Beruf und Berufung

27. April, 201508:25 von

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Beim Klicken von Link zu Link kam ich auf einen Artikel in irgendeinem Blog – ich weiss leider wirklich nicht mehr, wo – der mich nachdenken liess ĂĽber das, was ich den ganzen Tag so mache. Es ging darum, ob man seine Arbeit fĂĽr sein Ego macht oder weil es einfach sein muss. Beruf oder Berufung quasi. Tut man was fĂĽr sein Ego, erhofft man sich von der Betätigung eine grosse, repräsentative Yacht, mit der man stilvoll fĂĽr alle sichtbar anlegen kann. Macht man es, weil man einfach muss und nicht anders kann, ist es, als ob man barfuss auf einem wackeligen Surfbrett steht und nicht genug vom Wasser um sich herum kriegen kann.

Das fand ich spannend. Bin ich doch in einer privilegierten Lage mit dem Unterrichten und ständig von Musik umgeben-Sein. Viele denken, ich folge jeden Tag wieder glĂĽcklich meiner Berufung. Und so ist es ja auch, zu einem ganz grossen Teil – aber was ist mit diesem Schreiben hier? Die Musik und das Reden darĂĽber ist so sehr Teil von mir, dass ich gar nicht darĂĽber nachdenke. Es ist einfach meine Art, mich auszudrĂĽcken und zu kommunizieren. Ich kann nicht anders, gewissermassen. Und weil ich es so lange schon mache und immer mehr Erfahrung darin bekomme, habe ich das GefĂĽhl, ich muss es an andere weitergeben. Aber weil ich selber Zeit und meine Eltern Geld investiert haben, nehme ich auch Geld dafĂĽr – lebe davon. WĂĽrde ich die hypothetische Million gewinnen, wĂĽrde ich aber hunderprozentig auch noch unterrichten ( mit Einschränkungen: manchen SchĂĽlern wĂĽrde ich fĂĽr immer freigeben und ihnen empfehlen, jetzt mal ernsthaft Fussball zu spielen. Andere wĂĽrde ich drei Mal die Woche unterrichten, und ohne auf die Uhr zu schauen. Aber ich könnte sicher nicht ohne das Unterrichten leben.) Diese Tätigkeit ist also in einem Graubereich zwischen Beruf und Berufung – bis zur Yacht dauert’s auch noch ein bisschen, und wenn, wird es eine ganz, ganz kleine sein, so im Badewannenformat…

Manchen Berufen sagt man traditionell nach, dass sie auch Berufung seien. Besonders häufig im seelsorgerischen, pädagogischen, pflegerischen und medizinischen Bereich. Aber grade hier ist die Gefahr des Burnout, des sich zu sehr – Verströmens besonders hoch. Vielleicht darf man dankbar sein, wenn man das, wozu man sich berufen fĂĽhlt, nicht zum Broterwerb und täglich tun muss. Und ich denke, es kommt häufiger als man glaubt vor, dass Menschen, die man zu kennen meint, ganz heimlich und im stillen Kämmerchen einer kreativen Art von Berufung nachgehen – oft jahrelang und so unbemerkt in freien Minuten, dass man es buchstäblich nicht mitbekommt. Wie war das doch mit Jane Austen und Charles Dickens? Und ist „Harry Potter“ nicht auf ähnliche Weise entstanden? Diese ganz private Berufung ist vielleicht die höchste und reinste Form, die es gibt – Kreativität zum reinen Selbstzweck, ohne Gedanken an Profit oder Selbstdarstellung. Aber mit der unermesslich schönen Belohnung, völlig in einer Tätigkeit aufzugehen, die Zeit und alles um sich herum zu vergessen und, obwohl es Energie gekostet hat, neue Tatkraft und Optimismus aus diesem Tun zu schöpfen. Und befeuert von dem Bewusstsein: ich kann es nicht nicht tun.

Meine Seele braucht das schwankende Surfboard, das wilde Dahinschiessen, die Gischt auf der Haut, das glitzernde Wasser um mich herum – und das ist seltsamerweise nicht die Musik, sondern das Schreiben. Von dem ich immer noch nicht weiss, woher es kommt. Und das ich so lange ganz heimlich gemacht habe, und wenn ich nicht allein zuhause war, unauffällig was von „ich muss noch was am Schreibtisch machen“ gemurmelt habe. Oft habe ich das GefĂĽhl, es passiert mit mir. Wie diese ganzen Artikel fĂĽr „Pianonews“: monatelang schreibe ich nichts, unterrichte, beobachte, denke nach und ordne meine Beobachtungen. Und dann schreibe ich vier Artikel in einer Woche und staune beim Durchlesen selber, woher das kommt. Oder auch hier, dieses seltsame Medium. Seit 2009 schreibe ich hier mehr oder weniger ohne Plan und finde solche ErfĂĽllung darin, mein Leben auf diese Weise festzuhalten. Am Anfang hatte ich ja wirkliche Probleme mit dem Selbstbewusstsein und ĂĽberhaupt mit der Tatsache, dass ich auf einmal schreibe (da hätte ich es auch noch nie schreiben genannt!), aber: es ist eine wunderbare Art, den Alltag festzuhalten, aktiv etwas gegen die fliehende Zeit zu tun, einfach seinem Leben eine Richtung zu geben. Und ab jetzt werde ich es auch Schreiben nennen. Ich habe nämlich zum ersten Mal, seit ich das tue, meine Blogartikel von diesem Serverdingsbums oder wie das heisst auf meinen Computer gespeichert (ja, Bruder, ich höre Dich!) – und bin fast vom Stuhl gefallen, als der Computer mir automatisch die Wörteranzahl angezeigt hat. Ich weiss, wie sich 1500 Wörter anfĂĽhlen wegen der Klavierzeitschrift. Aber…………..? Sooo viele? (und ich habe ungefähr zwei Drittel von dem, was ich in diesen Jahren geschrieben habe, unwiderruflich gelöscht. Wegen Banalität und Ă„hnlichem…) Das seltsame ist, dass ich es selber als letzte glauben kann, dass ich das alles fabriziert haben soll. Vielleicht ist es meine Berufung? Ich wĂĽrde und werde es weiterhin machen, ohne je einen Cent dafĂĽr zu bekommen. Aber der wirkliche Lohn, die Freude und Befriedigung, die es mir gibt, ist mehr wert. Und so werde ich mich weiterhin mitten in die tĂĽrkisen Wellen stĂĽrzen, will richtig nass werden dabei und ruhig auch mal untertauchen und mich ganz lebendig fĂĽhlen.

Also, liebe Leserinnen und Leser – pflegt Eure heimlichen Leidenschaften und SehnsĂĽchte. Es gibt nichts Belebenderes. Möglicherweise schaut man am Ende des Lebens zufriedener auf das zurĂĽck, was man in heimlichen und gestohlenen Momenten fabriziert hat als auf das, was die ganze Welt sehen durfte.

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