Die Freuden, ein russisches SchĂŒlerkonzert vorzubereiten

4. April, 201508:41 von

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2Die politische Lage in der Ukraine motiviert einen zur Zeit nicht unbedingt, aber: ich kann allen KollegInnen ein russisches SchĂŒlerkonzert nur empfehlen. Selten hatten wir so viel VergnĂŒgen und Spass wie in den letzten Monaten. Das liegt zum einen an der einfach hervorragenden und unglaublich vielfĂ€ltigen SchĂŒlerliteratur, die einem zur VerfĂŒgung steht. Und dann wundere ich mich wieder, wie sehr ein klares Konzept alle vereint und veranlasst, sich voll und ganz einzubringen. Als wĂ€re es Ehrensache, bei diesem Konzert dabei zu sein.

Nachdem wir im letzten Sommerkonzert so viel Einaudi und Tiersen hören durften, dass es fĂŒr zwei Jahre reicht, beschloss ich, meine SchĂŒler auf diplomatische / leicht manipulative Weise auf den Weg der Tugend zurĂŒckzufĂŒhren, indem ich ihnen ein aufregendes, unbekanntes Motto fĂŒrs nĂ€chste Konzert prĂ€sentierte: wir spielen nur russische Musik! Was wirklich rĂŒhrend ist: jeder findet es toll, dabeizusein, und bis jetzt hat tatsĂ€chlich noch niemand bemerkt, Boris_Klavdievich_Kabalevsky,_Dmitri_Kabalevsky,_Elena_Kabalevsky__St__Petersburg,_1909dass keine leichten, aber beeindruckend klingenden JazzstĂŒcke dabei sind. Fast komme ich mir schlecht vor, weil ich die Unschuld und BegeisterungsfĂ€higkeit meiner SchĂŒler derartig ausnutze und sie wie LĂ€mmchen in die Richtung traben, in der ich sie haben will. Aber da muss ich durch – die SchĂŒler leiden definitiv nicht. Ganz im Gegenteil: ich habe den Eindruck, dass das Gesamtkonzept ihnen gefĂ€llt und fĂŒr den Zusammenhalt ĂŒbers Musizieren hinaus wichtig ist. Jeder spielt was Russisches, keiner wird bevorzugt oder benachteiligt.

Prokofiev1Und die StĂŒcke machen einfach Spass. Nach endlosem und akribischen Listenschreiben habe ich meine SchĂŒler mit russischer Literatur bombardiert. Schon die ganzen letzten Wochen lernen sie StĂŒcke und Komponisten kennen, von denen sie zum Teil noch nie gehört haben. Und ich bin begeistert von der endlosen FĂŒlle an pĂ€dagogischer Literatur: buchstĂ€blich kein einziges StĂŒck habe ich doppelt vergeben und erspare mir dadurch auch den Stress, in ein paar Wochen vielleicht freundschaftsgefĂ€hrdend auslosen zu mĂŒssen, wer es jetzt im Konzert spielen darf.  Jeder SchĂŒler spielt auch StĂŒcke querbeet und kann dann das liebste auswĂ€hlen. Der Hintergedanke: die meisten stammen aus bestimmten Zyklen von Tschaikowsky, Kabalewski, Prokofieff oder Tcherepnin, und wenn alles so aufgeht, wie ich mir das vorstelle, wird das Programm wohlgeordnete und beeindruckende Blöcke von einzelnen Komponisten enthalten. Und es war kaum Arbeit fĂŒr mich.

Was mich wirklich beeindruckt, ist die Unvoreingenommenheit und Aufgeschlossenheit meiner Kinderchen. Keiner stellt sich an, keiner sagt, dass er Lampenfieber hat und nur vorspielen kann, wenn er seinen Lieblingskomponisten spielen darf, keiner scheut die Arbeit, was Neues kennenzulernen. Ganz im Gegenteil. Ich finde es mal wieder Wahnsinn, wie gern und bereitwillig Heranwachsende die Welt erkunden und wie wenig Vorurteile sie gegen Musik des frĂŒhen 20. Jahrhunderts haben. Wie viel Freude sie sogar daran haben, wenn es mal richtig schrĂ€g klingen darf! Davon kann ich mir echt ein StĂŒck abgucken. Je weniger Lebenszeit ich habe, desto schneller denke ich in Kosten – Nutzen-Rechnungen: lohnt sich das? Was bringt es mir? Was hab ich davon? Die Kinder schmeissen sich einfach rein und spielen. Unglaublich.

ShostakovichWir haben alle viel Freude an diesem Projekt. Die SchĂŒler geben mir stĂ€ndig RĂŒckmeldung, wie gut ihnen dieses oder jenes StĂŒck gefĂ€llt. Ich freue mich und muss aufpassen, dass ich nicht zu sehr grinse, wenn mir ein SchĂŒler, zu dem ich nach Hause komme, sagt, dass er das StĂŒck nur mit russischer PelzmĂŒtze spielen kann – und sich seine quicklebendige Katze schnappt und sie mit dem Bauch und schlapp herunterhĂ€ngenden Pfoten auf seinen Kopf legt (sie hat es stoisch ĂŒber sich ergehen lassen – die Familie hat sechs Kinder…). Und ich freue mich stĂ€ndig ĂŒber den unerschöpflichen Reichtum an hochwertiger pĂ€dagogischer Literatur. FĂŒr ein italienisches oder norwegisches Konzert mĂŒsste man sich enorm engagieren, und möglicherweise wĂ€re es schnell vorbei. Im russischen Vorspiel kann vom kleinsten AnfĂ€nger bis zum Abiturient jeder teilnehmen, es gibt haufenweise Alternativen und auch viel VierhĂ€ndiges – das reinste Schlaraffenland.

(Bildquellen: Kandinsky: wassilykandinsky.net. Kabalewski mit Vater und Schwester: wikipedia. Prokofieff: musicweb. Schostakowitsch: madwereitnotformusic.tumblr.com)