? Ist es nötig, was dagegen zu tun?!