Aufgetankt

14. April, 201508:54 von

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dolce vitaWas wĂ€re, wenn man wirklich mal einen Tag lebt, als wĂ€re es der erste, letzte und einzige kostbare Tag, den man hat? Wenn man es sich nicht nur vornimmt wie schon oft, sondern es einfach aus ganzem Herzen tut und jede Sekunde bewusst geniesst? Und selber staunt, wie reich man wird, wenn man still und ruhig wird, gleichzeitig stĂ€ndig in Bewegung ist. Faul im Liegestuhl sitzt und davor und danach ganz viel Staub auf den Schuhen sammelt beim Stadt- und Alleelaufen. Auf Wanderwegen keucht und minutenlang stumm vor Ehrfurcht an einem einsamen Wasserfall sitzt. Die sĂŒndigsten Torten isst und gleichzeitig denkt: aber ab nĂ€chster Woche… Kurz: alles, was man liebt und gern tut, in einen intensiven Tag packt und trotz SinnesĂŒberflutung denkt, man will noch mehr. Warum macht man das nicht öfter? Die Seele ist nachhaltig beglĂŒckt und man spĂŒrt so viel mehr Energie und Lebensfreude, als wenn man sich zuhause auf dem Sofa schont.

NonntalIrgendwie fĂ€llt mir bei den österreichischen Nachbarn das Abschalten leichter. Selbst wenn es nur ein StĂŒndchen mit dem Auto ist, habe ich beim Passieren von Landesgrenzen das GefĂŒhl, ich kann alles hinter mir lassen und bin fĂŒr nichts verantwortlich. Ungeputzte Fenster, SĂ€cke voller GartenabfĂ€lle, die zum Wertstoffhof mĂŒssen, Unterrichtsvorbereitung – geht jetzt nicht, weil ich im Ausland bin und da ein Cappuccino mit Bergblick fĂŒr mich steht. Ich kann besser entspannen, wenn ich mich selbst so ĂŒberliste.

Salzburg ist und bleibt meine Herzensstadt. Und das Lieblingsbuch vom letzten Jahr steht auch dieses Jahr hoch im Kurs – zur Saisoneröffnung gab es einen idyllischen MĂŒhlenwanderung zu fĂŒnf historischen MĂŒhlen in Ebenau. StĂ€ndig gurgelt und rauscht es, das Wasser glitzert in der Sonne und die HĂ€nge waren ĂŒbersĂ€t von wilden Christrosen – Schneerosen heissen sie hier. Am Ende des Weges wird die Schlucht immer höher und schmaler. Dass dann noch so ein riesiger weisser Wasserfall vor einem auftaucht, nimmt einem fast den Atem. Der Platz dort ist unglaublich stimmungsvoll, weil er so geschlossen wirkt durch die Felsen rundherum und dem hohen Wasserfall fast in der Mitte. Wie ein Ausschnitt aus einer Kathedrale, und genau so symmetrisch und anscheinend wohl geplant. Selten hatte ich so sehr das GefĂŒhl, im Freien urplötzlich an einem „heiligen“ Ort zu sein. Klingt sehr esoterisch, ich weiss, aber man muss es erleben. Was auch zu dieser Stimmung beitrug, war die Einsamkeit und völlige Stille dort. Möglicherweise ist das im Sommer anders, zumal das flache Kiesbecken absolut zum Baden einlĂ€dt. Aber jetzt war es ruhig und einsam, und gerade deshalb habe ich hier viel mehr die Kraft und Energie des Wassers gespĂŒrt, das seit UntersbergJahrtausenden ĂŒber diesen Felsen fĂ€llt, als an den touristenumtosten Krimmler WasserfĂ€llen. Plötz ist tatsĂ€chlich ein Ort zum Auftanken. Der unerwartete, fast mystische Zauber dieser Stelle hat mich ganz seltsam angeweht. Ich denke mir: falls man im Leben mal an einen Punkt kommt, an dem man mit einem Ritual alles hinter sich lassen, sich reinwaschen und völlig neu anfangen möchte – dann wĂ€re das hier der Ort. Und ganz ohne sich tatsĂ€chlich unter den Wasserfall zu stellen. Die Kraft ist so stark, dass es wahrscheinlich schon reicht, einfach am Rand zu sitzen. Und falls mal die kreativen Quellen versiegen sollten – hier ist die Aufladestation. Definitiv! Zur Zeit geht’s mir gut, in mir sprudelt und gurgelt es wie in den kleinen MĂŒhlbĂ€chen hinter dem Wasserfall und ich muss eher ĂŒberlegen, in welche KanĂ€le ich meine Ideen lenke. Aber sollte es mal eine Blockade geben, weiss ich, wo ich hingehen kann… (Und die Freundin seufzt: „Klavierlehrerinnen, ich sag’s ja… Ich bring dich dann mal in einer Vollmondnacht hier her.“)